Wasser ist ein beliebter Verkehrsweg: Bis heute werden 90 Prozent aller Waren per Schiff transportiert. Sogenannte Wasserstraßen gibt es einmal ganz natürlich in Form von Meerengen. Oder aber es sind künstlich von Menschen angelegte Kanäle, meist gewaltige Bauwerke. Sie erleichtern den Schiffsverkehr und kürzen Handelsrouten ab. Eins haben die „flüssigen Verbindungen“ gemeinsam: Sie versetzen uns ins Staunen! Weil sie so lang sind, so gefährlich, so viel befahren, so verrückt oder so teuer. Die folgenden atemberaubenden Wasserstraßen sollten Sie daher unbedingt kennen(lernen):

Wichtigste Handelsroute der Welt: Der Suezkanal

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Unvorstellbare 822 Millionen Tonnen Fracht schippern pro Jahr über den Suezkanal in Ägypten und machen ihn damit zum „Highway der Warenströme“: Auf keinem anderen Wasserweg wird mehr Volumen transportiert. Die berühmte Wasserstraße, eröffnet 1896, ist der wichtigste Seeweg zwischen Europa und Asien und verbindet das Mittelmeer mit dem Roten Meer. Das erspart riesigen Containerschiffen den langen Umweg von 9.800 Kilometern um Afrika herum, wenn sie Waren oder Öl aus Asien zu Kunden in Europa bringen – oder umgekehrt.

Fast 8 Prozent des weltweiten Handels werden hier abgewickelt, Deutschland steht auf Platz zehn der Nutzernationen, vor den USA und Frankreich.7,8 Milliarden Euro investierte die ägyptische Regierung kürzlich in die Erweiterung des Suezkanals und baute parallel eine 35 Kilometer lange neue Fahrrinne, weitere Ausbauten sind geplant. Künftig sollen die Schiffe auf der 197 Kilometer langen und 24 Meter tiefen Strecke nur noch 11 statt 18 Stunden benötigen. 2014 passierten 17.148 Schiffe den Kanal, ein Viertel des weltweiten Warenschiffverkehrs. Das spülte dem Staat Einnahmen in Höhe von 4,8 Milliarden Euro in die Kasse. 2023 sollen es 23 Milliarden sein, hofft die ägyptische Regierung.

Das „achte Weltwunder“: Der Panamakanal

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Er ist ein Meisterwerk der Ingenieurskunst und Technik, weshalb ihn der US-Ingenieursverband 1995 in seine Liste der Weltwunder der modernen Welt aufnahm: der Panamakanal. Die Abkürzung auf dem Weg von Europa an die Westküste der USA ist für den Handel ein Segen: Sie erspart das gefährliche Kap Horn an der Spitze Südamerikas – und damit gut 20.000 Kilometer und drei Wochen Fahrt.

Doch es gibt ein Problem: Für die heutigen Ozeanriesen wird die bereits 1904 eröffnete Wasserstraße langsam zu klein, obwohl seit 2007 heftig daran gebaut wird. Aktuell können Schiffe mit einer Ladekapazität von rund 60.000 Tonnen passieren, doch die wirklich großen Kähne tragen heute bereits die fünffache Last.Für die Erweiterung waren mal 4,69 Milliarden Euro veranschlagt, doch das reicht nicht. Fehlende Mittel in Höhe von weiteren 2,13 Milliarden Euro sind bereits angemeldet. Die Zeit drängt: Jährlich durchfahren 14.300 Schiffe den 81,6 Kilometer langen Kanal, wofür sie rund 10 bis 15 Stunden Zeit benötigen. Nach der Erweiterung sollen es doppelt so viele sein. 5 Prozent des weltweiten Warenverkehrs müssen durch dieses Nadelöhr – Tendenz steigend. Die Schiffe werden kräftig zur Kasse gebeten: Experten schätzen, dass Panama zwischen 6 und 8 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts nur durch den Kanal erwirtschaftet.

Meistbefahrene künstliche Wasserstraße: Der Nord-Ostsee-Kanal

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Hätten Sie das gedacht? Die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt ist – noch vor dem Panama- und dem Suezkanal – der Nord-Ostsee-Kanal in Schleswig-Holstein. Er verläuft über 100 Kilometer zwischen den Städten Kiel und Brunsbüttel. 2014 schipperten rund 32.600 Schiffe mit 105 Millionen Tonnen Ladung durch die kürzeste und schnellste Seeverbindung zwischen Nord- und Ostsee.

Der Kanal hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel: Erbaut wurde er bereits zwischen 1887 und 1914. Er ist nicht nur für die deutschen Nordseehäfen von erheblicher Bedeutung, sondern bundesweit für die import- und exportabhängige Wirtschaft.Kleiner Wehmutstropfen: Seine Lage ist nicht einzigartig. Wer will, kann relativ einfach eine andere Route wählen, etwa über Dänemark. Ein Beispiel: Für die 870 Seemeilen (1.180 Kilometer) lange Strecke von Hamburg nach St. Petersburg in Russland benötigt ein Containerschiff durch den Nord-Ostsee-Kanal gut drei Tage. Die Alternative um Skagen, die dänische Hafenstadt an der Nordspitze von Jütland, ist etwa 500 Seemeilen länger und dauert etwa fünf bis sechs Tage. Beim Suez- und beim Panamakanal wären die Ausweichrouten dagegen bis zu 30 Tage länger. Deshalb sind die Gebühren am Nord-Ostsee-Kanal – anders als bei Wasserstraßen ohne Ausweichrouten – moderat. Eine Passage für ein Containerschiff kostet zwischen 5.800 und 10.000 Euro. In Panama oder Suez beginnen die Tarife erst bei 100.000 Euro.

Umstrittener Neubau: Wasserstraße durch Nicaragua

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Größer, breiter, mehr Tiefgang: Nicaragua will mithilfe chinesischer Investoren einen 40 Milliarden Dollar teuren Kanal quer durchs Land bauen, der den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. Hier soll die größte Schiffsklasse fahren können, die Mega-Carrier. Ihre Ladekapazität liegt bei 400.000 Tonnen. 280 Kilometer lang soll die künstliche Wasserstraße werden, das größte Bauprojekt Lateinamerikas. Verbunden werden so die Flussmündung des Rio Punta Gorda an der Karibikküste mit der Mündung des Rio Brito in den Pazifik. Der Termin für die Einweihung steht bereits: 2019.

Zwar würde die geplante Durchfahrt mit 30 Stunden länger dauern als beim benachbarten Panamakanal (10 bis 15 Stunden). Doch das würde sich bei der Frachtmenge rechnen. Das Konsortium aus Hongkong hält einen zweiten Kanal in Mittelamerika für zwingend notwendig, um den Handel zwischen der US-Ostküste und Asien zu verbessern. Für das Land und die Bevölkerung dürfte der Bau der gigantischen Rinne mit 500 Breite und 22 Meter Tiefe allerdings einschneidende Folgen haben: Gut 30.000 Bewohner müssten umgesiedelt werden. Umweltschützer befürchten Verschmutzungen durch die Schifffahrt und eine Verunreinigung des Trinkwassers. Denn die Route führt auf einer Länge von gut 100 Kilometern durch den Nicaraguasee, das größte Süßwasserreservoir Zentralamerikas.

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Der gefährlichste Wasserweg: Der Golf von Aden

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Wer hier langfährt, hat es eilig. Denn die Furcht vor Überfällen sitzt Kapitän und Mannschaft nach wie vor im Nacken! Der Golf von Aden zwischen dem Jemen und Somalia gilt als eine der gefährlichsten Wasserstraßen der Welt, auch wenn es in den letzten Monaten keine Angriffe mehr durch somalische Piraten gab. Etwa 25.000 Schiffe passieren jährlich den Trichter zwischen dem Horn von Afrika und der arabischen Halbinsel, gern im Konvoi und meist im „International empfohlenen Transitkorridor“. Diese Sicherheitszone wird von internationalen Marineschiffen und Hubschraubern überwacht, unter anderem im Rahmen der EU-Mission Atalanta.

Seit Dezember 2008 operieren Kriegsschiffe der Europäischen Union hier zum Schutz der Seeschifffahrt. Auch Deutschland hat als Exportnation großes Interesse daran, diese wichtige Handelsroute zwischen Asien und Europa zu sichern – selbst wenn die deutsche Marine zurzeit nicht mehr beteiligt ist. Gefährlich bleibt die Strecke trotzdem, mahnt das Internationale Schifffahrtsbüro der Internationalen Handelskammer in seinem jüngsten Bericht. Somalische Piraten – ausgerüstet mit automatischen Waffen, Panzerfäusten und Schnellbooten – hätten auch weiterhin die Fähigkeiten und Kapazitäten, Überfälle durchzuführen: „Wir glauben, dass auch nur ein einziger erfolgreicher Angriff auf ein Handelsschiff die Leidenschaft der somalischen Piraten für derartige Angriffe sofort neu entfachen würde.“

Überwindet große Höhenunterschiede: Der St.-Lorenz-Seeweg

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Eine der wichtigsten und verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt ist der St.-Lorenz-Strom in Kanada und den USA. Die Passage für hochseetüchtige Schiffe erlauben zahlreiche Kanäle und Schleusen, die zwischen 1951 und 1959 gebaut wurden: Sie überwinden insgesamt 184 Höhenmeter! Deshalb können die großen Pötte heute vom Atlantischen Ozean, beim St.-Lorenz-Golf, bis zu 3.700 Kilometer in das Landesinnere von Nordamerika fahren. Pro Jahr werden hier mehr als 45 Millionen Tonnen Last verschifft. Von November bis März herrscht allerdings Ruhe auf dem Verkehrsweg – dann liegt er unter einer dicken Eisschicht.Einfach war der Ausbau der Binnenwasserstraße nicht: Die größte Hürde bestand in dem starken Gefälle mit diversen Höhen, die es zu überwinden galt. Der höchste Unterschied – über 100 Meter – ist bei den Niagarafällen.

Geschafft haben es die Ingenieure so: Der betreffende Abschnitt zwischen dem Ontario-See im Norden und dem Erie-See im Süden folgt dem Niagara-Fluss parallel in einer Entfernung von 12 bis 24 Kilometern. Die berühmten Fälle umgeht der „Welland-Kanal“ und überbrückt die Höhendifferenz von 99,5 Metern mit einer Treppe aus acht Schleusen auf 42 Kilometer Länge. Das kostet natürlich jede Menge Zeit: Wer den gesamten Weg von der Atlantikküste bis zum Superior-See schippern möchte, muss dafür 8,5 Tage einkalkulieren. 17 Stunden davon entfallen allein auf die insgesamt 19 Schleusenpassagen. Im Schnitt nutzen pro Jahr 1.700 Schiffe diese Passage.

Längster Kanal der Welt: Der Kaiserkanal in China

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Schon im Jahr 486 vor Christus träumten die Menschen in China von einer künstlichen Wasserstraße. So entstanden bereits vor 2.400 Jahren die ersten Abschnitte des legendären Kaiserkanals. In China war die Wasserwirtschaft seit alters her von entscheidender Bedeutung. Deshalb griffen die Herrscher des chinesischen Kaiserreichs häufig in die Natur ein, um Transportwege oder Bewässerungssysteme zu schaffen. Im siebten Jahrhundert wurden die einzelnen Teile verbunden, insgesamt erreichte das Meisterwerk der Wasserbaukunst eine Länge von 1.794 Kilometern – 16-mal so lang wie der Suezkanal und 33-mal so lang wie der Panamakanal.

Die Fahrrinne, die 30 Städte passiert, ist die längste und älteste von Menschen erschaffene Wasserstraße der Welt und noch immer in Betrieb.2014 wurde sie zum UNESCO-Weltwerbe erklärt und ist – nach der Chinesischen Mauer – das bedeutendste Bauwerk des alten China. Die Wasserstraße verband den Norden Chinas mit dem fruchtbaren Mündungsgebiet des Jangtsekiang im Süden und ermöglichte den Schiffsverkehr parallel zu der Küste. Lange Zeit galt der Kanal sogar als das „Rückgrat Chinas“: Reis aus dem Süden konnte in die Hauptstadt Peking gelangen. Gleichzeitig fungierte das Wasserband als „langer Arm“ der kaiserlichen Autorität und stellte die Ordnung in den weit abgelegenen südlicheren Provinzen des Reichs her. Es diente jedoch auch zur Bewässerung. Die Blütezeit des Handels ist jedoch längst vorbei. Der „Da Yunhe“ (dt.: „Großer Transportfluss“), wie die Chinesen ihn nennen, ist heute in sieben Abschnitte unterteilt, von denen nur ein Teil befahrbar ist.

Meistbesuchter Kanal: Der Canal Grande

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Der Charme des „Canal Grande“ in Venedig lockt jährlich 20 Millionen Besucher an, das schafft keine andere Wasserstraße. Die italienische Lagunenstadt ruht auf Holzpfählen, die Ortsteile sind von Wasser umgeben. Der legendäre Kanal dient als „Hauptstraße“ und schlängelt sich s-förmig durch das UNESCO-Welterbe. Er ist gerade mal vier Kilometer lang, fünf Meter tief und durchschnittlich 50 Meter breit. Mehr als 45 Kanäle münden in den Canal Grande, was diesen zum Dreh- und Angelpunkt der venezianischen Schifffahrt macht.

Optisch ist der Wasserweg ein Hochgenuss: Wer mit dem „Vaporetto“ darauf fährt, hat einen wunderbaren Blick auf 170 prächtige Adelspaläste, die architektonischen Schmuckstücke der Stadt. Wer lieber mit der Gondel fährt, muss tief in die Tasche greifen: Zwischen 20 und 50 Euro sind je nach Tageszeit in der Gemeinschaftsgondel fällig. Eine eigene Gondel kostet auf Vorbestellung für 30 bis 40 Minuten um die 100 Euro. Wer den Kanal zu Fuß überqueren möchte, wählt die weltberühmte Rialtobrücke: Bis zum 19. Jahrhundert war dies die einzige Möglichkeit, das Wasser ohne Boot zu überqueren.

Größter Kanalknotenpunkt der Welt: Datteln

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Die nordrhein-westfälische Stadt Datteln mit ihren gut 34.000 Einwohnern liegt im nördlichen Ruhrgebiet bei Recklinghausen – und rühmt sich mit dem Titel „größter Kanalknotenpunkt der Welt“. Was wohl auch stimmt, denn hier treffen gleich mehrere Wasserstraßen aufeinander, nämlich vier Kanäle: der Dortmund-Ems-Kanal, der Rhein-Herne-Kanal, der Wesel-Datteln-Kanal und der Datteln-Hamm-Kanal. Man spricht auch vom „Kanalkreuz Datteln“. Die Kanäle verbinden die Stadt mit allen wichtigen Wirtschaftsgebieten Deutschlands und Europas.

Nimmt man die zusammenhängenden Wasserflächen der Schleusen und Häfen sowie der Kanäle mit ihren geräumigen Abzweigungen zusammen, ergeben sie das sogenannte „Dattelner Meer“. Was recht großspurig klingt: Zusammengenommen beträgt die Länge der Wasserstraßen auf Dattelner Stadtgebiet 17 Kilometer. Ausgehend vom Kanalkreuz Datteln lassen sich insgesamt etwa 85 Kilometer Wasserstraßen ohne Schleusung befahren. Bekannt gemacht hat Datteln als „Kanalkreuz“ der ehemalige Bürgermeister Horst Niggermeier, der mächtig die Werbetrommeln rührte. Er komponierte auch gleich noch den Karnevalsschlager „Komm mal mit zum Dattelner Kanal“ und produzierte das „Dattelner Kanalwasser“, einen westfälischen klaren Korn.