Köln. Als Fischer ihn aus dem Wasser zogen, war Barry mehr tot als lebendig. Zwei Tage war der junge Afrikaner Spielball des Mittelmeers. Das Boot, mit dem er von Libyen nach Italien hatte übersetzen wollen, war gesunken, 160 Menschen ertranken. „Ich habe dem Tod ins Auge gesehen“, sagt Barry.

Wir kennen Barry, er kommt aus Guinea, nicht persönlich. Seine Geschichte ist nachzulesen auf iamamigrant.org, einer Website der Internationalen Organisation für Migration. Sein Schicksal aber steht exemplarisch für das ungezählter Afrikaner. Die derzeit nur ein Ziel zu kennen scheinen: Europa!

Laut Sicherheitsbehörden stehen schon Hunderttausende an Nordafrikas Küste. In Libyen, Marokko, vor den Zäunen der spanischen Exklaven Ceuta und Melilla. Sie alle sind bereit, wie Barry in die nächste Nussschale zu steigen.

Steht Afrika, die Wiege der Menschheit, vor dem großen Exodus? Was kommt auf uns zu? Bundeskanzlerin Angela Merkel warnt bereits: „Wenn Millionen in Afrika hungern, werden wir die Stabilität in Europa nicht aufrechterhalten können.“

Zack, da ist es wieder! Das Bild Afrikas als ewigem Krisen-Kontinent. Hunger und Dürre in Ostafrika, Bürgerkrieg in Somalia und Südsudan, Terror in Nigeria. Insgesamt 18 Millionen auf der Flucht. All das ist Afrika, im Sommer 2017. Man könnte also resignieren. Und sähe dabei aber nur die halbe Wahrheit.

Denn: Immer lauter werden Stimmen, die Afrika nicht nur als Pulverfass sehen. Sondern, allen Krisen zum Trotz, als ein Powerhouse der Zukunft. Das seine Probleme zunehmend in den Griff kriegt. Und von dem Europa sogar einmal profitieren könnte.

Afrika?

Oft wird der Kontinent als „Land“ wahrgenommen. In Wahrheit ist Afrika: 54 Länder, gut 3.000 Sprachen. Auf einer Fläche, die etwa 85-mal so groß ist wie Deutschland.

Afrika ist jung

Das Durchschnittsalter auf dem Schwarzen Kontinent liegt bei gerade mal 18 Jahren! Laut der „Mo Ibrahimi Foundation“, einem in London ansässigen Afrika-Thinktank, wird Afrika 2035 über das weltweit größte Arbeitskräfte-Potenzial verfügen.

Afrika ist reich

Dort liegen 15 Prozent der weltweiten Ölreserven, 40 Prozent aller Gold- und sogar 80 Prozent der Platinvorkommen.

Afrika ist arm

Zwar sank der Anteil derer, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben müssen, seit 1990 von 54 auf 41 Prozent der Bevölkerung. Aber die absolute Zahl der „absolut Armen“ ist gestiegen – während sie sich weltweit halbiert hat.

Viel Ackerland

Afrika hat ein Viertel der globalen Anbaufläche, muss aber für jährlich 35 Milliarden Dollar Lebensmittel einführen.

Viel Sonne

Top-Voraussetzung, um Afrika mit erneuerbarer Energie zu elektrifizieren. Noch sind 600 Millionen ohne Stromzugang.


„In Afrika tut sich was“, sagt etwa Tanja Gönner. Sie ist Chefin der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Bonn. Und urteilt: „Selten waren die Chancen auf Fortschritte so gut wie heute. Wir laufen Gefahr, das zu übersehen!“

In vielen der 54 Länder Afrikas wächst die Wirtschaft. „Zwar von niedrigem Niveau aus und mit großen Unterschieden in den Ländern“, so Gönner. „Aber seit der Jahrtausendwende lag das Wachstum im Schnitt dauerhaft über jenem in Europa.“

Die Prognosen deuten weiter nach oben. Laut African Economic Outlook, einer jährlichen Studie der Afrikanischen Entwicklungsbank, der Industriestaaten-Denkfabrik OECD und der Uno, soll Afrikas Wirtschaft dieses Jahr um 3,4 Prozent wachsen. Für 2018 sind 4,3 Prozent drin.

Und Li Yong, Generaldirektor der Uno-Organisation für industrielle Entwicklung, sagt: Afrika könne „mit Leichtigkeit zu einer globalen Wirtschaftsmacht aufsteigen“ – und dies schon „in wenigen Jahren“.

Aber nur unter einer Voraussetzung: „Der Kontinent“, so Li Yong, „muss sich industrialisieren!“ Es scheint, als käme genau da was in Gang. „Statt nur auf den Export von Rohstoffen zu setzen, verlagern immer mehr afrikanische Länder Wertschöpfung ins Land, investieren massiv in Infrastruktur und Bildung“, bilanziert Christian Lindfeld, Afrika-Experte der renommierten Beraterfirma KPMG in Frankfurt.

20 Millionen Jobs pro Jahr müssen her

Und es gibt zarte Erfolge. In Kenia eröffnete Volkswagen 2016 ein neues Werk. Gebaut wird dort der Polo – für den wachsenden afrikanischen Markt. Toyota und Mitsubishi produzieren schon länger im Land. Auch in Tunesien und Marokko hat die Auto-Industrie derzeit Rückenwind.

In der Elfenbeinküste entfallen bereits 8 Prozent der Wirtschaftsleistung auf die IT-Industrie. Sambia investiert verstärkt in die industrielle Lebensmittelproduktion, die Chemiebranche und Metallverarbeitung. „Auch Ruanda, Kamerun, Namibia, Uganda oder Tansania haben gute Rahmenbedingungen geschaffen“, heißt es beim Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft in Berlin.

Lohn der Mühe: Laut einer aktuellen McKinsey-Studie könnte sich der Output der verarbeitenden Industrie in Afrika bis 2025 auf 930 Milliarden US-Dollar nahezu verdoppeln. Und das darf nur der Anfang sein. Die Bevölkerung wächst laut Uno-Prognose bis 2050 von 1,2 auf 2,4 Milliarden. Laut Internationalem Währungsfonds braucht der Kontinent jährlich 20 Millionen neue Arbeitsplätze – derzeit sind es „nur“ 4 Millionen.

Doch die Chance dafür, dass sich hier etwas zum Guten wendet, ist genau jetzt da. Weil die wirtschaftliche Entwicklung auf dem Schwarzen Kontinent nie zuvor so hoch auf der internationalen Polit-Agenda gestanden hat. Das wurde erst Anfang des Monats wieder deutlich, auf dem G20-Gipfel der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer in Hamburg.

Die Einsicht, die sich angesichts der Flüchtlingskrise Raum verschafft, formuliert Afrika-Experte Lindfeld von der Unternehmensberatung KPMG so: „Europa und auch Deutschland sollten alles tun, um die positiven Trends durch gezielte Förderung zu verstetigen.“ Gelänge es, Afrika mit Investitionen und neuen Partnerschaften auf Augenhöhe dauerhaft auf Kurs zu bringen, dann läge vor Europas Küsten nicht länger ein Krisen-Kontinent. Sondern ein gigantischer Markt.


Baustelle 1: Afrika braucht Geld

dpa

  • Laut Uno-Angaben flossen 2016 rund 51 Milliarden US-Dollar an ausländischen Direktinvestitionen nach Afrika. Das sind im weltweiten Vergleich nur 3 Prozent.
  • Das meiste Geld stammt aus China (25 Prozent). Auf Deutschland entfielen zuletzt nur knapp 2 Prozent der Gesamtinvestitionen.
  • 51 Milliarden Dollar betrug 2016 die weltweite Entwicklungshilfe für Afrika. Laut Uno aber wäre ein Vielfaches dieser Summe hilfreich.

Baustelle 2: Afrika braucht Handel

dpa

  • Rohstoffe raus, Industriegüter rein – viel mehr ist nicht. Aktuell beträgt Afrikas Anteil am Welthandel nur 3 Prozent.
  • Deshalb „muss Europa Afrika mit der Stärkung des Zugangs zum EU-Binnenmarkt und dem Abbau von Handelshemmnissen unterstützen“, fordert der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller.
  • Nur 15 Prozent der erzeugten Güter werden innerhalb des Kontinents verkauft. Viel zu wenig!
  • Milliardeninvestitionen in Häfen, Schienen und Straßen sollen das ändern. Laut Weltbank bringt das der Landbevölkerung bessere Chancen auf steigenden Wohlstand.

Baustelle 3: Afrika braucht Bildung

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  • Sicher – in Sachen Bildung hat der Schwarze Kontinent schon vieles geschafft. Konnten noch 1970 etwa 70 Prozent der Menschen dort nicht lesen, sind es heute nur noch 36 Prozent.
  • Dennoch: In Subsahara-Afrika leben etwa 30 Millionen Kinder, die keine Grundschule besuchen.
  • „Es gibt viel zu wenig Ausbildungsplätze für die Jugend, die existierende Ausbildung geht oft am Bedarf der Wirtschaft vorbei“, kritisiert ein aktuelles Strategiepapier des Berliner Entwicklungsministeriums.
  • Laut einer McKinsey-Studie braucht es etwa 33 Millionen Ausbildungsstellen pro Jahr: „Die Regierungen, aber auch der private Sektor sind hier in der Pflicht.“

Das sieht auch Alt-Bundespräsident Horst Köhler so. Seit seiner Zeit als Chef des Internationalen Währungsfonds hat er ein Herz für Afrika. Er sagt: „Dort wird von allem mehr gebraucht. Schulen und Straßen und Krankenhäuser und Flughäfen und Kraftwerke und Produktionsanlagen und Dienstleistungen.“

Es braucht eine neue Sicht auf Afrika

Längst erkannt hat das auch Kandeh Yumkella, Politiker und früherer Uno-Funktionär aus Sierra Leone. Seine Vision: „Wir müssen Zuliefererindustrien in Afrika schaffen, die dann zum Handelspartner europäischer Unternehmen werden.“ Davon würden Afrika und Europa gleichermaßen profitieren.

Yumkellas Appell: „Seht uns endlich als Markt, nicht nur als Problem!“ Dann komme Europa dem wichtigen Ziel näher: „Dass die jungen Menschen in Afrika bleiben.“

Telekommunikation: Afrika vernetzt sich

Foto: Getty
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  • Schon 77 von 100 Einwohnern in Subsahara-Afrika besitzen laut Weltbank ein Handy.

  • Bis 2020 sollen 60 Prozent des Kontinents ans Breitbandnetz angeschlossen sein. 700 Millionen Smartphones soll es dann geben, der Datentransfer soll sich verfünffachen. Der Anteil der IT-Branche an der afrikanischen Wirtschaftsleistung soll dann 8 Prozent betragen. Doppelt so viel wie in Europa.

  • Dieser Trend verschafft Afrika „eine Riesenchance, substanziell zu wachsen“, sagt Nicolas Williams von der Afrikanischen Entwicklungsbank.

  • Als Zentrum der rasanten digitalen Entwicklung gilt Kenia, wegen seiner umtriebigen Start-up-Szene schon „Silicon Savannah“ genannt.

  • Dort entstand auch „M-Pesa“, mit 24 Millionen Kunden weltweit erfolgreichstes Mobilfunk-Bezahlsystem, das Tausende Jobs geschaffen hat.

  • Laut African Economic Outlook gibt es bereits über 300 Tech-Hubs und Inkubatoren, die jungen Web-Freaks Starthilfe geben.

Gastbeitrag

Basiru Adam, Journalist aus Ghana. Foto: Privat
Basiru Adam, Journalist aus Ghana. Foto: Privat

Was Basiru Adam, Journalist aus Ghana, vom Westen fordert

Accra. Koko, ein Hirsebrei, ist hier in Ghana ein beliebtes Frühstück, man kauft es sich auf der Straße auf dem Weg zur Arbeit.

„Das geht einfacher“, dachte sich da Zakia Suleman. Die Idee der arbeitslosen Uni-Absolventin: Instant-Koko. Fertig abgepackte, getrocknete Hirsemischung, heißes Wasser drüber, fertig. Supermärkte sind begeistert. Aber Sulemans Start-up kommt nicht in die Gänge. Die Banken zögern, die Behörden zicken. Und Zakia Suleman bleibt – arbeitslos.

So geht es hier Tausenden Akademikern. Jobs gibt es kaum, für ihre Start-up-Ideen bekommen sie kaum Support.

Etwa zehn Millionen Absolventen verlassen jährlich die 668 afrikanischen Unis. Die Hälfte von ihnen findet erst mal keinen Job. Schlechter noch sieht es für jene mit weniger oder gar keiner Qualifikation aus. Sie suchen ihr Heil in Europa oder den USA. Und riskieren dafür nicht selten ihr Leben.

Zeigt das nicht, wie dringend man nun die Probleme Afrikas angehen muss? Nötig sind massive Investitionen in unsere Landwirtschaft, die Infrastruktur, die Energieversorgung.

Auch die Korruption muss endlich ausgemerzt werden. Noch immer plündern afrikanische Politiker die öffentlichen Kassen. Geschätzte 50 Milliarden Dollar werden Jahr für Jahr illegal aus Afrika geschleust.

Korruption mag ein hausgemachtes Übel sein. Andererseits aber kann es nicht sein, dass die Welt vom Rohstoffreichtum Afrikas profitiert, sich für unsere Probleme aber nicht interessieren will. Was Afrika ebenfalls dringend braucht, sind faire Handelsbedingungen. An die sich alle halten müssen, auch multinationale Konzerne und ihre Regierungen.

Afrika holt bei der Digitalisierung auf, seine ideenreiche Jugend umarmt geradezu die neuen technischen Entwicklungen. Aber sie müssen nun jene Unterstützung bekommen, wie sie junge Kreative in anderen Teilen der Welt erfahren. Für unseren Kontinent wäre dies die schärfste Waffe im Kampf gegen Arbeitslosigkeit und Migrationsdruck. Und eine Riesenchance für Afrika, sich aus der Dunkelheit zu erheben.

Der Autor ist Redakteur der „Business and Financial Times“ in Accra, Ghana