Die Erwartungen waren groß, als die neue Regierung Anfang Mai ihre Arbeit aufnahm: Eine Wirtschaftswende soll her – und das möglichst schnell! „Wir brauchen jetzt dringend einen Herbst der Entscheidungen. Die Wettbewerbsfähigkeit ist eine Überlebensfrage für unsere Industrie“, sagt Uwe Mazura, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands textil + mode, nach der politischen Sommerpause. Es geht um Unternehmensteuern, Bürokratieentlastung, Energiepreise und eine Lösung im Zollkonflikt. Was hat sich getan? aktiv hat nachgefragt.
„Wettbewerbsfähigkeit ist eine Überlebensfrage für unsere Industrie.“
Uwe Mazura, Hauptgeschäftsführer textil + mode
Zollstreit beilegen
Ein Zollsatz von 15 Prozent: So hoch soll künftig die Einfuhrabgabe für viele europäische Importe in die USA sein, auch für Textilien. Das Handelsabkommen steht offenbar, eine weitere Eskalation scheint abgewendet – vorerst. „Unsere Unternehmen haben schon in der Vergangenheit keine guten Erfahrungen mit Handelskonflikten gemacht“, sagt Ralph Kamphöner dazu, Leiter des Brüsseler Büros von textil + mode. Er fordert: „Die beste Antwort auf Handelskonflikte sind Verhandlungen, mit dem Ziel, Zölle und andere, sogenannte nichttarifäre Handelshemmnisse auf beiden Seiten abzubauen.“
Da müssen wir dranbleiben.
Stromkosten senken
Es war ein zentrales Wahlversprechen und soll die Wettbewerbsfähigkeit heimischer Standorte verbessern: Die Stromsteuer wird auf das EU-Mindestmaß gesenkt – nun allerdings nur für das produzierende Gewerbe und die Land- und Forstwirtschaft. Verbraucher, Handel und Handwerk zahlen den höheren Satz weiter. Umlagen und Netzentgelte sollen ebenfalls sinken. Für Textilbetriebe interessant, die Gas nutzen: Die Gasspeicherumlage soll wegfallen. „Die Bundesregierung hat sich auf den Weg gemacht, die Energiekostenbelastung insbesondere für die Industrie in Deutschland zu senken. Das ist gut und richtig, auch wenn es noch weiterer erheblicher Schritte bedarf, um etwa die Netzentgelte nicht explodieren zu lassen“, sagt Michael Engelhardt, Energieexperte beim Gesamtverband.
Ein Anfang ist gemacht.
Investitionen fördern
Der „Investitionsbooster“, das ist ein milliardenschweres Investitionsprogramm, soll für Wachstum sorgen: Unternehmen können Abschreibungen auf Anlagen und Geräte schneller geltend machen. Außerdem soll ihre Gesamtsteuerbelastung von derzeit rund 30 Prozent schrittweise auf 25 Prozent im Jahr 2032 sinken. „Investitionen anzureizen ist gut und hilft auch unserer Branche. Viel besser sind aber Steuersenkungen, damit wir wieder wettbewerbsfähig sind. Die Senkung der Körperschaftsteuer ist deshalb wichtig – sie kommt aber eben erst ab 2028 und damit spät“, sagt Gesche Hanken, Leiterin Recht und Steuern beim Branchenverband.
Ist erledigt.
Bürokratie abbauen
Durch ein sogenanntes Omnibus-Verfahren der EU werden Fristen für die Nachweis- und Berichtspflichten in den Bereichen Nachhaltigkeit und Lieferketten verlängert, Regelwerke werden entschlackt und aufeinander abgestimmt. Das soll auch Textilbetriebe entlasten. Der Bürokratieaufwand soll um 35 Prozent sinken. Anne Göbel, Leiterin der CSR-Abteilung beim Gesamtverband, ist skeptisch: „Bürokratieabbau ist keine Zahl auf dem Papier. Er muss wirksam bei den Unternehmen ankommen. Statt sie mit immer mehr Berichtsanforderungen und Dokumentationen zu belasten, wäre es zielführender, diese Ressourcen für die Transformation in eine nachhaltigere Wirtschaft einzusetzen.“
Da müssen wir dranbleiben.
Billigexporte bekämpfen
Chinesische Online-Anbieter fluten den Markt mit Paketen. Die wechselhafte US-Zollpolitik hat diesen Trend noch befeuert. Gegen die teils illegalen Praktiken chinesischer Firmen will die EU-Kommissionmit neuen Zollregeln vorgehen – aber erst ab März 2028. textil + mode-Experte Ralph Kamphöner: „So viel Zeit hat die deutsche Industrie nicht! Die Kommission muss jetzt zeigen, dass sie in der Lage ist, auf Probleme dieser Tragweite zeitnah wirksame Antworten zu finden, bevor der Päckchen-Tsunami aus Fernost noch mehr Schaden anrichtet.“
Da müssen wir dranbleiben.

Anja van Marwick-Ebner ist die aktiv-Expertin für die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie. Sie berichtet vor allem aus deren Betrieben sowie über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach der Ausbildung zur Steuerfachgehilfin studierte sie VWL und volontierte unter anderem bei der „Deutschen Handwerks Zeitung“. Den Weg von ihrem Wohnort Leverkusen zur aktiv-Redaktion in Köln reitet sie am liebsten auf ihrem Steckenpferd: einem E-Bike.
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