München/Berlin. Früher war alles besser? Vom legendären Münchner Humoristen Karl Valentin ist dazu der Satz überliefert: „Die Zukunft war früher auch besser.“ Soll heißen: Der Blick zurück ist eben oft verklärt. Das gilt auch für so manches Gespräch, ob auf der Grillparty oder am Stammtisch. In der Wirtschafts- und Arbeitswelt, so hört man, werde ja alles immer schlimmer.

Dabei ist die Arbeitswelt immer besser geworden. Als sich um das Jahr 1850 die Dampfmaschine durchsetzte, lag die reale Wirtschaftskraft bei einem Sechzehntel des heutigen Niveaus. Und bei der Hälfte, als um 1970 das Computerzeitalter begann. Das heißt: Unser Wohlstand wächst und wächst. Es gibt so viele sozialversicherungspflichtig Beschäftigte wie lange nicht. Und der Fortschritt hat die Arbeit an vielen Stellen auch erheblich leichter gemacht.

Die betriebsübliche Arbeitszeit in Deutschland liegt im Schnitt bei 38 Wochenstunden – das ist seit zwei Jahrzehnten praktisch unverändert. Und die Zahl der Überstunden pro Kopf ging seit dem Jahr 2000 um 28 Prozent zurück (siehe Grafik). Pessimismus ist also nicht angebracht, wenn jetzt in Politik und Wirtschaft über die bestehenden Regeln zum Thema Arbeitszeit, Ruhezeit und Erreichbarkeit diskutiert wird.

Die Regierung hat erkannt: Da ist was reformbedürftig

Sie passen an vielen Stellen nicht mehr zu den Anforderungen, vor denen Betriebe und ihre Mitarbeiter heute stehen. Die Bundesregierung hat das erkannt; jetzt geht es darum, wie der gesetzliche Rahmen künftig aussehen soll.

Die Gewerkschaft IG Metall äußert in dieser Situation eher Befürchtungen und warnt vor möglichen Nachteilen. In ihrer Argumentation verweist sie darauf, dass laut Statistik in der Gesamtwirtschaft bundesweit mehr als die Hälfte der Überstunden unbezahlt geleistet werden; zudem verschwimme auch wegen technischer Hilfsmittel wie Smartphone und Tablet die Grenze zwischen Beruf und Privatleben.

Der Tarifvertrag für Mitarbeiter der Metall- und Elektroindustrie (M+E) sieht Überstunden nur gegen Bezahlung vor. Die Betriebe können dann auf kurzfristige Aufträge reagieren und besser auf die individuellen Wünsche der Kunden eingehen. Die Quelle der Überstunden-Statistik, das IAB-Forschungsinstitut der Arbeitsagenturen, bestätigt: Unbezahlte Mehrarbeit betrifft generell meist Führungskräfte, bei denen das im Gehalt eingepreist ist.

Und wie man den Einsatz von Smartphone und Co. mit dem Privatleben in Einklang bringt, ist eine Frage der Gestaltung. Vielleicht geht im Zweifel derjenige leichteren Herzens nach Hause, der notfalls abends erreichbar ist. Und nicht fürchten muss, dass der nächste Morgen ein eiliges Problem bereithält.

Auch aus Sicht der Arbeitgeber ist das Thema Arbeitszeit von großer Bedeutung. Und zwar wegen veränderter Erwartungen an die Betriebe, im doppelten Sinn. Die Anforderungen der Auftraggeber müssen schneller und individueller erfüllt werden als früher – dem müssen sich Unternehmen anpassen.

Zudem hilft Flexibilität, auch Erwartungen der Mitarbeiter zu erfüllen, gerade mit Blick auf Vereinbarkeit von Job und Familie. Bayerns Metall- und Elektroindustrie mit ihren rund 820.000 Beschäftigten steht da vor einer besonderen Herausforderung. Die Betriebe sind in globale Wertschöpfungsketten eingebunden – das bringt spannende und zukunftsfeste Jobs, aber auch kurzfristige Termine und Auftragsschwankungen.

Mehr Gestaltungsfreiheit ist nötig. Aus zwei Gründen.

  • Erstens: Digitalisierung. Der derzeitige Technik-Sprung revolutioniert nicht nur unseren Alltag, sondern auch die Produkte und Produktionsweisen in Bayerns Metall- und Elektroindustrie. Wir sind auf dem Weg in die „Industrie 4.0“ – und auch in die „Gesellschaft 4.0“.
  • Zweitens: Globaler Wettbewerb. 42,84 Euro kostete eine Arbeitsstunde in der deutschen M+E-Industrie letztes Jahr, viermal so viel wie etwa in Tschechien. Solche gravierenden Lohnunterschiede lassen sich nur durch höhere Produktivität ausgleichen – und durch Beweglichkeit. Die Differenzierungselemente beim Entgelt, auf die sich IG Metall und Arbeitgeber in Bayern beim jüngsten Tarifabschluss im Mai geeinigt haben, waren ein guter erster Schritt in diese Richtung.

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Es geht auch um den Flächentarifvertrag

Für die Wirtschaft stellte damals Verhandlungsführerin Angelique Renkhoff-Mücke fest: „Um die Wettbewerbsfähigkeit der bayerischen M+E-Industrie und damit Wertschöpfung und Beschäftigung am Standort Bayern nachhaltig zu sichern, müssen wir den Weg zu mehr Flexibilisierung in den nächsten Jahren fortsetzen.“ Und: „Nur so können wir auch die Attraktivität des Flächentarifvertrags erhöhen.“

Denn die Geschäftsentwicklung innerhalb von M+E Bayern ist so unterschiedlich wie nie zuvor – je nach Industriezweig, Produkten und Auslandsmärkten. Angesichts dieser Heterogenität dürfen wettbewerbsfähige Tarifverträge nur Mindestbedingungen vorgeben, und sie müssen zusätzlich flexible Elemente erlauben.

Was passiert, wenn man den Anschluss verpasst, zeigt ein Blick über die Grenzen. In Frankreich, wo die Arbeitszeiten besonders starr geregelt sind, steuerte die Industrie letztes Jahr nur noch 11 Prozent zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung bei. Dadurch fehlt Frankreich das ökonomische Rückgrat, und die Jugendarbeitslosigkeit, das größte soziale Problem Europas, ist dort besonders hoch.

Deutschland geht es ist im Vergleich dazu sehr gut – mit 23 Prozent industriellem Wertschöpfungsanteil. In Bayern ist er mit 27 Prozent sogar noch höher als im Bundesdurchschnitt. Damit das so bleibt, kommt es darauf an, die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und die Zukunft pragmatisch zu gestalten. Und sich nicht vom Bangemachen anstecken zu lassen.

Die Digitalisierung verändert unser Leben – privat wie beruflich. Das beleuchten wir ausführlich in unserem großen Themen-Special „Arbeitszeit“.

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