Nicht nur für die Raumfahrt-Branche war diese Nachricht ein Paukenschlag: Sicherheit im All hat für die Bundesregierung ab sofort Priorität! 35 Milliarden Euro will sie dafür bis 2030 lockermachen. Im Fokus: eigene Satellitensysteme, die leistungs- und widerstandsfähiger werden sollen.
Verkündet hat das kürzlich Verteidigungsminister Boris Pistorius – und warnte dabei vor den „rasant ausgebauten“ militärischen Fähigkeiten Chinas und Russlands im All: „Sie können Satelliten stören, blenden, manipulieren oder kinetisch zerstören.“
„Auch im Weltraum müssen wir abschrecken können“
Satellitennetzwerke seien die Achillesferse moderner Gesellschaften, so der Minister. „Wer sie angreift, legt ganze Staaten lahm.“ Pistorius schloss sogar die Beschaffung eigener Offensivfähigkeiten fürs All nicht aus – also Mittel zum Angriff: „Auch im Weltraum müssen wir abschrecken können, um verteidigungsfähig zu sein.“
Die Branche hört diese Worte gern. Verschaffen sie doch der Raumfahrt Aufmerksamkeit, justieren den Blick aufs All neu und verdeutlichen: Eigene Satellitensysteme sind nicht nur innovativ, spannend und verantwortlich für viele Annehmlichkeiten der modernen Welt. Sie sind auch von essenzieller Bedeutung für die Sicherheit Europas.
Die Regierung sende „die richtigen Signale zur richtigen Zeit“, sagt Michael Schöllhorn, Chef des deutschen Raumfahrtunternehmens Airbus Defence and Space mit Sitz in Taufkirchen bei München. „Unsere Souveränität, unsere Sicherheit und unser Wohlstand entscheiden sich im 21. Jahrhundert im Weltraum.“ Das in Aussicht gestellte Geld sei „ein wichtiger Meilenstein, um sicherzustellen, dass Deutschland und Europa die Fähigkeit haben, unsere Zukunft im All aktiv zu gestalten“.
Auch Marco Fuchs, Chef des Bremer Raumfahrtkonzerns OHB, freut sich über die Ankündigungen des Ministers. „Da hat jemand alle guten Ideen auf einen Zettel geschrieben und einen Strich drunter gemacht“, sagt er. Der Weltraum sei als Handlungsraum massiv aufgewertet, der Auftritt von Pistorius gar so historisch wie die Rede von John F. Kennedy zum Apollo-Mondprogramm.
Drei große Player Europas gründen ein Joint Venture
Experten erwarten für die Raumfahrt-Branche eh einen Boom. Die Unternehmensberatung Roland Berger prognostiziert eine Vervierfachung des globalen Umsatzes bis 2040 auf dann 2 Billionen Euro im Jahr. Um den Anschluss nicht zu verlieren, müssten Europa und Deutschland deutlich mehr in die Raumfahrt investieren.
Dass die heimischen Firmen was können, zeigen sie seit Jahren – vor allem im zivilen Bereich. Die Kompetenzen dafür können auch militärisch genutzt werden. Drei große europäische Player – Airbus sowie Thales aus Frankreich und Leonardo aus Italien – haben kürzlich ein Joint Venture vereinbart, in dem sie im Bereich Satellitentechnik ihre Kräfte bündeln wollen. Eines der erklärten Ziele: „Die strategische Autonomie Europas im Weltraum stärken.“
Dafür werden Satelliten gebraucht:
Kommunikation
Satelliten begleiten jeden Menschen in seinem Alltag. Signale fürs Fernsehen, das Radio, das Telefon oder das Internet werden mit ihnen in Echtzeit übertragen. Bekannt ist insbesondere das amerikanische Satellitensystem „Starlink“ des US-Unternehmers Elon Musk. Es umfasst Tausende in niedriger Höhe die Erde umkreisende Satelliten, die mit Laserstrahlen untereinander kommunizieren. Das Netzwerk ermöglicht eine Internetverbindung in jedem Winkel der Welt.
Navigation
Ob im Auto oder Lkw: Millionen Menschen verlassen sich täglich auf ihr Navi. Der globale Schiffsverkehr ist ebenfalls auf die exakte Positionsbestimmung per Satellit angewiesen und auch bei zahlreichen Funktionen des Smartphones ist das der Fall. Die bekanntesten Satellitennavigationssysteme der Welt sind das US-amerikanische Global Positioning System (GPS), sein europäisches Gegenstück Galileo, Glonass aus Russland sowie Beidou aus China.
Erdbeobachtung
Satelliten sind so etwas wie „fliegende Augen“ und daher ideal für Beobachtungen auf der Erde geeignet. Für Wettervorhersagen sind sie extrem wichtig. Zudem sehen sie etwa, wie weit Eispanzer ausgedehnt sind, ob Regenwald abgeholzt worden ist und wie hoch der Meeresspiegel steht. Dabei werden nicht nur klassische Fotos gemacht, sondern auch Wärmebilder. Radar, das auch bei Bewölkung und Dunkelheit Bilder liefert, kommt ebenfalls zum Einsatz. All diese Informationen tragen dazu bei, das „System Erde“ besser zu verstehen und zum Beispiel genauere Prognosen zum Klimawandel zu machen.
Forschung
Um den Weltraum besser zu verstehen, erkunden Forschungssatelliten das All. Zu den bekanntesten gehört das Weltraumteleskop „Hubble“. Es kreist seit 1990 auf seiner Bahn um die Erde und kann von dort zum Beispiel Aufnahmen von Planeten, Sternen und Galaxien machen, die nicht durch die Erdatmosphäre beeinträchtigt werden. Auch die Sonne wird mittels Satelliten überwacht, etwa um frühzeitig vor Sonnenstürmen gewarnt zu sein, die Satelliten in der Erdumlaufbahn gefährlich werden könnten.
Sicherheit
Kommunizieren, navigieren und beobachten: Das sind alles auch zentrale Aufgaben bei militärischen Operationen. Moderne Kriegsführung ist ohne Satelliten nicht denkbar. Sie helfen etwa dabei, den Kontakt zwischen Einheiten herzustellen, Raketen ins Ziel zu lenken oder Truppen des Gegners zu lokalisieren. Satellitenkommunikation erlaubt zudem eine schnelle und sichere Koordination von Streitkräften über alle Einsatzgebiete hinweg und ist auch deshalb ein entscheidender Faktor für den militärischen Erfolg.

Michael Stark schreibt aus der Münchner aktiv-Redaktion vor allem über Betriebe und Themen der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie. Darüber hinaus beschäftigt sich der Volkswirt immer wieder mit wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen. Das journalistische Handwerk lernte der gebürtige Hesse als Volontär bei der Mediengruppe Münchner Merkur/tz. An Wochenenden trifft man den Wahl-Landshuter regelmäßig im Eisstadion.
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