Kaffee kochen und Boden fegen? Was manche ältere Kollegen von ihrer Ausbildung erzählen, klingt nach Mittelalter. „Das Auto des Chefs zu waschen, war schon immer verboten“, sagt Ausbildungsexpertin Regina Flake vom Institut der deutschen Wirtschaft. „Alle Aufgaben für Auszubildende müssen dem Ausbildungszweck dienen.“ Und was Unternehmen ihrem Nachwuchs heute zutrauen, ist beachtlich.

Welche Rolle haben Azubis heute?

Sie sind sehr wichtig für die Unternehmen. Die duale Ausbildung ist eine zentrale Säule der Fachkräftesicherung, denn in immer mehr Berufen gibt es Engpässe, und es wird zunehmend schwierig, auf dem Arbeitsmarkt passend qualifizierte Fachkräfte zu finden. Wichtig ist aber auch, dass die Azubis schon während der Ausbildung produktiv mitarbeiten. Sie bringen neue Kompetenzen und Ideen mit, und das Unternehmen kann davon profitieren – man denke zum Beispiel nur an den Umgang mit dem Smartphone und dem Internet. Da lernt auch mal der Meister vom Gesellen.

Sind Azubis mehr wert als früher?

Das kann man so nicht sagen. Aber die Wertschätzung findet heute stärker in der Öffentlichkeit statt. Das erkennt man etwa an Youtube-Videos oder Facebook-Auftritten, wo Firmen die jungen Leute selber zu Wort kommen lassen. Da berichten Auszubildende von ihrem Alltag oder erzählen etwas über ihre Firma. Dem Nachwuchs die öffentliche Darstellung des Unternehmens zu überlassen, das ist beachtlich.

Hat sich die Ausbildung auch sonst verändert?

Ja, sie verändert sich kontinuierlich. Die Ausbildungsinhalte werden regelmäßig überarbeitet, es gibt neue Lern- und Lehrmethoden. Darüber hinaus sind die Ausbildungsordnungen gestaltungsoffen formuliert, sodass Unternehmen immer an modernen Maschinen mit neuen Technologien ausbilden können. Man arbeitet an Projekten, in Lerngruppen, mit Laptops. In der Chemiebranche gibt es seit 2018 für Unternehmen zudem eine Wahlqualifikation mit Digitalisierungsthemen.

Welche Berufe bietet die Branche?

In der Chemie werden rund 50 Ausbildungsberufe angeboten. Da gibt es Klassiker wie Chemielaboranten, Pharmakanten, Chemikanten, Biologielaboranten oder Lacklaboranten. Aber auch Anlagenfahrer, Logistiker, Köche, Eisenbahner, Kaufleute, Werkzeugmechaniker, Medientechnologen und natürlich die ganzen IT-Berufe.

Womit locken Firmen gute Bewerber?

Berufliche Perspektiven und die Bezahlung sind wichtige Faktoren, da hat die Chemie im Branchenvergleich die Nase vorn. Schon in der Ausbildung verdienen die jungen Leute ab dem zweiten Lehrjahr über 1.000 Euro. Aber Geld ist nicht alles. Auch die Übernahme nach der Ausbildung sowie die Karrierechancen sind wichtig, hier hat die Chemie ebenfalls enorm viel zu bieten. Darüber hinaus punkten kleine wie große Unternehmen bei Jugendlichen mit einem kollegialen Betriebsklima, einer guten Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr oder auch Extraleistungen wie einem Jobticket.

Wen möchte die Industrie haben?

Seit Anfang der 2000er Jahre hat sich der Arbeits- und Ausbildungsmarkt gedreht: Unternehmen müssen sich heute aktiv um Bewerber bemühen und offen für neue Bewerbergruppen sein. Frauen sind zwar zum Beispiel in Chemieberufen stärker vertreten als in anderen MINT-Berufen, dennoch sind sie in vielen Bereichen unterrepräsentiert. Aber auch Kandidaten ohne Abi, Ausländer oder sozial benachteiligte Bewerber müssen die Unternehmen noch stärker in den Blick nehmen.

Wichtig ist, dass die Nachwuchsfachkräfte engagiert und verlässlich sind. Auch ihre Persönlichkeit sollte zum Unternehmen passen und ihre Vorstellungen zu dem, was die Firma bieten kann. Manche Abiturienten entschließen sich nach der Ausbildung zu einem Studium und verlassen das Unternehmen – dabei können leistungsstarke Auszubildende über eine Aufstiegsfortbildung Karriere im Unternehmen machen, egal mit welchem Schulabschluss. Meist haben Meister oder Techniker sogar schon früher Führungsverantwortung als Akademiker.

Wie finden Industrie und Jugendliche zusammen?

Ich rate dazu, schon als Schüler Praktika in Unternehmen zu absolvieren. Dieses Kennenlernen hilft beiden Seiten, herauszufinden, ob man zueinanderpasst, und diese Kontakte und Erfahrungen sind später Gold wert.


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Sabine Latorre
Leiterin aktiv-Redaktion Rhein-Main

Dr. Sabine Latorre ist spezialisiert auf Themen aus der Chemie- und Pharma-Industrie. Sie liebt es, komplizierte Zusammenhänge einfach darzustellen – so schon vor ihrer Zeit bei aktiv als Lehrerin sowie als Redakteurin für die Uniklinik Heidelberg und bei „BILD“. Nebenbei schreibt sie naturwissenschaftliche Sachbücher für Kitas und Schulen. Privat reizen sie Reisen sowie handwerkliche und sportliche Herausforderungen.

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