Was macht ihr bei Festo eigentlich genau? Das zu beantworten, ist der Job von Sabine Lückfeldt. Sie arbeitet bei dem Automatisierungs-Spezialisten aus Esslingen in der Kommunikation, erklärt also nach innen wie nach außen, was das Unternehmen tut – und das ist bei einem derart spezialisierten Hersteller nicht so einfach.

Denn das Familienunternehmen Festo, das dieses Jahr seinen 100. Geburtstag feiert, steht nicht für allseits bekannte greifbare Produkte. Hier läuft kein Audi oder BMW vom Band. Dafür ist die Marke Festo so gut wie jedem Maschinenbauer ein Begriff: Schließlich kommen die Produkte und die Technologie des Weltmarktführers überall da zum Einsatz, wo es etwas zu automatisieren gibt.

Dem Kommunikations-Team ist diese Bekanntheit in Fachkreisen nicht mehr genug, wie Lückfeldt erklärt. „Wir haben uns im Jubiläumsjahr überlegt: Wie können wir auf den Punkt bringen, was wir machen – und zwar auch für Menschen außerhalb des Fachpublikums?“

Smartphones, Flaschen, Pillen oder Päckchen: Überall steckt Festo drin

Zum 100. Geburtstag hat sich das Unternehmen deshalb einen komplett neuen Markenauftritt verpasst. „Automation for a world in motion“ lautet der neue Claim, auf Deutsch: „Automatisierung für eine Welt in Bewegung“. Der Slogan bringe auf den Punkt, was das Unternehmen mit seinen Antrieben eigentlich produziere, sagt Lückfeldt: Bewegung nämlich. „Und die nutzen unsere Kunden weltweit, um ganz verschiedene Produkte herzustellen.“

Die Produkte, die mit der Steuerungs- und Automatisierungstechnik von Festo entstehen, zeigt das Unternehmen nun auch in seiner Kommunikation. In neuen Videos auf der Website sieht man Smartphones und Batteriezellen, Pillen und Päckchen, Wasserflaschen, Autos und Roboter. „Überall steckt Festo drin“, sagt Lückfeldt. Das zu sehen, macht potenzielle neue Fachkräfte neugierig – und motiviert die Mitarbeiter.

Festo arbeitet an etlichen Zukunftsthemen

Michael Dräger kennt sogar die ausgefallensten Produkte, die mithilfe von Festo-Technik entstehen: „Ich weiß, dass unsere Antriebe beim Färben von Ostereiern eingesetzt werden“, sagt der Mann, der als Leiter Plant Engineering für die strategische Produktionsplanung am saarländischen Festo-Standort Rohrbach zuständig ist.

Rund 2.400 Menschen sind aktuell hier beschäftigt. Und es könnten demnächst noch mehr werden. „Wir bauen gerade neue Produktionslinien auf“, sagt Dräger. Der Grund: Festo will Rohrbach zum Leitwerk für die sogenannte Linearführungs-Technologie ausbauen. Dafür und in eine neue Logistikhalle investiert das Unternehmen gerade 20 Millionen Euro.

Überhaupt ist bei dem Traditionsunternehmen gerade wieder sehr viel in Bewegung. Auf der Hannover Messe präsentierte Festo im Frühjahr eine Vielzahl an Zukunftsthemen: von der Bionik – also dem Übertragen von Bewegungsprinzipien aus der Natur auf technische Lösungen – über die Automatisierung der Kultivierung von Algen bis hin zu Aktorik-Lösungen mithilfe von Memory-Metallen (mehr dazu: aktiv-online.de/memory).

Ein Fokus bei Festo liegt auf der nahtlosen Automation. „Hinter dieser ,seamless automation‛ verbirgt sich, dass sich in einer Maschine zum Beispiel pneumatische Automatisierungstechnik nahtlos mit elektrischer verbindet“, erklärt Gerhard Borho, Vorstand IT und Digitalisierung bei Festo. Dafür hat das Unternehmen gerade ein neues Steuerungstool entwickelt: „Unsere Kommunikationstechnik macht es möglich, an einer Ventilinsel zum Beispiel auch einen elektrischen Antrieb anzuschließen“, sagt Borho. In diesem Projekt steckt bereits künstliche Intelligenz – ebenso wie im „Festo Virtual Assistant“, einer Art ChatGTP für Festo-Produkte. Über das Tool können sich die Anwender Fragen zu mehr als 20.000 Produkten schnell und kompetent beantworten lassen.

Erklären, was Festo macht? Auch wenn die KI dabei inzwischen hilft: Kommunikatorinnen wie Sabine Lückfeldt wird die Arbeit so schnell nicht ausgehen.

„Festo in Rohrbach wird Leitwerk für Lineartechnologie“

Viele Unternehmen im Saarland stecken in der Krise. Festo dagegen investiert kräftig in sein Werk in Rohrbach: Der Standort soll zum Leitwerk für eine neue Produktsparte ausgebaut werden. Standortleiter Christian Pflüger erklärt, worum es geht.

Herr Pflüger, was produziert Festo alles in Rohrbach?

Wir fertigen Antriebe für Zylinder und Achsen – sowohl pneumatische, also mit Druckluft betriebene Antriebe, als auch solche mit einem Elektromotor. Außerdem produzieren wir Regelventile, mit denen sich diese Antriebe steuern lassen.

Und wofür werden die Antriebe genutzt?

Unsere Antriebe braucht es immer dann, wenn es darum geht, etwas zu bewegen, zu heben oder zu positionieren. Also überall da, wo Fabriken automatisiert werden.

Das passiert ja laufend und in allen möglichen Branchen. Wer sind denn die Hauptabnehmer?

Große Geschäftsfelder sind natürlich Automotive und die Elektrobranche. Aber auch in der NahrungsmittelIndustrie werden unsere Antriebe eingesetzt, etwa in Getränke-Abfüllanlagen. Kürzlich habe ich bei der „Langen Nacht der Industrie“ erfahren, dass Festo-Technik auch in der Brezelschlingmaschine einer großen Bäckerei steckt. Normalerweise drehen Bäcker ihre Brezeln von Hand. Dank der Maschine schafft diese Bäckerei pro Stunde 1.000  Brezeln! Wir beliefern aber beispielsweise auch die Medizintechnik – das ist ein Bereich, der aktuell stark wächst.

Ist diese breite Aufstellung ein Grund dafür, dass Festo so gut durch die Krise kommt?

Ja. Wir bedienen alle möglichen Branchen, das macht uns krisensicher. Rückgänge in der Automobil-Industrie zum Beispiel können wir mit Zuwächsen in anderen Branchen ausgleichen.

In Rohrbach investiert Festo jetzt 20 Millionen Euro, die Hälfte davon in den Neubau einer Logistikhalle. Wozu braucht es die?

Die neue Halle wird 8.400 Quadratmeter umfassen und uns mittelfristig viel Zeit, Geld und Energie sparen. Heute nutzen wir ein externes Lager, Luftlinie rund 30 Kilometer entfernt, entsprechend viele Verkehre gibt es zwischen Werk und Lager. Die fallen in Zukunft weg. Außerdem werden wir die Logistik künftig selbst betreiben.

Die restlichen 10 Millionen Euro fließen in eine Zukunftstechnologie: die sogenannte Linearführung. Was verbirgt sich dahinter?

Wir werden globales Leitwerk für die Linearführung – das ist ein echtes Bekenntnis zum Standort! Diese Technologie kommt überall da zum Einsatz, wo präzises Greifen und Positionieren automatisiert wird. Ein Beispiel sind unsere neuen ELGD-Achsen: elektrische Zahnriemen-Achsen mit einer innovativen, innen liegenden Führungstechnik.

Was ist das Besondere daran?

Bei außen liegenden Führungen – egal ob Gleitlager- oder Kugellager-Führung – gibt es immer gewisse Abriebe und einen Schmutzeintrag. Eine innen liegende Führung hat diese Probleme nicht und noch dazu hat sie eine längere Lebensdauer.

Festo ist gerade 100 Jahre alt geworden. Wurde der Geburtstag auch in Rohrbach gefeiert?

Der Standort hier hat erst 2018 sein 50-jähriges Jubiläum gefeiert. Und selbstverständlich wird auch das 100-Jährige in Rohrbach gefeiert. Mit vielen schönen Events wie einem Mitarbeiterfest und einem Familientag. Unser Highlight war eine Fußball-Europameisterschaft mit 18  Mannschaften aus dem gesamten Festo-Konzern, die weiteste Anreise hatten die Kollegen aus Finnland. Alle Mitarbeiter waren außerdem zu einer Dankes-Party ins Hauptquartier nach Esslingen eingeladen.

Das ist Festo

  • Das Unternehmen wurde 1925 in Esslingen von Albert Fezer und Gottlieb Stoll gegründet, auf sie geht der Name zurück.
  • Erstes Produkt waren Maschinen zur Holzbearbeitung. Heute ist Festo Weltmarktführer für Steuerungs- und Automatisierungstechnik.
  • Festo hat Standorte in über 60 Staaten und weltweit rund 20.600 Beschäftigte, 2.400 davon in Rohrbach.
Michael Aust
aktiv-Redakteur

Michael Aust berichtet bei aktiv als Reporter aus Betrieben und schreibt über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach seinem Germanistikstudium absolvierte er die Deutsche Journalistenschule, bevor er als Redakteur für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Mitarbeiter-Magazine diverser Unternehmen arbeitete. Privat spielt er Klavier in einer Band. 

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