VW-Krise: Wie Zulieferer sich von der Auto-Industrie abwenden – und den Neustart wagen
Die Krise der Auto-Industrie spitzt sich zu und treibt Zulieferer in die Insolvenz. Auch die Schlote-Gruppe aus Harsum war davon betroffen. Philipp Schlote wagte mit der PH Technology GmbH den Neuanfang – ohne Automotive.
Das Wichtigste auf einen Blick:
- Die Krise bei VW trifft die ganze Kette: Während bei Deutschlands größtem Autohersteller Jobs auf der Kippe stehen, kämpfen viele Zulieferer schon lange mit Auftragsrückgängen.
- Am Beispiel Schlote wird der Umbruch greifbar: Aus einer jahrzehntelangen Erfolgsgeschichte wurde eine Insolvenz – und zugleich ein mutiger Neustart.
- Damit der Industriestandort wieder Tritt fasst, müssen politische Weichen gestellt werden.
Die Nachricht platzte mitten in die Fußball-WM: „VW will offenbar 100.000 Stellen streichen und könnte mehrere Werke schließen“, meldete das „Manager Magazin“ Ende Juni.
Final entschieden hat der Autokonzern über die Sparpläne bislang nicht (Stand: Ende Juli 2026). Das Land Niedersachsen stemmt sich als VW-Anteilseigner gegen Werkschließungen und einen massiven Stellenabbau. Doch dass Deutschlands größter Autohersteller viele Jobs streicht, ist sicher.

Für Autozulieferer sind solche Schreckensmeldungen längst Alltag. Sie spüren den Spardruck der Hersteller seit Jahren. Viele Betriebe haben deshalb notgedrungen ihre Abhängigkeit von Automotive reduziert. Wenn Aufträge ausblieben und ein schnelles Umsteuern nicht mehr möglich war, ging manch einer sogar in die Insolvenz.
Der Autozulieferer Schlote war lange eine Erfolgsgeschichte
So wie die Schlote-Gruppe aus Harsum. Für das 1969 gegründete Familienunternehmen war die Produktion von Autoteilen ein halbes Jahrhundert lang ein Erfolgsmodell. Turbinengehäuse, Abgaskrümmer, Konsolen, Kupplungsgehäuse – all das stellte Schlote in Serie her.
Mit den Aufträgen der Auto-Industrie wuchs auch der Zulieferer: Seit 1991 kamen sechs weitere deutsche Standorte hinzu, ab 2003 auch Werke in Tschechien und China. Zu Spitzenzeiten arbeiteten 1.600 Menschen für das Unternehmen.
155.000 Menschen arbeiten in Niedersachsen für Autohersteller oder Zulieferer
Quelle: IW Consult
Noch 2019 waren die Auftragsbücher voll. Schlote investierte – in neue Maschinen und in Nachhaltigkeit. 2023 stellte das Werk in Harsum auf Ökostrom um, 2.538 Solarmodule wurden auf die Dächer montiert.
Kurz darauf kam das Aus: Im August 2024 rutschte Schlote mit seinem Stammwerk in die Insolvenz, nachdem ein wichtiger Auftrag weggebrochen war.
Im März 2025 weitete sich die Krise auf die Holding und weitere deutsche Tochtergesellschaften aus. „Ich sehe hier mein Lebenswerk untergehen“, sagte der langjährige Firmenchef Jürgen Schlote damals der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“.
Neustart ohne Automotive – mit Bauteilen für Schwermaschinen
Woran es lag? Sein Sohn Philipp bringt es im Gespräch mit aktiv auf den Punkt: „Wir haben zu 99 Prozent für Automotive gearbeitet. Als die Aufträge ausblieben, ging das an die Existenz.“ Motorteile sind aus zwei Gründen weniger gefragt: Zum einen brauchen Elektromotoren schlicht weniger Bauteile. Zum anderen sinken die Absätze bei Verbrennern – während günstige Anbieter aus Asien Marktanteile gewinnen. Für Zulieferer ist das der perfekte Sturm.
„Alle Zulieferer halten gerade Augen und Ohren offen“
Philipp Schlote, PH Technology GmbH
Doch Schlote steht nicht nur für die Krise, sondern auch für einen mutigen Neuanfang. Als die Gruppe insolvent war, musste auch die von Philipp Schlote geleitete Schlote Technology den Betrieb einstellen. Das wollte er nicht hinnehmen: Zusammen mit seinem Partner Hugo Schornstein, ebenfalls ehemaliger Geschäftsführer der Schlote Technology, gründete er ein neues Unternehmen, übernahm 38 der 45 Mitarbeiter und zahlreiche Maschinen.
Heute produziert die PH Technology GmbH Bauteile für den Sondermaschinenbau – etwa Rohlinge für Zylinderköpfe, die in großen Stromaggregaten zum Einsatz kommen.
Damit die Auto-Industrie aus der Krise kommt, braucht es politische Reformen
„Wir machen nur noch Non-Automotive“, sagt Schlote. Damit ist er nicht allein: „Alle Zulieferer halten gerade Augen und Ohren offen und schauen, wo sie neue Märkte erschließen können.“ Rüstung sei ein großes Thema, sagt der Gründer: „Es gibt ein niedersächsisches Rüstungs-Cluster, das sich einmal im Monat trifft – da sind wir auch aktiv.“
Wie es mit dem Autostandort weitergeht, hängt für ihn stark von der Politik ab: „Wir brauchen einige einschneidende Reformen, um wieder dahin zu kommen, wo wir mal waren.“
NiedersachsenMetall appelliert an die Politik
Der Arbeitgeberverband NiedersachsenMetall hat die Politik aufgefordert, zu handeln – als Reaktion auf die möglichen VW-Werkschließungen in Hannover und Emden.
„Kein anderes Bundesland ist wirtschaftlich so abhängig von der Automobil-Industrie wie wir. Bei dieser Entscheidung geht es daher nicht allein um zwei Werke und mehrere Tausend Arbeitsplätze – es geht um das industrielle Rückgrat unseres Landes“, sagte Hauptgeschäftsführer Dr. Volker Schmidt. Ein Grund für die Krise sei die einseitige Festlegung der Politik auf die Elektromobilität gewesen, so Schmidt weiter: „Wer Klimaschutz und eine starke Industrie gleichermaßen will, muss endlich den Mut haben, Technologieoffenheit zum Maßstab zu machen! Wir brauchen einen fairen Wettbewerb der besten Lösungen. Nur so können wir Klimaziele erreichen, ohne unseren Industriestandort Schritt für Schritt zu demontieren.“
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