Niklas Stolz feilt gerade an einem Krokodil. „Das soll ein Kettenanhänger werden“, sagt der 16-Jährige und nimmt das Werkstück aus Aluminium zwischen Daumen und Zeigefinger. Zuerst habe er sich ein Muster ausgesucht, es auf eine Alu-Platte geklebt und anschließend die Form aus dem Metall geschnitten. „Jetzt arbeite ich daran, es zu entgraten“, berichtet der Jugendliche.
Enes Aydoğan nickt anerkennend. „Erst sind Schüler oft ängstlich, weil sie nicht wissen, was sie erwartet“, sagt der Industriemeister, der als Ausbilder im Metallbereich des Berufsbildungszentrums der Industrie (BZI) in Remscheid arbeitet. „Haben sie sich dann rangetraut, macht es ihnen richtig Spaß.“
Durch Ausprobieren Lust auf eine Ausbildung bekommen: Das ist das Konzept der „Vertieften Berufsorientierung“, einem neuen Modellprojekt des BZI. Finanziert wird es vom Arbeitgeberverband (AGV) Remscheid und Bergisches Land, der Agentur für Arbeit, dem Rotary-Club Remscheid-Lennep und der Wurm-Stiftung. „Wir übernehmen bei dem Projekt gerne die Finanzierung, um dem Fachkräftemangel in der Region zu begegnen“, sagt AGV-Geschäftsführer Christian Klauder.
60 Neuntklässler aus vier Remscheider Schulen bekommen dabei über ein Jahr lang ein umfassendes Coaching. In der ersten Phase kommen BZI-Pädagogen dafür alle 14 Tage direkt ins Klassenzimmer. Dort unterstützen sie die Jugendlichen dabei, sich mit ihren Stärken und beruflichen Wünschen auseinanderzusetzen. In der anschließenden Praxisphase probieren sich die Schüler eine Woche lang praktisch aus: Im BZI stehen Tätigkeiten aus Metall- und Elektroberufen auf der To-do-Liste. In der dritten Phase schließlich gehen die Ausbilder wieder in die Schulen und helfen bei Bewerbungen oder der Vorbereitung von Vorstellungsgesprächen.
Coaches begleiten die Schüler über zwei Schulhalbjahre
Dass Coaches Schüler in einer Berufsorientierung über zwei Schulhalbjahre engmaschig begleiten, ist neu. Die Idee dazu entstand während eines Netzwerk-Treffens im BZI im November 2023. „Das war eine Art Wachrüttel-Veranstaltung“, erinnert sich BZI-Geschäftsführer Alexander Lampe. „Wir mussten damals feststellen, dass leider immer weniger Schülerinnen und Schüler in eine duale Ausbildung gehen. Das haben wir in einem Treffen mit der Wirtschaftsförderung, unserem Gesellschafter und Partnern offensiv zum Thema gemacht – und das war der Ursprung des Projekts.“
Gemeinsam mit der Agentur für Arbeit und in Abstimmung mit interessierten Schulen entstand in den Monaten danach ein Konzept. „Klar war: Im Vordergrund sollte ein enges, begleitendes Coaching stehen“, sagt BZI-Projektleiterin Anna Dörschler. „Wir wollten die Schülerinnen und Schüler an die Hand nehmen und nicht einfach durch eine Pflichtveranstaltung schleusen.“
Solch ein Vorgehen sei in der Berufsvorbereitung einzigartig, lobt Geschichtslehrer Mathias Heidtmann, der die „Vertiefte Berufsorientierung“ an der Nelson-Mandela-Sekundarschule in Remscheid betreut. „Normalerweise bekommen Schülerinnen und Schüler in der Berufsorientierung nur Standardelemente geboten. Das heißt: Alle 30 Kinder in der Klasse machen ein Praktikum oder bekommen eine Nachbesprechung.“ Auf individuelle Wünsche und Begabungen einzugehen, sei in solch einem Setting schwer möglich.
Schwellenängste in Richtung Ausbildung nehmen
Hinzu kämen Schwellenängste, glaubt Heidtmann. Dass sich so viele Jugendliche etwa nach Hauptschulabschluss oder Mittlerer Reife dazu entscheiden, weiter zur Schule zu gehen, liege oft an ihrer Unsicherheit. „Die Schüler kennen das Konzept Schule. Was aber in einer Ausbildung passiert, können sie nicht einschätzen.“ Und was man nicht kennt, macht oft erst mal Angst.
Alexander Lampe glaubt, dass das „begleitende Hinführen“ Jugendliche eher für den Weg in eine duale Ausbildung begeistern kann. „Sich ein paar Stunden lang einen Betrieb anzuschauen und eine CNC-Maschine zu bestaunen, reicht dafür nicht. Wir wollen die Ausbildung anfassbar machen“, sagt der BZI-Geschäftsführer.
Amin Makach hat in seinem Leben noch nie eine Werkhalle betreten. Jetzt arbeitet der 15-Jährige schon seit einer Stunde gemeinsam mit seinen Klassenkameraden an der Werkbank – und ist begeistert. „Uns wurde erst mal alles gezeigt: wie man Sachen schleift und mit Maschinen arbeitet“, berichtet der Jugendliche. Er sei „positiv überrascht“ und könne sich „wirklich vorstellen“, sich nach dem Abschluss in dem Bereich zu bewerben.
„Viele Jugendliche haben das Bild im Kopf: Industrie ist anstrengend“, sagt Ausbilder Aydogan. Was wenige Schülerinnen und Schüler wissen: „Der Gesundheits- und Arbeitsschutz sowie Innovationen haben in den vergangenen Jahrzehnten dafür gesorgt, dass Facharbeiter kaum noch direkt körperlich arbeiten müssen“, sagt Aydogan.
Nicht nur die Ausbilder am BZI, auch die Lehrkräfte der teilnehmenden Schulen investieren viel Herzblut in das Projekt. Mit dabei sind alle vier Schulformen in Remscheid: von der Nelson-Mandela-Sekundarschule über die Ganztagshauptschule Hackenberg und die Alexander-von-Humboldt-Realschule bis zum Röntgen-Gymnasium. Für die Schüler ist die Teilnahme freiwillig. Gerade am Gymnasium sei das Interesse groß gewesen, sagt Diplom-Pädagogin Dörschler: „Dort gibt es nur wenige Angebote, die auf eine Ausbildung abzielen.“
Bei Erfolg könnte das Projekt ausgeweitet werden
Die erste Runde des Modellprojekts ist Anfang 2026 zu Ende. „Anschließend werden wir das Projekt evaluieren“, sagt Lampe. Ob der Pilot als Erfolg gilt, hängt im Wesentlichen von einer Kennzahl ab: Wie viele der Teilnehmenden gehen anschließend in eine duale Ausbildung? „Sind wir erfolgreich, könnten wir den Radius im nächsten Schritt vergrößern“, blickt Lampe voraus. Dafür wäre etwa ein Shuttle-Service zum BZI denkbar. Und die Macher denken sogar schon größer: „Wenn in zehn Jahren jemand sagt, das war die Keimzelle für ein deutschlandweit erfolgreiches Förderprogramm für die duale Ausbildung, wäre das natürlich ein Traum“, sagt Lampe.
Das BZI: Leuchtturm in der Bildungslandschaft
Das Berufsbildungszentrum der Industrie (BZI) ist Bildungsdienstleister des Arbeitgeberverbands Remscheid und Bergisches Land. Rund 250 Firmen jährlich nutzen das BZI als dritten Lernort neben Betrieb und Berufsschule für den gewerblich-technischen Nachwuchs: Durchschnittlich mehr als 170 Azubis lernen hier im ersten Ausbildungsjahr einen Metall- und Elektroberuf. Auch sonst bietet das BZI ein umfassendes Bildungsangebot. Einige Beispiele: In Kooperation mit Hochschulen der Region gibt es duale Studiengänge, die akademische und gewerblich-technische Ausbildung kombinieren.
Jugendliche erhalten im BZI Berufsorientierung und Kurse zur Ausbildungsvorbereitung. Auch berufliche Weiterqualifizierungen sind möglich, etwa zum Industriemeister oder technischen Betriebswirt.
Finanziert wird das „Kompetenzzentrum Technik & Wirtschaft Bergisches Land“ – so der BZI-Claim – maßgeblich durch den Arbeitgeberverband. Dieser ist, ebenso wie die Bergische IHK, auch Träger des Berufsbildungszentrums.

Michael Aust berichtet bei aktiv als Reporter aus Betrieben und schreibt über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach seinem Germanistikstudium absolvierte er die Deutsche Journalistenschule, bevor er als Redakteur für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Mitarbeiter-Magazine diverser Unternehmen arbeitete. Privat spielt er Klavier in einer Band.
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