Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Rudolf Rafflenbeul Stahlwarenfabrik in Hagen beliefert rund 900 Kunden in 100 Ländern der Welt.
  • Seit 124 Jahren werden dort Teile aus Federstahl gestanzt, geprägt und gebogen.
  • 120 Beschäftigte arbeiten am Standort Hagen, der nach einem Großbrand für fast 10 Millionen Euro neu aufgebaut wurde.

Wer kennt es nicht? Da schraubt man, womöglich noch über Kopf, und zack – einen Moment nicht aufgepasst und die Unterlegscheibe ist weg. Oder eine Schraube löst sich und fällt dahin, wo sie nicht hingehört. Ärgerlich!

In vielen Fällen ist es aber mehr als das. Wenn es einen Kurzschluss in der Maschine gibt. Wenn in der Lebensmittelproduktion das Schräubchen auf der Pizza landet oder sich der Kindersitz im Auto löst. Damit das alles nicht passiert, setzen über 900 Kunden weltweit auf die Produkte der Rudolf Rafflenbeul Stahlwarenfabrik in Hagen. „Bei uns geht es stets darum, etwas dauerhaft zu befestigen oder auf Distanz zu halten“, erklärt Martin Rafflenbeul, der gemeinsam mit Christoph Rafflenbeul-Dormeyer in vierter Generation das Unternehmen führt.

„Unsere Welt ist eine Scheibe“, sagen sie stolz und das ist keinesfalls so rückwärtsgewandt, wie es vielleicht klingt. Seit 124 Jahren werden in der Firma Teile aus Federstahl gestanzt, geprägt und gebogen. Die Unterlegscheiben, millionenfach in den unterschiedlichsten Ausführungen und Geometrien produziert, spielen die größte Rolle. Es ist keine Massenware – so kann man auch gegen Billiganbieter bestehen.

„Der Bereich, in dem wir unterwegs sind, ist sicherheitsrelevant“, sagt Rafflenbeul. Die Hagener setzen auf Qualität und in der Entwicklung von Spezialteilen auf die Zusammenarbeit mit den Kunden. Die kommen vor allem aus der Automobilbranche. Geliefert wird in rund 100 Länder, auch nach China, viel in die USA. Der Exportanteil: 25 Prozent.

Mitbewerber gibt es natürlich. „Das ist auch gut so“, meint Rafflenbeul, „da macht man sich immer wieder Gedanken.“ Manche Innovation ist in Hagen entstanden – mitunter, weil sich ein Kunde „verkonstruiert“ hat und eine Lösung brauchte. Die selbstklebenden Unterlegscheiben zum Beispiel hatten so ihren Ursprung.

Andere Scheibchen verfügen über eine spezielle Oberflächenstruktur, die eine Verschraubung bei starken Vibrationen rüttelfest sichert. Eine diebstahlsichere Befestigungslösung für Solarpaneele hat Rafflenbeul auf den Markt gebracht. „Das hat sich noch nicht so durchgesetzt“, bedauert der Chef.

Ein Produkt, das dagegen richtig Spaß mache, ist die unverlierbare Verschraubung. Sie sitzt auch nach dem Lösen der Schutzverkleidung an Maschinen oder am Bauteil fest und fällt nicht herunter – eine EU-Maschinenbaurichtlinie aus dem Jahr 2009 sorgt für eine steigende Nachfrage.

Für die Entwicklung neuer Teile sitzen die Spezialisten alle im Haus. „Wir machen fast alles selbst. Dadurch sind wir flexibel und schnell“, heben die Rafflenbeuls hervor. Werkzeugbau, Stanzerei, Wärmebehandlung, Wickelabteilung, Drahtzug, Oberflächenbeschichtung – die Wege für die 120 Mitarbeiter sind kurz. Seit wenigen Wochen läuft auch die Beize wieder. 2021 durch einen Großbrand zerstört, wurde sie für fast 10 Millionen Euro neu aufgebaut. Der positive Effekt: Sie ist auf dem neuesten Stand. Und Lohn-Beizen ist jetzt möglich.

Kundenbindung zählt – dafür wird gern auch mal gezaubert

Auch Verpackung und Versand haben beim Brand gelitten. „Da war viel zerstört“, erinnert sich Logistikleiter Jan Vink. Trotzdem: „Nach drei Tagen ging die erste Lieferung wieder raus. Das war eine tolle Mannschaftsleistung.“ Die Abläufe wurden beim Aufbau optimiert. Das hilft bei den über einer Milliarde Teilen, die jährlich in alle Welt verschickt werden. Manche Kunden werden mit 50.000 Teilen pro Woche beliefert, an andere gehen regelmäßig 500.000 Stück raus. Für jede Losgröße und jede Anforderung wird die günstigste Lösung gesucht.

Auf die persönliche Bindung zu den Kunden legt das Rafflenbeul-Team großen Wert. Viele Besuche und die Messe-Präsenz wie auf der Wire in Düsseldorf sind ein Muss. Dafür – und nur dafür - greift Martin Rafflenbeul, unterstützt vom Vertriebsleiter Thorsten Barteck, auch schon mal in die Trickkiste. Die beiden Mitglieder des Magischen Zirkels zaubern für ihre Kunden: „Das kommt super gut an.“ Und ist ein weiteres Alleinstellungsmerkmal.

Begegnung mit Logistikleiter Jan Vink: Er bringt Millionen Teile auf den Weg

Zu seinem Arbeitsplatz hat Jan Vink eine ganz besondere Beziehung. „Mein erstes Computerspiel habe ich hier gespielt“, erinnert er sich, „Minesweeper“. Da war er noch ein kleiner Junge, der öfter seinen Vater bei der Arbeit besucht hat. Dass er mal dessen direkte Nachfolge als Logistikleiter antreten würde, hatte er damals nicht unbedingt auf dem Plan.

Sein Schülerpraktikum hat der Hagener noch bei Rafflenbeul gemacht, in der Qualitätsprüfung. Gelernt hat er später Industriekaufmann in einem Kaltwalzunternehmen. „Und dann war ich zehn Jahre erst mal weg“, sagt der 38-Jährige: Studium in Münster, ein Job in Hamburg. „Da habe ich für Airbus Ersatzteile verschickt.“

Zur Person

  • Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf? Gelernt habe ich Industriekaufmann und da auch Erfahrung in der Logistik gesammelt. Später habe ich mich zum Export-Manager weitergebildet.
  • Was reizt Sie am meisten? Die Arbeit ist sehr vielseitig. Es ist nicht so, dass man in gewisse Muster abgleitet und immer dasselbe macht.
  • Worauf kommt es an? Genauigkeit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit. Immer die beste Lösung für die unterschiedlichen Kundenwünsche finden.

Für die Familiengründung kam Vink 2020 zurück nach Hagen. Sein Vater ging zeitgleich in Rente, die Stelle war vakant – das passte. Die Teile, mit denen der Logistikleiter jetzt zu tun hat, sind kleiner als bei Airbus, wiegen aber schwer. Rund 200.000 Tonnen gingen im vergangenen Jahr durch den Versand. International ist es geblieben. Nicht immer ganz einfach, aber lösbar– langweilig wird es nicht.

Familienunternehmen als Jobmotor

  • In Deutschland gibt es deutlich mehr Familienunternehmen als in anderen Industrienationen. Laut der Stiftung Familienunternehmen sind 88 Prozent aller deutschen Unternehmen familienkontrollierte Unternehmen.
  • Sie erzielen 46 Prozent der Umsätze und stellen circa 58 Prozent aller privatwirtschaftlich Beschäftigten in Deutschland. Sie sind also ein echter Jobmotor.
  • Viele zählen zu den hochspezialisierten „Hidden Champions“, die in ihrer Sparte Weltmarktführer sind.
  • Das Ifo-Institut hat ausgerechnet, wie viel die Familienunternehmen zum Steueraufkommen beitragen. So beliefen sich die Ertragsteuern der 500 größten Familienunternehmen von 2010 bis 2018 auf jährlich 12 Milliarden Euro. Die größten nicht familienkontrollierten Unternehmen aus dem DAX 27 lagen jeweils um rund 100 Millionen Euro darunter.
Hildegard Goor-Schotten
Autorin

Die studierte Politikwissenschaftlerin und Journalistin ist für aktiv vor allem im Märkischen Kreis, in Hagen und im Ennepe-Ruhr-Kreis unterwegs und berichtet von da aus den Betrieben und über deren Mitarbeiter. Nach Studium und Volontariat hat sie bei verschiedenen Tageszeitungen gearbeitet und ist seit vielen Jahren als freie Journalistin in der Region bestens vernetzt. Privat ackert und entspannt sie am liebsten in ihrem großen Garten. 

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