Das Wichtigste in Kürze:

  • Unternehmen der Chemie-, Kunststoff- und Pharma-Industrie Baden-Württembergs stehen unter Druck durch hohe Kosten, unsichere Märkte und komplexe Rahmenbedingungen – gleichzeitig treiben sie Transformationen voran.
  • Flexibilität, Diversifizierung, Digitalisierung und KI gelten als zentrale Hebel, um auf veränderte Kundenbedürfnisse, neue Branchen und eine zunehmend volatile Industrielandschaft zu reagieren.
  • Für eine erfolgreiche Transformation braucht es klare Strukturen, weniger Bürokratie, Beteiligung der Mitarbeitenden sowie politische Rahmenbedingungen – von wettbewerbsfähigen Energiekosten bis zu Technologien für klimaneutrale Produktion.

Digitalisierung, Energiewende, Kreislaufwirtschaft – in der Chemie- und Pharma-Industrie findet gerade ein tiefgreifender Wandel auf mehreren Ebenen statt. aktiv hat in Unternehmen nachgefragt, was Transformation für sie konkret bedeutet.

Brit Neuburger, Mitglied der Geschäftsleitung beim Baustoff-Spezialisten Sto:

„Die größte Herausforderung unserer Transformation ist, Geschwindigkeit und Fokus in einem global gewachsenen Unternehmen zu erhöhen, ohne unsere kulturelle Identität zu verlieren. Wir müssen widersprüchliche Ziele klären, Silos auflösen und Komplexität dort reduzieren, wo sie Entscheidungen verlangsamt.

Ein Beispiel ist der Abbau interner Bürokratie: Gemeinsam mit Führungskräften und Mitarbeitenden überprüfen wir Entscheidungswege, hinterfragen Regeln und ordnen Verantwortungen klar zu.

Statt pauschaler Vereinfachung setzen wir auf intelligentes Organisationsdesign, dialogorientierte Führung und Vertrauen. Beteiligung verstehen wir bewusst als Beschleuniger. So entwickeln wir Sto zu einer lernenden, eigenverantwortlichen Organisation, die nachhaltig erfolgreich bleibt.“

Christoph Moser, kaufmännischer Geschäftsführer bei der Mineraloelraffinerie Oberrhein (MiRO):

„Kohlenwasserstoffe bleiben für die Energieversorgung, viele Bereiche der Mobilität, aber auch als Grundstoffe der Petrochemie unverzichtbar. Die Energiewende kann daher nur gelingen, wenn gleichberechtigt zur Stromwende eine Molekülwende erfolgt. Das heißt: Energieträger müssen künftig klimaneutral hergestellt werden können.

Aber auch bei Einsatz von nachhaltigen Rohstoffen wird es in Zukunft einen Teil der Prozessemissionen geben, der nicht durch die Umstellung auf Wasserstoff oder Strom vermieden werden kann. Für eine klimaneutrale Produktion müssen diese Mengen CO2 abgeschieden und gespeichert werden. Somit ist der Einsatz von entsprechenden Technologien ebenfalls essenziell für eine erfolgreiche Energiewende.

Zusammen mit Partnern aus Forschung und Wissenschaft, Industrie und Verbänden arbeitet MiRO an solchen Projekten. Damit sich diese wirtschaftlich darstellen lassen und Investitionen fließen, bedarf es allerdings unterstützender Rahmenbedingungen.“

Eva Baumann, Chief Executive Officer und Sprecherin der Geschäftsleitung beim Spezialchemie-Hersteller CHT Group:

„Die deutsche Chemiebranche leidet in dieser Zeit der Transformation unter einer Konjunkturkrise, hohen Energiekosten und zunehmender Bürokratie. Trotzdem wollen wir am Standort Deutschland festhalten – dazu brauchen wir aber einige Rahmenbedingungen, die uns wettbewerbsfähig halten. Wir sehen Vorteile in der zentralen Lage, der guten Logistik und der politischen Stabilität. Der größte Trumpf sind jedoch die qualifizierten Fachkräfte und deren Innovationskraft. Hierfür benötigen wir allerdings einen realistischen Tarifabschluss in 2026.

Nach starkem Wachstum und Zukäufen in den letzten Jahren war die Organisation nicht mehr effizient - die gestiegene Komplexität bremste Innovation und Kundennähe aus. Auch die Belegschaft sah die Notwendigkeit zum Wandel, den sie aktiv mitgestaltete.

Das führte zu einem radikalen Umbau in der CHT Group: Wir haben zum Beispiel die Sparten reduziert und uns auf wachstumsstarke und nachhaltige Produkte konzentriert. Die Führung gab Leitplanken vor, die konkrete Ausgestaltung erfolgte in Arbeitsgruppen. Intensive und transparente Kommunikation war entscheidend, um Akzeptanz und Veränderungsbereitschaft zu fördern.“

Fakten & Hintergründe

Andreas Schettler, Vorstand beim Kunststoff-Spezialisten Bada AG:

„Der Wandel ist für uns nicht nur ein Risiko, sondern auch eine Chance“ 

Andreas Schettler, Vorstand der Bada AG aus Bühl

„Eine der größten Fragen, mit denen wir uns beschäftigen, ist: Was machen unsere Kunden, die wir großteils in Deutschland haben? Denn im Zuge der Transformation und der Standortprobleme verändern viele ihre Produktpalette oder verlagern Produktion ins Ausland. Bestimmte Industriesparten werden nicht mehr global wettbewerbsfähig sein, dafür kommen neue Branchen dazu.

Eine große Herausforderung ist: Es lässt sich nicht genau vorhersagen, wie sich die Industrielandschaft hierzulande weiterentwickeln wird. Doch wir beobachten intensiv den Markt und profitieren jetzt davon, dass wir schon immer auf sehr hohe Flexibilität gesetzt haben.

Dafür brauchen wir aber funktionierende Lieferketten, die in der Realität immer unberechenbarer werden. Deshalb haben wir hier in ein großes Lager investiert, das wir demnächst eröffnen. Auch unsere Diversifizierung hilft uns in der Transformation: Wir beliefern mit unseren Spezial-Kunststoffcompounds bewusst nicht nur eine Branche, sondern viele verschiedene, und nehmen besonders Schlüsselbranchen für Zukunftstechnologien in den Blick, zum Beispiel Medizintechnik.

So ist der Wandel für die Bada AG nicht nur ein Risiko, sondern auch eine Chance.“

Dr. Virginia Bastian, Arbeitsdirektorin und Teil der Geschäftsführung der Roche Diagnostics GmbH sowie Arbeitsdirektorin der Roche Deutschland Holding:

„Die Digitalisierung verändert unsere Branche fundamental – und wir bei Roche gestalten diesen Wandel aktiv mit. In den vergangenen Jahren haben wir enorme technologische Fortschritte erlebt, insbesondere im Bereich der künstlichen Intelligenz. KI hilft uns, komplexe Zusammenhänge schneller zu entschlüsseln, Diagnostik präziser zu machen und die Entwicklung neuer Medikamente deutlich effizienter voranzutreiben.

Gleichzeitig setzen wir KI-basierte Anwendungen gezielt zur Weiterentwicklung unserer Organisation ein: Sie ermöglichen es uns, strukturiert Feedback zu erfassen, Mitarbeitende in ihrer individuellen Entwicklung zu stärken und sie mit zukunftsorientierten Kompetenzen für eine sich wandelnde Arbeitswelt auszustatten sowie Führungskräfte und Teams mit passgenauem, KI-gestütztem Coaching zu unterstützen. So steigern wir Produktivität, Qualität und Geschwindigkeit in einer zunehmend komplexen Arbeitswelt.“

Barbara Auer
aktiv-Redakteurin

Barbara Auer berichtet aus der aktiv-Redaktion Baden-Württemberg vor allem über die Chemieindustrie. Nach dem Studium der Sozialwissenschaft mit Schwerpunkt Volkswirtschaftslehre volontierte sie beim „Münchner Merkur“. Wenn Barbara nicht für aktiv im Einsatz ist, streift sie am liebsten durch Wiesen und Wälder – und fotografiert und filmt dabei, von der Blume bis zur Landschaft.

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