Gerade justiert Emrah Özdemir eine Stoffbahn auf der Rotationsfilmdruckanlage, als aktiv bei Setex Textilveredlung zu Gast ist. Dann fährt die Anlage an, der Druckzylinder rotiert immer schneller. Auf dem grauen, leicht schimmernden Stoff zeigt sich das Logo eines Kunden, der bei dem Textilunternehmen aus Bocholt seine Stoffe veredeln lässt. „Den Zylinder haben wir dafür extra fertigen lassen“, erklärt Özdemir, Projektleiter für Beschichtung und Druck. Am Ende der Anlage greift er nach dem frisch bedruckten Baumwoll-Elastan-Gemisch, nach der Fixierung im Spannrahmen ist die Farbe getrocknet: Mit dem weichen Griff und dem Druckbild ist Özdemir sehr zufrieden. Und das ist nur ein Beispiel für die vielen Anwendungen, die man hier beherrscht.

Einige Verfahren sind speziell auf Kundenwünsche zugeschnitten

Man kann hier weich oder rau, öl-, schmutz- und wasserabweisend veredeln, flammenhemmend oder unempfindlich gegen UV-Licht, besonders elastisch – oder auch Feuchtigkeit aufsaugend: „Modernen Textilien können wir eine Vielzahl von Eigenschaften geben“, sagt Geschäftsführer Georg Klein-Hitpaß.

Was der Stoff am Ende können muss, ist abhängig davon, wofür er eingesetzt werden soll. Teilweise sind die Anwendungen oder die Kundenwünsche so speziell, dass das Unternehmen eigens dafür Veredelungsverfahren entwickelt hat. Das Spezialwissen der Bocholter steckt etwa in Event-Textilien, die tiefschwarz sind, Licht schlucken und flammenhemmend ausgerüstet werden. Setex macht Arbeitskleidung langlebig und widerstandsfähig, Bekleidungsstoffe besonders weich oder Cabrio-Verdeckstoffe besonders robust.

Die Vielfalt der Verfahren ist beeindruckend. „Wir sind nur so weit gekommen, weil wir hier die richtige Kombination aus dem Know-how der Mitarbeiter und der Produktionstechnik haben“, betont Klein-Hitpaß. Etwa 35 Millionen Quadratmeter veredelter Stoff verlassen jährlich den 110-Mann-Betrieb. Ein Drittel davon sind sogenannte Event-Stoffe, die etwa in Theatern oder bei Großveranstaltungen genutzt werden.

„Wir sind nur so weit gekommen, weil wir hier die richtige Kombination aus dem Know-how der Mitarbeiter und der Produktionstechnik haben“

Georg Klein-Hitpaß, Geschäftsführer

Alles beginnt im Rohwarenlager. Dort erhalten die angelieferten Stoffchargen Partiekarten, digital und in Papierform. Oft enthalten sie 14 Stationen, bis das Textil dann fertig und auslieferungsfähig ist. „Ein wichtiger Arbeitsschritt ist die Vorbehandlung. Dabei bleichen wir die Stoffe intensiver und besser“, erklärt Klein-Hitpaß. Das mache die nachfolgenden Prozesse reproduzierbarer. Gebleicht wird mit Wasserstoffperoxid. Adnan Özdemir, Maschinenführer in der Vorbehandlung, muss dabei ein genaues Auge auf die Rezeptur der chemischen Zusatzstoffe haben: „Läuft hier etwas schief, hat das Folgen für den gesamten weiteren Verarbeitungsprozess“, sagt der Maschinenführer.

Produktionsleiter Thorsten Wagner beaufsichtigt hier pro Schicht zwischen zwei und sechs Vorbehandlungsanlagen gleichzeitig, die bleichen, sengen und waschen. Dabei hat das eigentlich lapidare Waschen eine wichtige Bedeutung: Wird die als Schutzschicht dienende Schlichte nicht vollständig ausgewaschen, kann die Faser Farbe später nur schlecht aufnehmen, das Farbbild wird nicht gleichmäßig.

Manche Anlage ist über Jahre optimiert worden

Ihre aus einem Baumwollgemisch bestehenden Event-Textilien behandeln die Bocholter etwa per Schwefelfärbung. „Die Anlage dafür haben wir über Jahre optimiert“, sagt Klein-Hitpaß. So sind nur wenige Arbeitsschritte nötig für die tiefe, lichtschluckende Färbung auf einer Stoffbreite von bis zu drei Metern. Binnen Sekunden hat sich die Baumwollfaser vollgesogen, der Farbstoff oxidiert schnell, ist dann schwarz.

Eine Halle weiter bearbeitet eine Anlage Polyestergewebe über eine reaktive Färbung. „Auch hier ist wieder chemisches Wissen gefragt“, so der Chef. Denn die Faser muss erst aktiviert werden, damit sie die Farbmoleküle aufnehmen kann. Die Reaktion erfordert Zusatzstoffe und dauert sechs bis acht Stunden. Im Spannrahmen wird das Ganze dann fixiert.

Bleichen, färben, ausrüsten – da kommt eine Menge Chemie zusammen. „Ohne die geht es einfach nicht“, macht Klein-Hitpaß klar. Das wird dann auch in der Ausrüstungsabteilung deutlich. Dort bekommen die Stoffe ihre speziellen Eigenschaften. Das tiefschwarze Event-Textil etwa erhält hier eine flammenhemmende Schicht (sonst dürfte es aus Sicherheitsgründen nicht als Bühnenstoff eingesetzt werden). „Dabei kommen unter anderem auch nützliche Abbauprodukte aus der Düngemittel-Industrie zum tragen“, erklärt der Geschäftsführer. Es ist deshalb sogar möglich, diesen Stoff aus Baumwolle später einfach zu kompostieren.

Bei anderen Textilien, wie etwa dem vor Kurzem unter Emrah Özdemirs wachsamen Augen bedruckten Bekleidungsstoff, geht es eher um die Haptik, also darum, wie sich das Textil beim Tragen anfühlt. „Die Haptik ist hier genau richtig, so soll sich eine Hose anfühlen“, urteilt der erfahrene Beschichtungsspezialist.

Eigentlich schade also, dass aus diesen Metern schimmernden Materials am Ende doch keine Hose genäht werden wird. Denn, so verrät Klein-Hitpass: „Wir lassen daraus für eine Sonderserie in limitierter Auflage filigrane Taschen nähen.“ Das übernehmen dann Kollegen in der automatisierten Taschenkonfektion am Setex-Hauptsitz im benachbarten Dingden.

Anja van Marwick-Ebner
aktiv-Redakteurin

Anja van Marwick-Ebner ist die aktiv-Expertin für die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie. Sie berichtet vor allem aus deren Betrieben sowie über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach der Ausbildung zur Steuerfachgehilfin studierte sie VWL und volontierte unter anderem bei der „Deutschen Handwerks Zeitung“. Den Weg von ihrem Wohnort Leverkusen zur aktiv-Redaktion in Köln reitet sie am liebsten auf ihrem Steckenpferd: einem E-Bike.

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