Das Wichtigste auf einen Blick:
- Seit Fernlenkung in Deutschland erlaubt ist, arbeiten viele Start-ups und Unternehmen an Angeboten zum teleoperierten Fahren.
- Einsatzmöglichkeiten gibt es auf Binnenschiffen, in der Lkw-Logistik, als Bus-Shuttle oder im Werkverkehr.
- Das teleoperierte oder autonome Fahren könnte in Zukunft eine Antwort auf den Fachkräftemangel in Transport und Logistik sein.
Mit einem selbstfahrenden Fahrzeug von A nach B kommen? In San Francisco kein Problem. Durch die kalifornische Metropole rollen schon seit Jahren Robotaxis. In Nordrhein-Westfalen sind solche Fahrzeuge immer noch selten. Aber auch hier gibt es viele Projekte mit autonomen Fahrzeugen – und viele sind schon sehr weit. In Monheim am Rhein etwa zuckelten von 2020 bis 2025 fahrerlose Busse durch die Stadt. Und Hochschulen wie die Uni Duisburg oder die RWTH Aachen forschen daran, wie Schiffe und Fluggeräte künftig aus der Ferne gelenkt werden können.
„Wir können Steuern und Fahren räumlich entkoppeln“
Win Neidlinger, Geschäftsführer MIRA
Dieses sogenannte teleoperierte Fahren ist in Deutschland erst seit Dezember 2025 gesetzlich erlaubt: In einer fünfjährigen Erprobungsphase dürfen Firmen seither ferngelenkte Fahrzeuge im öffentlichen Straßenverkehr ausprobieren. Diese neuen Möglichkeiten nutzen aktuell vor allem Start-ups – viele davon aus NRW.
Ob Düsseldorf in Sachen autonomes Fahren irgendwann San Francisco Konkurrenz machen kann? Nicht ausgeschlossen. Spätestens dann, wenn aus diesen Pilotprojekten Realität wird.
Das Institut DST und die Uni Duisburg-Essen testen autonom fahrende Binnenschiffe

„Stephan, du kannst jetzt übernehmen!“, sagt Matthias Wassenberg in sein Headset kurz nach dem Ablegen. Von nun an steht der Kapitän nur noch für den Notfall parat und hält Fluss und Monitore im Auge. Während das Forschungsschiff „Nova“ eine Runde auf dem Rhein dreht, steuert es Teleoperator Stephan Schweig aus der Ferne.
Schweig sitzt in der Messehalle Düsseldorf, die Hand am Joystick, vor mehreren großen Bildschirmen. Darauf gleiten die Ufer vorbei, auf der rechten Seite taucht ein großes Containerschiff auf. Kameras, Lidar, Radar und weitere Sensoren und Ortungssysteme liefern Schweig einen Rundumblick: Mehr als man auf der „Nova“ selbst je hat.
Der Katamaran ist ein Forschungsprojekt der Uni Duisburg und des DST Entwicklungszentrums für Schiffstechnik und Transportsysteme. Ziel ist, das autonome Fahren für die Binnenschifffahrt zu entwickeln.
„Wir streben Level 3 der Automatisierung an: Der Mensch beobachtet und übernimmt erst, wenn das Schiff mit einer Situation nicht klarkommt“, berichtet der Software-Ingenieur Wassenberg. Ein Kapitän könnte so theoretisch vier oder fünf Schiffe überwachen. „In der Testphase muss noch jemand zur Sicherheit am Kommandopult sitzen“, sagt Wassenberg. Künftig könnte das wegfallen.
„Allein in Deutschland fehlen rund 1.500 Binnenschiffer“, erklärt sein Kollege Schweig. Hochautomatisiertes Fahren soll die Besatzungen verkleinern und den Beruf attraktiver machen. Heute leben Schiffer zwei Wochen auf dem Kahn, zwei Wochen sind sie zu Hause. Teleoperator dagegen ist ein normaler Bürojob: Nach acht Stunden ist Feierabend.
Das Start-up Holon bringt autonome Sammeltaxis auf die Straße

Bis zu 15 Personen und ein Kinderwagen oder Rollstuhl passen in den „Holon urban“. Eine Fahrerkabine mit Lenkrad, Bremse und Rückspiegel braucht es in Zukunft in dem kleinen E-Bus nicht – denn der „Holon urban“ fährt autonom.
Entwickelt wird das Fahrzeug von dem 2022 in Paderborn gegründeten Start-up Holon. Dahinter steht der Autozulieferer Benteler mit seinem Know-how und seiner Vernetzung in der Industrie. In Deutschland fahren Holon-Busse zurzeit auf der hauseigenen Teststrecke im Paderborner Zukunftsquartier und in Hamburg im Projekt Alike.
Dort cruisen die Fahrzeuge in einem Stadtteil zwischen Stadtpark und Elbe – noch ohne Fahrgäste. Im weiteren Projektverlauf sollen ausgewählte Testkunden die autonomen Shuttles per App buchen und nutzen können. Holon liefert barrierefreie Minibusse, die Volkswagen-Tochter MOIA steuert selbstfahrende VW ID Buzz für bis zu vier Personen bei. Im Projekt sind bis zu 20 autonome Shuttles geplant.
Die Holon urban sollen den öffentlichen Nahverkehr erweitern, vor allem in Randgebieten und auf dem Land, wo sich Bahn und Busse finanziell nicht lohnen. Zusätzlich entwickelt das Start-up „Zugmaschinen“ für das Paderborner Projekt Nemobil, die kleinere autonome Fahrzeuge im Konvoi während der Fahrt aufladen.
MIRA entwickelt intelligente Systeme zum teleoperierten Fahren

Auf der Straße passiert viel Unvorhergesehenes: Eine Strecke wird wegen Bauarbeiten gesperrt, ein Auto bleibt mit Panne stehen. In solchen Fällen muss immer noch der Mensch ran. Aber muss er dafür im Fahrzeug sitzen? MIRA meint: nein.
Die Rheinmetall-Tochter hat das teleoperierte Fahren entwickelt: Ein Fahrzeugführer bedient Pkws, Busse oder Lkws auf Distanz. „Wir können Steuern und Fahren räumlich entkoppeln“, sagt Geschäftsführer Win Neidlinger. Dank 5G-Mobilfunk oder Satellitenverbindung klappt das auch über mehrere Hundert Kilometer.
Der Teleoperator sitzt dabei in einer Kontrollstation vor großen Monitoren. Er steuert mit dem Joystick oder mit Lenkrad und Pedalen. Über eine On-Board-Unit greift er auf Gas, Bremse, Lenkrad, Blinker, Hupe oder Scheibenwischer zu. Ein intelligentes System sorgt dafür, dass der richtige Fahrer dem richtigen Fahrzeug zugeteilt wird. „Ein Teleoperator, der einen Lastwagen steuert, braucht einen Lkw-Führerschein“, erklärt Neidlinger.
MIRA bietet zwei Stufen des unterstützten Fahrens. Beim Teledriving fährt der Operator die komplette Strecke. Beim Teleassist greift er in automatisieren Systemen nur im Notfall ein. Und das System ist schon im Einsatz: So können Passagiere am Flughafen Düsseldorf etwa seit Mai einen ferngesteuerten Minibus rufen.

Teleoperiertes Fahren: Das ist aktuell erlaubt
Seit Dezember 2025 gilt in Deutschland die sogenannte Straßenverkehr-Fernlenk-Verordnung: Sie macht teleoperiertes Fahren („Fernlenken“) in einer fünfjährigen Testphase in eng umgrenzten Projekten möglich. Diese Projekte sind an strenge Auflagen und behördliche Genehmigungen gebunden. So dürfen Testfahrten etwa nur in ausgewiesenen Zonen stattfinden. Fernlenken bedeutet, dass eine Person ein Fahrzeug von einem Leitstand aus steuert. Möglich machen das modernste Kameratechnik und leistungsfähige Datenverbindungen.

Matilda Jordanova-Duda schreibt für aktiv Betriebsreportagen und Mitarbeiterporträts. Ihre Lieblingsthemen sind Innovationen und die Energiewende. Sie hat Journalismus studiert und arbeitet als freie Autorin für mehrere Print- und Online-Medien, war auch schon beim Radio. Privat findet man sie beim Lesen, Stricken oder Heilkräuter-Sammeln.
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Michael Aust berichtet bei aktiv als Reporter aus Betrieben und schreibt über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach seinem Germanistikstudium absolvierte er die Deutsche Journalistenschule, bevor er als Redakteur für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Mitarbeiter-Magazine diverser Unternehmen arbeitete. Privat spielt er Klavier in einer Band.
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