Das Wichtigste auf einen Blick:
- Seit dem Machtwechsel in Syrien sind etwa 1,6 Millionen von dort geflüchtete Menschen zurück in ihre Heimat gekehrt. Aus Deutschland waren es im vergangenen Jahr 3.678.
- Deutschland und Syrien wollen die Rückkehr syrischer Geflüchteter in ihre Heimat beschleunigen.
- Auswertungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft zeigen: Eine pauschale Rückkehr hätte negative Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt – und würde der Komplexität des Themas nicht gerecht.
Als sich Bundeskanzler Friedrich Merz und der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa in Berlin trafen, sprachen sie unter anderem über ein Reizthema: Die zügige Rückkehr von rund 950.000 in Deutschland lebenden Syrern. Diese hatten während des Bürgerkriegs in Syrien nach und nach in Deutschland Zuflucht gesucht, die meisten von ihnen trafen 2015 und 2016 ein.
Viele kehren nach Syrien zurück, aber nur wenige aus Deutschland
Seit dem Machtwechsel in Syrien Ende 2024 sind nach UN-Angaben rund 1,63 Millionen Flüchtlinge in das Land zurückgekehrt. Bis Ende April 2026 waren es laut UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR aus der Türkei fast 640.000, aus dem Libanon etwa 630.000 und aus Jordanien rund 285.000 Menschen.
Die Rückkehrer aus Deutschland fallen da im Vergleich kaum auf: Laut Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) verließen im vergangenen Jahr knapp 3.700 Syrer Deutschland, um in ihre Heimat zurückzukehren.
Das Land Syrien
Der Staat mit etwa 24 Millionen Einwohnern grenzt an die Türkei, den Irak, Jordanien, Israel und an den Libanon sowie ans Mittelmeer. Die Hauptstadt Damaskus liegt im Südwesten des Landes, nahe der Grenze zum Libanon. Mit einer Größe von etwa 185.000 Quadratkilometern ist Syrien halb so groß wie Deutschland. Die Amtssprache ist Arabisch. Ende 2024 wurde das Assad-Regime gestürzt, es kam zum ersten Machtwechsel in Syrien seit Jahrzehnten. Seit Dezember 2024 ist Ahmed al-Scharaa Übergangspräsident.
Laut Bundeskanzler Merz haben sich die Rahmenbedingungen in Syrien seit Ende des Bürgerkriegs „grundlegend verbessert“ – weswegen der Schutzbedarf für syrische Staatsangehörige nun neu bewertet werden müsse.
Wer ist gemeint, wenn über „Syrerinnen und Syrer in Deutschland“ gesprochen wird?
„Bei der Debatte über die Rückkehrforderung stehen meist diejenigen im Fokus, die keine deutsche Staatsangehörigkeit haben“, ordnet Fabian Semsarha ein, Referent für Fachkräftesicherung im Institut der deutschen Wirtschaft (IW). „In den meisten Statistiken werden die gut 250.000 Syrerinnen und Syrer, die zwischen 2015 und 2024 eingebürgert wurden, nicht berücksichtigt.“ Denn sie werden nun in den Statistiken entsprechend als Deutsche geführt.
Auch deswegen sei es wichtig, sehr differenziert an die schwierige Thematik heranzugehen. „Eine pauschale Rückkehrforderung von 80 Prozent oder mehr wird der Komplexität der Thematik nicht gerecht.“ Dadurch entstünde das Risiko, dass auch Qualifizierte und längst gut integrierte Personen Deutschland verlassen. „Wenn über eine erneute Prüfung des Schutzstatus gesprochen wird, muss diese Überprüfung im Einzelfall stattfinden“, gibt der Experte zu bedenken. Schließlich seien viele Syrerinnen und Syrer – ob mit oder ohne deutschen Pass – längst gut integriert.
Eine unnötig scharfe Debatte schadet der Willkommenskultur
Semsarha gibt außerdem zu bedenken: „Wenn solche Forderungen öffentlich formuliert werden, kann das eine abschreckende Wirkung haben.“ Selbst bereits eingebürgerte und gut integrierte Syrer, deren Aufenthaltsstatus bei uns eigentlich gesichert ist, könnten dadurch zur Abwanderung motiviert werden.
Dazu muss man wissen: Laut Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zählt das politische Klima in Deutschland zu einem der Hauptgründe, warum berufstätige Migranten das Land wieder verlassen. Und es könne potenzielle Erwerbsmigranten davon abhalten, nach Deutschland zu kommen. Und solche Debatten wie die über die Syrer bleiben international nicht unbemerkt: „Wenn sie zu scharf geführt werden, können Sie der Außenwirkung unseres Landes und der Willkommenskultur schaden“, sagt der Experte.
Spürbare Folgen für einzelne deutsche Unternehmen
Eine großangelegte Rückkehr der in Deutschland lebenden Syrer hätte zudem spürbare Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt, wie Auswertungen des IW zeigen. Schaue man sich den Anteil syrischer Beschäftigten im Verhältnis zu allen Beschäftigten in Deutschland an, sei der Anteil zwar verschwindend gering, so Semsarha. „Doch je näher man einzelne Berufsgruppen oder Unternehmen betrachtet, desto relevanter werden diese Menschen für das gesamte System.“
80.000 Syrer arbeiten in Deutschland in sogenannten Engpassberufen
Von den rund 950.000 Syrern in Deutschland waren im August 2025 (aktuellere Auswertungen liegen noch nicht vor) gut 260.000 sozialversicherungspflichtig beschäftigt – Tendenz steigend. „Rund 80.000 von ihnen arbeiten in Engpassberufen, also in Berufsfeldern, in denen Unternehmen offene Stellen besonders schwer besetzen können“, erklärt Fabian Semsarha. Am stärksten vertreten seien syrische Beschäftigte in der Kfz-Branche, in Transport und Logistik, im Gastgewerbe sowie im Gesundheitswesen.
Rund die Hälfte der syrischen Beschäftigten arbeitet auf Fachkraftniveau
„Die Interessen Syriens beim Wiederaufbau und die Bleibewünsche gut integrierter Menschen müssen austariert werden“
Fabian Semsarha, IW
Es gibt und 21.000 Syrerinnen und Syrer, die in Deutschland studieren, und knapp 7.000, die eine Berufsausbildung absolvieren – darunter viele in Engpassberufen wie Zahnmedizin, Sanitär- und Heizungstechnik sowie Bauelektrik.

Die syrischen Flüchtlinge sind im Schnitt relativ jung
Das Durchschnittsalter der syrischen Bevölkerung in Deutschland liegt bei nur etwa 27 Jahren. Zum Vergleich: Die deutschen Bundesbürger waren im Jahr 2024 im Schnitt 44,9 Jahre alt. Rund ein Drittel der Syrer ist noch minderjährig, allein die Null- bis Sechsjährigen machen knapp 120.000 Personen aus.
Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels mit deutlichem Rückgang des Arbeitskräftepotenzials in Deutschland sei diese Gruppe also für unseren Arbeitsmarkt potenziell relevant, erklärt der Experte.
Fingerspitzengefühl anstelle pauschaler Rückkehrforderungen
Übrigens: 2024 kamen über reguläre Erwerbszuwanderung lediglich rund 55.000 Personen aus Drittstaaten außerhalb der EU nach Deutschland – „bei Weitem nicht genug, um den Renteneintritt der Babyboomer auszugleichen“, betont Semsarha. Allein in den nächsten drei Jahren würden rund fünf Millionen Babyboomer in Rente gehen, aber nur zwei Millionen Berufseinsteiger kämen nach.
Semsarhas Fazit: „Statt die Integration durch pauschale Rückkehrforderungen generell infrage zu stellen, sollte die Politik Fingerspitzengefühl zeigen und genauer hinschauen.“ Die Interessen Syriens beim Wiederaufbau und die Bleibewünsche gut integrierter Menschen in Deutschland müssten sorgfältig austariert werden.

Nadine Keuthen stürzt sich bei aktiv gerne auf Themen aus der Welt der Wissenschaft und Forschung. Die Begeisterung dafür haben ihr Masterstudium Technik- und Innovationskommunikation und ihre Zeit beim Kinderradio geweckt. Zuvor wurde sie an der Hochschule Macromedia als Journalistin ausgebildet und arbeitete im Lokalfunk und in der Sportberichterstattung. Sobald die Sonne scheint, ist Nadine mit dem Camper unterwegs und schnürt die Wanderschuhe.
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