Aachen. Der Mann mit der jugendlichen Ausstrahlung ist 41, Professor an der Technischen Hochschule Aachen – und der Boss von Deutschlands jüngstem Produzenten von Elektroautos. Achim Kampker lenkt die Firma Streetscooter in Aachen, die mit ihren postgelben Elektroautos Furore macht „Wir bauen Fahrzeuge ohne jeden Schnickschnack. Praktisch, robust und bezahlbar.“

Der kantige Wagen mit dem Kofferaufbau für Pakete ist alles andere als ein Aufreger – außen wie innen. Klimaanlage? Fehlanzeige! Die brauchen Postzusteller eh nicht, wenn sie zigmal ein- und aussteigen.

Statt eigener Designs kaufen die Aachener auch Standardprodukte großer Zulieferer zu. So stammt etwa der Motor von Bosch. Das spart Entwicklungszeit – und Geld. Deshalb ist ein Streetscooter schon ab rund 32.000 Euro zu haben. „Wir sind deutlich effizienter als üblich“, sagt der Prof mit Blick auf andere Produktionsbetriebe: „Häufig fehlen der Wille und der Mut, Dinge einfach anzugehen.“

Nachdem die Post vor sieben Jahren nach einem emissionsfreien Zustellfahrzeug suchte und bei den Autobauern kein passendes Modell fand, wurde sie beim Streetscooter fündig. Beim gelben Riesen war man begeistert – und kaufte nicht nur die Autos, sondern das ganze Unternehmen gleich mit, zu dessen Gründern Kampker gehörte. Inzwischen stehen schon 5.000 E-Mobile im Dienste des Bonner Konzerns.

Der Erfolg von Streetscooter und anderen jungen Herstellern von Elektroautos wie Tesla ist für die traditionellen Fahrzeugbauer ein Signal. Sie bringen verstärkt auch E-Fahrzeuge auf den Markt.

Wie beispielsweise Mercedes, ebenso Produzent leichter Nutzfahrzeuge. Im zweiten Halbjahr dieses Jahres kommen die Stuttgarter mit einem E-Transporter, der direkt auf das Aachener Produkt zielt. Kampker sieht sich bestätigt: „Das zeigt, dass wir wohl vieles richtig machen.“

Der Strategiewechsel der Autobranche komme spät. Aber sie werde aufholen, meint Professor Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) im rheinischen Bergisch Gladbach. Das Thema E-Mobilität sei in der Vergangenheit zum Teil eher als Stiefkind betrachtet worden. Doch die deutschen Produzenten könnten im Rennen um Marktanteile dank ihrer Innovationskraft punkten. Die Chancen stünden gut, dass sie in Sachen Elektroauto in Zukunft „die Marktführerschaft übernehmen“.

Die Bewährungsprobe für die Newcomer kommt noch – der Einstieg in die Massenfertigung

Dabei verwundert Bratzel nicht, dass die neuen Konkurrenten so flott loslegen: „Komponenten für Elektroautos können heute fast vollständig von Zulieferern eingekauft werden.“ Der Elektromotor sei in seiner Konstruktion deutlich simpler als der Verbrenner mit Getriebe und Auspuffanlage. Gleichwohl stellt er klar: Die Bewährungsprobe für die meisten Quereinsteiger kommt noch.

„Eine Marke zu gründen, ist günstig, eine Marke zu etablieren nicht“, sagt Experte Bratzel. Für eine Massenfertigung seien milliardenschwere Investitionen nötig. Wie sie nun von den Etablierten angeschoben werden.

Der Branchen-Neuling Streetscooter will sich von den Großen nicht abhängen lassen. Noch im zweiten Quartal soll die Produktionskapazität auf 20.000 Transporter verdoppelt werden. Kunden sind mittlerweile auch Gewerbetreibende und Kommunen.

Die Aachener werden außerdem eine erste Serie von 500 Autos mit Brennstoffzellenantrieb bauen. Sie wollen mit dieser Technik das Reichweitenproblem der reinen Stromer lösen. Die Fahrzeuge werden mit einer „Tankfüllung“ 500 Kilometer zurücklegen können.