Frankfurt. Die Herausforderungen, vor denen die hessische Metall- und Elektro-Industrie (M+E) aktuell steht, sind gewaltig. Einerseits ist der Strukturwandel zu bewältigen: die digitale Transformation, die vier Antriebs-Alternativen Verbrennungsmotor, E-Motor, Hybrid und Wasserstoff sowie die stärker werdende Anforderung von Dienstleistung rund um die Produkte. Andererseits spürt man bereits ein Abkühlen der Konjunktur.

2018 war die Stimmung noch gut, denn die Umsätze lagen nach einem Plus von 6 Prozent bei 66 Milliarden Euro. Inzwischen ist das anders, und die Betriebe befürchten eine deutliche Verschlechterung.

Das ergab eine Wirtschaftsumfrage, die der Arbeitgeberverband Hessenmetall bei seinen Mitgliedern durchgeführt hat. 142 Betriebe mit knapp 43.600 Beschäftigten haben sich daran beteiligt. Fazit von Wolf Matthias Mang, Vorstandsvorsitzender von Hessenmetall, bei der Vorstellung der Ergebnisse in Frankfurt: „Die M+E-Unternehmen blicken deutlich pessimistischer in die Zukunft und erwarten einen Stellenabbau.“

Die Kosten müssen gesenkt werden

Nur knapp 42 Prozent der Befragten beurteilen ihre Geschäftslage als gut. Im Herbst waren es 62 Prozent. Für Herbst 2019 erwarten sogar nur noch 7 Prozent eine gute oder bessere Geschäftslage. 19 Prozent gehen jedoch von einer Verschlechterung aus. Im Herbst 2018 waren das nur knapp 9 Prozent. Die Zahl der Mitarbeiter in der hessischen M+E-Industrie wuchs 2018 um 2 Prozent (4.400 Stellen) auf knapp 220.000 Beschäftigte. Dieser inzwischen zehn Jahre währende Beschäftigungszuwachs um 24.000 Arbeitsplätze seit 2010 dürfte nun zu Ende sein. Erstmals wird wieder mit einem Rückgang der Stammbelegschaften um knapp 1 Prozent gerechnet. Beim Frühindikator „Einsatz von Zeitarbeitnehmern“ sind das sogar 26 Prozent. Das heißt, mindestens jede vierte Stelle dürfte dort wohl gestrichen werden.

Der Stimmungseinbruch erfolgt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, denn die Branche steckt mitten im Wandel. Wie die Umfrage zum Sonderthema Digitalisierung ergab, hat knapp ein Fünftel der Betriebe seine Produktionsprozesse bereits fortgeschritten elektronisch abgebildet. Bei 9 Prozent ist der nächste Schritt, die smarte Fabrik mit selbstregulierenden Prozessen in Echtzeit, schon Wirklichkeit. Die Mehrheit nennt das ein definiertes Ziel.

Entsprechend wird mehr investiert, nicht zuletzt in die Qualifikation der Mitarbeiter. Mehr als 15 Prozent der gesamten Investitionssumme fließen in die Weiterbildung, damit die Mitarbeiter mit der fortschreitenden Digitalisierung mithalten können.

Außerdem kämpfen die Unternehmen mit klaren Nachteilen im Standortwettbewerb: Die Arbeitskosten der deutschen M+E-Industrie liegen laut einer Studie rund 75 Prozent über dem Mittelwert von acht europäischen Konkurrenzländern sowie den USA, China, Japan und Südkorea. Auch die Kosten für Industriestrom sind in Deutschland rund ein Viertel höher. Erste Maßnahmen zur Kostensenkung und zum Arbeitsplatzabbau sind bereits angekündigt - vor allem in der Automobil- und Elektro-Industrie. Der Hessenmetall-Vorsitzende: „Unsere Unternehmen stehen in einem schwierigen Jahr, das Anlass zur Sorge gibt.“

Wolf Matthias Mang, Vorstandsvorsitzender von Hessenmetall, im Gespräch mit den Medien:</p><p>„Unsere Unternehmen stehen in einem schwierigen Jahr, das Anlass zur Sorge gibt.“Wolf Matthias Mang, Vorstandsvorsitzender von Hessenmetall, im Gespräch mit den Medien:</p><p>„Unsere Unternehmen stehen in einem schwierigen Jahr, das Anlass zur Sorge gibt.“

Laut Jochen Knake, Geschäftsführer von NOLTA in Cölbe, führen die aktuelle gesamtpolitische Gemengelage im In- und Ausland sowie die sich stark verändernden internationalen Handelsbeziehungen in Summe zu einer großen Verunsicherung der Märkte. Das sei schlecht für das Geschäft und senke die Erwartungen auf Besserung. „Wann diese Entwicklungen mit unserem Brot-und-Butter-Geschäft, den Standardprodukten, mindestens gleichziehen werden, bleibt abzuwarten“, so Knake.

Claus Lau, Standortleiter Erbach von Bosch Rexroth und Vorsitzender der Hessenmetall-Bezirksgruppe Darmstadt und Südhessen, sieht die Branche an einem Scheideweg. In den vergangenen konjunkturell starken Jahren hätten die Unternehmen Investitionen in die digitale Transformation verstärkt, um auf lange Sicht international wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Herausforderung werde nun sein, diese Bestrebungen auch in einer wirtschaftlich angespannten Lage fortzusetzen.

Dazu sagt Lau: „Die M+E-Industrie ist eine der stärksten Branchen, und ich bin davon überzeugt, dass uns dies gelingen kann. Voraussetzung dafür wird aber sein, dass wir einen kühlen Kopf bewahren und in den kommenden Monaten besonnen agieren.“

Auseinandersetzungen in der Handelspolitik

Emil Bayer, Geschäftsführer der GAT Gesellschaft für Antriebstechnik in Geisenheim, erkennt trotz guten Auftragsbestands in unterschiedlichen Abnehmerbranchen eine zunehmende Verunsicherung. Die handelspolitischen Auseinandersetzungen zwischen China und den USA sowie eine in Teilen zurückhaltende Investitionsneigung zeige in Deutschland Wirkung.

„Um langfristig die Position der deutschen M+E-Industrie im weltweiten Wettbewerb halten und am Wachstum teilhaben zu können, müssen sich die Unternehmen flexibel aufstellen“, so Bayer. Gerade vor dem Hintergrund immer volatiler werdender Marktbewegungen und unsicherer Rahmenbedingungen seien integrierte Wertschöpfungsketten, kurze Wege, funktionierende Informationsflüsse sowie flexible und wettbewerbsfähige Strukturen erforderlich.

Sein Fazit: „Wir brauchen den Willen und die Bereitschaft, uns diesen Herausforderungen zu stellen, und den Mut, neue Lösungswege mit Blick auf Simulationsmöglichkeiten, Technologien und Geschäftsmodelle zu erarbeiten und umzusetzen.“