An einem glühend heißen Sommernachmittag prügelt Alexander Gebhardt seinen roten Skoda über eine Schotterpiste. Eingezwängt zwischen Baustellenbaken quält sich gleich nebenan der Verkehr über die A 70 bei Hallstadt in Franken. Der Skoda rumpelt über Bodenwellen, umfährt ein Baustellenfahrzeug.

Dann lenkt Gebhardt abrupt rechts ran, steigt zusammen mit Beifahrer Volker Lauterbach aus. Flirrende Hitze schlägt den beiden Kollegen entgegen. Schatten gibt’s hier nirgends, dafür dröhnen Baggermotoren. Ist keine Wellness-Oase hier, aber Gebhardt und sein Kollege Lauterbach schauen trotzdem ziemlich zufrieden. „In sechs Wochen ist hier alles fertig“, sagt Gebhardt. „Dann fahren wir hier auf einem neuen Stück Autobahn!“

450.000 Stunden standen Bundesbürger allein 2024 im Stau

Die Autobahn – was war das mal für ein deutscher Mythos. Symbol für Fortschritt, für freie Fahrt, gar mit Vollgas. Doch der Mythos hat längst Risse. Bröckelnde Brücken, maroder Straßenbelag – die einstige Vorzeigeinfrastruktur ist ins Schleudern geraten. Mit sehr viel Geld will die Regierung nun für Besserung sorgen. Bis 2029 sollen 52 Milliarden Euro für die Sanierung aller Bundesstraßen bereitgestellt werden. Es wäre bitter nötig. Denn: Statt freier Fahrt gibt’s auf deutschen Autobahnen viel zu oft – Stillstand. 2024 standen die Autofahrer laut ADAC-Zahlen 450.000 Stunden im Stau. Mehr als ein halbes Jahrhundert!

Das strapaziert nicht nur die Nerven. Auch die Wirtschaft leidet massiv. „Das deutsche Straßennetz ist von einem Standortvorteil zu einem Geschäftshemmnis geworden“, urteilt Thomas Puls, Experte für Verkehr und Infrastruktur beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Viel zu lange habe man Straßen und Brücken verfallen lassen. „Wir haben bewusst von der Substanz gelebt. Jetzt ist der schlechte Straßenzustand im Wortsinne für uns alle erfahrbar.“

Für paradiesische Verkehrsverhältnisse wie anno 1960 würden die aktuell geplanten Investitionen aber nicht so schnell sorgen können. Experte Puls: „Das Geld ist eine notwendige Bedingung dafür, dass die Situation besser werden kann. Aber Geld allein reicht eben nicht.“ Planungs- und Genehmigungsverfahren müssten dringend entschlackt und stark beschleunigt werden. „In Deutschland hat der liebe Gott zwischen das Geld und die Bauleistung die Baugenehmigung gesetzt“, frotzelt Puls. Das müsse sich ändern.

Und es gibt da noch ein Problem: Es fehlen schlicht Leute. Insbesondere im Planungs- und Ingenieurwesen sei der Fachkräftemangel derzeit eklatant, so Puls.

Am Ende sind es also Männer wie Alexander Gebhart und Volker Lauterbach, auf die es ankommt. In der Höllenhitze neben der A 70 in Bayern drängt für die beiden auch an diesem Tag mal wieder die Zeit. In ein paar Wochen sollen schließlich unter einer der neuen Brücken vier Hochgeschwindigkeitsgleise der Bahn in Betrieb genommen werden. Der Termin ist fix, und bis dahin muss auch die Asphaltdecke gelegt worden sein. Hier, wo es noch nach Wüste aussieht, nicht nach Autobahn.

Mammutprojekt mit vier neuen Brücken

Gebhart bringt das nicht aus der Ruhe: „Ein Tag trocknen und auskühlen reicht.“ Pause, dann: „Okay, wenn man es heiß reiten will, reichen auch mal sechs Stunden“, scherzt er. Die beiden Männer stapfen über Fräskanten und Kiesdecken, die Sicherheitsstiefel wirbeln kleine Staubwölkchen auf. Ab und an hält Projektleiter Lauterbach an, spricht mit Bauarbeitern, gibt Anweisungen.

Der 62-Jährige ist Bauingenieur bei der Autobahn GmbH, diese Tochter des Bundes ist zuständig für Bau und Erhalt des Autobahnnetzes. Kollege Gebhart arbeitet für ein örtliches Ingenieurbüro, er fungiert als eine Art Bindeglied zwischen der Autobahn GmbH und den ausführenden Baufirmen. Chef Lauterbach selbst ist an zwei Tagen in der Woche hier vor Ort. Den Rest seiner Arbeitszeit verschlingen die neun weiteren Baustellen, die er verantwortet.

Man könnte das jetzt Stress nennen. Für Lauterbach ist es Leidenschaft: „Ich bin Autobahner mit Leib und Seele.“ Was sich hier Höhe Hallstadt seit nunmehr zwei Jahren tue, sei ein wahres Mammutprojekt, findet er. Vier neue Brücken, Fahrbahnanpassungen, Lärmschutzmaßnahmen. Bei fließendem Verkehr, über 50.000 Autos pro Tag. Damit alles reibungslos klappt, sind bis zu 100 Arbeiter gleichzeitig im Einsatz. „Diese Baustelle ist hochkomplex, das ist Champions League!“

2027 soll alles endgültig fertig sein. „Das werden wir packen“, ist sich Alexander Gebhardt sicher. Auch wenn man natürlich nie so ganz genau weiß, was alles passieren kann auf so einer riesigen Baustelle. Wie vor ein paar Wochen, als mitten in der Nacht Gebharts Handy klingelte. Ein Lkw-Fahrer hatte in der Baustelle die Kontrolle verloren. Ergebnis: ein umgekippter Truck, schrottreife Wandelemente, Stau. „Ging noch mal glimpflich aus“, sagt Gebhart. Über zwei Jahre sei er jetzt schon hier auf der Autobahn, sagt Gebhart. „Und jeder Tag war bislang anders.“ Das sei das Reizvolle am Job.

Politik hat das Problem endlich erkannt

Und dann sind da ja noch die Dimensionen: „Wenn man bei einer Kommune arbeitet, dann plant man vielleicht eine Brücke über einen Bach. Aber hier, auf der Autobahn, da geht’s doch ums große Ganze!“ Aber wie das eben so ist mit dem Großen und dem Ganzen: So etwas ist bekanntlich eher selten über Nacht erledigt. „Die Sanierung der Autobahnen und Brücken ist ganz sicher kein Sprint. Das wird ein Marathon“, betont IW-Experte Thomas Puls.

Trotzdem ist er zumindest gebremst optimistisch. Auch, weil das Problembewusstsein in der Politik heute deutlich ausgeprägter sei als früher. „Nach einem Vierteljahrhundert elender Debatte liegen jetzt endlich alle Bausteine auf dem Tisch, um das System Straßenbau wirklich dauerhaft zu verbessern.“ Nur zusammenfügen müsse man sie eben noch. Damit wir endlich wieder – freie Fahrt haben.

Ulrich Halasz
aktiv-Chefreporter

Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann studierte Uli Halasz an drei Universitäten Geschichte. Ziel: Reporter. Nach Stationen bei diversen Tageszeitungen, Hörfunk und TV ist er jetzt seit zweieinhalb Dekaden für aktiv im Einsatz – und hat dafür mittlerweile rund 30 Länder besucht. Von den USA über Dubai bis China. Mindestens genauso unermüdlich reist er seinem Lieblingsverein Schalke 04 hinterher. 

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