Das Wichtigste auf einen Blick:
- Die Transformation hin zur Klimaneutralität verursacht hohe Kosten für die Wirtschaft in NRW.
- Viele Betriebe müssen Kredite bei Banken aufnehmen, um große Transformationsvorhaben zu finanzieren.
- Bislang fehlt es oft an Standards und Anreizen für solche „grünen“ Investitionen.
Nordrhein-Westfalen will bis 2045 klimaneutral sein. Dafür müssen sich auch die Betriebe im Land transformieren – und etwa in neue Anlagen investieren. Woher soll das Geld dafür kommen, gerade in der aktuellen Krise? aktiv hat das mit Ralph Henger besprochen. Er ist Ökonom im Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und leitet das Projekt Fin.Connect.NRW, das Firmen bei der Transformationsfinanzierung unterstützt.
Herr Henger, warum ist die Finanzierung der Transformation überhaupt ein Problem – fehlt es an Kapital?
Es fehlt nicht grundsätzlich an Kapital. Das Problem ist eher, dass Transformationsvorhaben oft sehr teuer, langfristig und risikoreich sind. Hinzu kommt: Kleine und mittlere Unternehmen finanzieren sich nicht am Kapitalmarkt, sondern über ihre Hausbanken. Und die verlangen große Sicherheiten und viele Nachhaltigkeitsdaten. Das ist gerade für kleine Firmen eine Herausforderung.
Wie viel Kapital fehlt aktuell in NRW?
Wenn wir bis 2045 klimaneutral sein wollen, müssen wir pro Jahr 100 Milliarden Euro investieren! Zurzeit liegen wir etwa bei der Hälfte – wir brauchen also deutlich mehr Investitionen als heute.

Wo müssen Industriebetriebe investieren?
Sie müssen energieeffiziente Anlagen anschaffen und Prozesse elektrifizieren. Es geht um Abwärmenutzung und Wärmedämmung, um Kreislaufwirtschaft und datenbasierte Prozesse. Nur wenige Firmen können all das allein stemmen.
In dem vom NRW-Wirtschaftsministerium getragenen Projekt Fin.Connect.NRW bringen Sie Banken, Unternehmen und die Politik an einen Tisch. Warum braucht es so etwas?
Weil auf allen Seiten immer noch viel Unverständnis darüber herrscht, was die anderen benötigen. Es fehlt etwa an Standardisierung: Banken sind unsicher, ob der von einem Unternehmen eingeschlagene Transformationspfad zielführend ist. Betriebe wünschen sich von der Politik mehr Anreize, um grün zu investieren. Und von den Banken mehr Standards bei den Daten, die sie liefern müssen, um einen Kredit zu bekommen.
„Transformationsvorhaben sind oft sehr teuer, langfristig und risikoreich“
Ralph Henger, IW
Die Nachhaltigkeitsberichte hat die EU ja zumindest für kleine Firmen entschlackt.
Das stimmt, die Berichtspflicht für kleine Betriebe entfällt. Trotzdem müssen sie sich transformieren – und wenn sie Kredite brauchen, auch Nachhaltigkeitsdaten an Banken liefern.
Und auch, wenn sie Teil der Lieferkette für große Unternehmen sind…
Wir setzen uns dafür ein, dass sich der sogenannte VSME-Standard durchsetzt, der nur rund 50 Datenpunkte vorsieht. Unser Ziel wäre, dass Banken dann nur noch ein paar zusätzliche Daten verlangen und die große Datensammelei damit aufhört.
Politisch steht Nachhaltigkeit aktuell nicht mehr im Fokus. Merken Sie das im Projekt?
Das Tempo ändert sich, aber die Richtung bleibt. Wir müssen uns transformieren, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Sonst überholen uns andere. Da muss man nur nach China schauen.
Nachhaltigkeitsberichte: Unternehmen müssen Daten liefern
Um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft zu stärken, hat die EU Ende 2025 die Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen vereinfacht. Reportings nach dem aufwendigen Standard CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) müssen jetzt nur noch Unternehmen anfertigen, die mehr als 1.000 Beschäftigte haben und netto mindestens 450 Millionen Euro im Jahr umsetzen. Kleinere und mittlere Betriebe müssen keine Berichte mehr abliefern – auch wenn sie Zulieferer großer Unternehmen sind. Für deren Berichte müssen sie lediglich Informationen beisteuern, die „mit zumutbarem Aufwand verfügbar sind".

Michael Aust berichtet bei aktiv als Reporter aus Betrieben und schreibt über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach seinem Germanistikstudium absolvierte er die Deutsche Journalistenschule, bevor er als Redakteur für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Mitarbeiter-Magazine diverser Unternehmen arbeitete. Privat spielt er Klavier in einer Band.
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