Bedburg. Eine ruhige Kugel schieben? Für Toni Hanzic ist schon die Vorstellung der Horror. Wenn er morgens zur Arbeit kommt, dann hofft er vor allem auf eines: Action! „Ich brauch das einfach, je mehr los ist, desto besser.“ In seinem Job ist der 47-Jährige da bestens aufgehoben. Hanzic ist Pannenhelfer – für die ganz schweren Fälle. Sein Spezialgebiet: Lastkraftwagen.

Havarierte 40-Tonner, Ladung, die im Graben liegt, zerfetzte Reifen, geborstene Achsen, all die kleinen und größeren Dramen auf deutschen Straßen – für Hanzic sind sie Alltag. Knallhart, körperlich anstregend, nicht selten auch gefährlich. Und trotzdem: „Das ist ein Traumjob, es gibt nichts Schöneres, als Lkws wieder flottzukriegen.“

Das ist auch bitter nötig. Denn egal ob Badelatschen, Milchtüte oder Maschinenteil – wenn Waren hierzulande von A nach B gekarrt werden müssen, geht nichts ohne den Brummi. 4,6 Milliarden Tonnen betrug 2017 das Gesamtgewicht aller in Deutschland transportierten Güter. Und 3,6 Milliarden Tonnen davon entfielen allein auf den Straßengüterverkehr. 

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Im Pannenfall zählt jede Minute

Noch beeindruckender ist die Beförderungsleistung. 480 Milliarden sogenannte Tonnenkilometer, das Produkt aus Gütergewicht und Distanz in Kilometern, wurden auf unseren Straßen abgespult. Und nahezu alle Experten sind sich einig: Die Bedeutung des Straßengüterverkehrs wird in Zukunft weiter steigen.

Jede banale Reifenpanne ist dabei Sand im empfindlichen Getriebe der Güterlogistik. Das weiß kaum einer besser als Dirk Fröhlich. „Wenn ein Lkw liegen bleibt, zählt wirklich jede Minute“, sagt der Chef des ADAC-Truckservice mit Sitz im württembergischen Laichingen. „Ausfallzeiten gehen sofort ins Geld, Lieferzeiten können nicht mehr eingehalten werden.“ Von kilometerlangen Staus hinter havarierten Trucks ganz zu schweigen. Um die Pannenfahrzeuge schnell wieder in die Spur zu kriegen, unterhält der ADAC ein bundesweites Netz aus meist mittelständischen Werkstattpartnern.

Erste Hilfe mit 500 PS

Einer davon ist Toni Hanzics Arbeitgeber: „Auto-Hilfe Poulwey“ im rheinischen Bedburg, 26 Mitarbeiter. Hanzic selbst ist seit 20 Jahren dabei. An diesem Februarfreitag steht er auf dem Hof der Firma, hinter ihm in Reih und Glied geparkte Werkstattwagen und Bergungsfahrzeuge mit bis zu 500 PS. Jeder neue Einsatz ist für ihn erst mal eine Herausforderung. „Man weiß nie so genau, was einen erwartet.“ Geht ein Pannennotruf ein, kann Hanzic die Details auf dem Display seines Tablets einsehen, „das spart Papierkram“.

95 Prozent der Pannen können noch vor Ort behoben werden

Auch sonst habe sich der Job im Lauf der Jahre verändert. Die Nutzfahrzeugflotten der Logistikbranche stecken voller Hightech. Abgasreinigung, Elektronik und modernste Assistenzsysteme, die im Pkw noch Zukunftsmusik sind, haben die Anforderungen nach oben geschraubt. Hanzic: „Ohne regelmäßige Fortbildungen geht da nichts!“

Seine Schicht geht heute bis in den Abend, doch ob dann wirklich Wochenende ist? „Ich hab Rufbereitschaft, wenn nachts das Telefon klingelt, muss ich wieder ausrücken.“

Manchmal können die Männer nur die Trümmer aufräumen

Ohne Leidenschaft gehe eben nichts in dem Job, sagt der alte Hase. Mindestens ebenso wichtig: ein gutes Nervenkostüm. „Wenn du auf dem Standstreifen auf der Autobahn unter einem Lkw liegst, die Kardanwelle ausbaust, und direkt neben dir donnert der Verkehr vorbei, darfst du keine Angst haben.“ Um für bestmögliche Absicherung zu sorgen, rücken sie bei Auto-Hilfe Poulwey prinzipiell mit zwei Fahrzeugen aus.

Manchmal, sagt Hanzic, komme man aber auch nur noch zum „Aufräumen“. Bei einem Einsatz auf der A 61 hatte einer von zwei mit Orangensaftkonzentrat beladenen Tankwagen eine Panne. Beide Lkws hielten auf der Standspur, ein dritter Truck raste ungebremst in die stehenden Laster. Ein Fahrer starb, „es war totales Chaos, überall Trümmer und Orangensaft“, erinnert er sich.

Es sind Einsätze wie diese, die auch erfahrene „Starke Engel“ erst mal verarbeiten müssen. „Du sprichst mit deiner Frau, packst das irgendwie weg“, sagt Hanzic. Aber die Eindrücke bleiben dennoch haften.

Gefordert sind umfassendes Fachwissen – und auch psychische Stärke

An diesem Tag bildet mit Hanzic der noch unerfahrene Marcel Müller das Lkw-Einsatzteam. Müller, gerade 20, ist erst seit einem Monat an Bord. „Letzte Woche war Glatteis, da rutschte ein 40-Tonner mal eben in den Graben“, erzählt er. Spektakulär sei die Bergung mithilfe eines Krans für ihn gewesen, „ich hab die Verantwortung gespürt, die wir hier schultern müssen.“ Um die weiß auch ADAC-Truckservice-Chef Fröhlich: „Bei Lkw-Pannen ist alles eine Nummer größer“, sagt er. Die Bergefahrzeuge, die Ersatzteile. Ebenso wichtig wie umfassendes Fachwissen sei daher die psychische Stärke. „Ein Gelber Lkw-Engel muss die Nerven behalten, wenn sie bei allen anderen blank liegen“, so Fröhlich.

Manchmal aber sind ganz andere Fähigkeiten gefragt. „Bei osteuropäischen Fernfahrern müssen wir auch mal Seelsorger sein“, bekennt Hanzic. Teilweise lebten die wochenlang in ihren Zugmaschinen. Wenn eine Panne den Zeitplan schrottet, „dann sind die Jungs völlig down“. Mit Händen und Füßen verständige man sich dann. Und wenn am Ende der Pannen-Truck aus Polen endlich wieder rollt, „dann ist das einfach ein überragendes Gefühl!“

Teamspirit: Toni Hanzic (links) und Marcel Müller rücken immer gemeinsam aus.
Teamspirit: Toni Hanzic (links) und Marcel Müller rücken immer gemeinsam aus. Bild: Roth

Das ist der ADAC-Truckservice

  • 40.000 -mal rückten die Gelben Engel für Lkws im Jahr 2017 in Deutschland aus. Im Schnitt sind sie nach 60 Minuten am Pannenort. Die benötigten Ersatzteile haben sie dann schon dabei. 
  • Ein engmaschiges Netz aus Partnerbetrieben an über 800 Standorten mit 3.000 Pannenhelfern in Deutschland sorgt dafür, dass havarierte Fahrzeuge schnell wieder rollen. 
  • 95 Prozent der Pannen können noch vor Ort behoben werden.