Die Deutschen und der Caravan: eine Liebesgeschichte, die spätestens in den 1970er Jahren landesweit begann und einfach nicht enden will. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 2024 wurden laut dem Caravaning Industrie Verband e. V. rund 96.400 Fahrzeuge, also Caravans und Reisemobile, in Deutschland neu zugelassen – mehr als in jedem anderen europäischen Land. Doch wer glaubt, mit steigender Campingmobil-Zahl auf den Straßen würden auch die passenden Reparaturwerkstätten aus dem Boden sprießen, der irrt sich.
Caravan-Seminare für spezielles Know-how
„Die Techniken in der Reparatur unterscheiden sich wesentlich von denen der Pkw-Reparatur. Dieses Know-how haben noch nicht viele“, erklärt Axalta-Mitarbeiter David Kukies. Gemeinsam mit Harald Weckmann bietet er daher seit 2017 spezielle Caravan-Seminare an – in der Axalta Refinish Academy in Köln. In dem eigenen Schulungszentrum des Lackherstellers vermitteln die beiden Fahrzeug-Lackiermeister Kukies und Weckmann Theorie und Praxis der Caravan-Instandsetzung. „Selbst kleine Fehler bei der Reparatur können große Schäden verursachen“, ergänzt Weckmann. Umso wichtiger also, die richtigen Techniken zu kennen.
Neue Möglichkeit für Strukturblech-Reparatur
Seit den 70ern hat sich der klassische Aufbau der meisten Caravans kaum geändert: Strukturblech außen, dahinter Styropor und Fichtenplatte, innen schließt dann die Schrankrückwand ab. Die einzelnen Schichten werden vollflächig verklebt. „Und damit haben wir schon die erste Herausforderung in der Reparatur“, sagt Kukies. Eine Delle im Autoblech würde man einfach ausbeulen – beim Caravan würde man so die einzelnen Schichten auseinanderreißen, die Außenwand wäre zerstört.
„Campingfahrzeuge stellen eine besondere Herausforderung dar, die wir gerne annehmen“
Harald Weckmann, technischer Service
Und auch das Blech an sich stellt Karosseriebauer und Lackierer vor Schwierigkeiten. „Etwa die Hälfte der Neuzulassungen hat noch immer das klassische Caravan-Strukturblech“, so Weckmann. Das kaschiere nicht nur geschickt die darunterliegenden Holzlatten, sondern spare durch die spezielle Oberflächenstruktur Material und damit Gewicht. „Bei einem acht Meter langen Caravan sprechen wir schnell von 30 Kilo“, ergänzt der Experte.
Allerdings können Schäden wegen der speziellen Struktur nicht einfach zugespachtelt und lackiert werden. „Lange gab es keine elegante Lösung für dieses Problem“, sagt Kukies. Eine Reparatur an der Karosserie war immer ein optischer Kompromiss, bis vor ein paar Jahren eine neue Reparaturtechnik entwickelt und schnell zum Highlight in den Caravan-Seminaren wurde: „Mithilfe einer speziellen Vorrichtung wird ein Negativabdruck einer unbeschädigten Stelle gemacht“, erklärt Kukies. Im Anschluss wird diese Gussform über der Schadstelle fixiert, mit 2K-Material ausgespritzt und anschließend lackiert. Kukies: „In zwei Stunden ist das Material getrocknet, die Struktur ist wiederhergestellt.“
Tipps für Camper
Wer privat Schäden an seinem Caravan behebt, riskiert oft Folgeschäden – etwa durch Eindringen von Feuchtigkeit in die Zwischenwände. Besser: Eine zertifizierte Caravan-Werkstatt aufsuchen, die auf dem aktuellen technischen Stand ist. Seit 2015 vergibt etwa der Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugtechnik e. V. das Gütesiegel Caravan-Fachbetrieb. Die Liste der geprüften Werkstätten: caravan-fachbetrieb.de
Kleiner Schaden, großer Aufwand
Doch nicht nur Lackierer und Karosseriebauer von Werkstätten oder den Herstellern selbst lernen in Köln die „Dos and Don’ts“ – auch Sachverständige besuchen die Seminare. Das Ziel: Verständnis für die Reparaturmethoden zu entwickeln. Denn selbst ein kleiner Schaden am Caravan erfordert meist eine umfangreiche Reparatur.
„Bei einem Pkw können viele Schäden mit einer sogenannten Spotreparatur behoben werden“, so Weckmann. Per Definition umfasst die maximal die Fläche eines DIN-A4-Blatts. Bei einem Caravan geht es aber um mindestens einen Meter in jede Richtung – so entsteht schnell eine zu behandelnde Fläche von vier oder fünf Quadratmetern. Der Grund: Die Caravanhersteller walzen die Farbe auf die Bleche auf, „Coil Coating“ wird dieses Verfahren genannt. In den Werkstätten werden jedoch meistens pneumatische Zerstäubungsverfahren angewandt, womit sich die Farbpartikel auf der Oberfläche völlig anderes ausrichten.
Lufttrocknende Lacke sind unerlässlich
Also braucht es sehr viel Platz rund um die Schadstelle, um einen weichen Übergang zwischen Spritzlackierung und original gewalztem Blech herzustellen: So fällt die Reparatur kaum auf. Ohne dieses Wissen lehnen Versicherungen solche Reparaturen oft ab: Warum so viel Aufwand für einen so kleinen Schaden? „Genau diese Wissenslücke möchten wir schließen“, sagt Weckmann.
Seit mehr als 150 Jahren produziert Axalta Coating Systems Lacke, die weltweit auf unterschiedlichsten Oberflächen eingesetzt werden – auf Helmen, Gitarren, Achterbahnen, Wolkenkratzern und eben hauptsächlich auf verschiedenen Fahrzeugen. Auf dieses Know-how greifen daher auch die großen deutschen Caravanhersteller zurück.
Insbesondere lufttrocknende Lacke sind für Campingfahrzeuge interessant: „Wegen der geklebten Schichten der Außenwand“, erklärt Kukies. „Würden wir die Lacke mit Infrarotstrahlern trocknen, würde der Klebstoff zerstört und durch die punktuelle Hitze würden die Wände selbst kaputtgehen.“ Für die Lacke von Axalta ist Infrarottrocknen nicht mehr notwendig, auch müssen keine riesigen Kabinen mehr aufgeheizt werden: Bei 20 Grad Raumtemperatur sind die Fahrzeuge nach etwa 60 bis 90 Minuten polierbar.
Die Akademie
- Die Axalta Refinish Akademie in Köln dient als Schulungszentrum für Lackierer, Karosseriebauer und Sachverständige.
- Neben den speziellen Caravan-Schulungen werden dort auch neueste Lackiertechniken vermittelt.
- Online können Lackierprofis sich zudem mit eigenen Schulungsvideos Wissen aneignen.
- Mehr Infos: axalta.com/caravan

Nadine Keuthen stürzt sich bei aktiv gerne auf Themen aus der Welt der Wissenschaft und Forschung. Die Begeisterung dafür haben ihr Masterstudium Technik- und Innovationskommunikation und ihre Zeit beim Kinderradio geweckt. Zuvor wurde sie an der Hochschule Macromedia als Journalistin ausgebildet und arbeitete im Lokalfunk und in der Sportberichterstattung. Sobald die Sonne scheint, ist Nadine mit dem Camper unterwegs und schnürt die Wanderschuhe.
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