Das Wichtigste auf einen Blick:
- Die bayerischen Metall- und Elektro-Unternehmen erwarten, dass sich ihre eh schon maue Geschäftslage noch weiter verschlechtert.
- Der Standort Bayern und Deutschland leiden unter strukturellen Problemen, etwa zu hohen Kosten für Energie und Arbeit. Als Folge investieren Unternehmen eher im Ausland, während sie in Bayern Jobs abbauen.
- Ziel in der Metall- Tarifrunde 2026 muss es sein, die De-Industrialisierung zu stoppen. Dafür dürfen die Arbeitskosten nicht weiter steigen.
Nach zwei Jahren Rezession hatte die deutsche Wirtschaft für 2025 auf eine Erholung der konjunkturellen Lage gehofft. Vor allem die im März neu gewählte Bundesregierung sollte mit Reformen für Schwung sorgen. Doch es geht nicht voran, die Wirtschaft stagniert weiterhin. Auch für 2026 prognostizieren führende Wirtschaftsexperten nur minimales Wachstum. Darunter leidet vor allem die Industrie. Gerade in Bayern hat das Verarbeitende Gewerbe eine große gesamtwirtschaftliche Bedeutung, 23 Prozent der Wertschöpfung gehen auf ihr Konto.
Wo liegen die Hindernisse, die den Aufschwung erschweren? Was erwartet die Wirtschaft für das Jahr 2026? Darüber sprach aktiv mit Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände bayme vbm.
Herr Brossardt, Sie befragen zweimal im Jahr die bayerischen M+E-Unternehmen, wie die Wirtschaftslage aussieht, zuletzt im Dezember 2025. Wie ist die Stimmung?
Die Lage hat sich seit dem Sommer deutlich verschlechtert. Die Hoffnungen und die vorsichtige Zuversicht der Unternehmen sind verflogen. Sowohl die inländischen als auch die ausländischen Geschäftserwartungen haben sich eingetrübt.

Was heißt das konkret?
Nur noch knapp 15 Prozent der Firmen beurteilen die inländische Geschäftslage als gut. Das wirkt sich etwa auf Investitionen und Beschäftigung aus.

Im Ausland wollen die Unternehmen mehr produzieren, mehr investieren und mehr Jobs schaffen, während sie im Inland Personal abbauen und die Investitionen zurückschrauben.

Und von den wenigen geplanten Inlandsinvestitionen entfallen nicht einmal 14 Prozent auf Erweiterungen. Das ist der niedrigste Anteil seit Beginn unserer Umfrage vor 24 Jahren!

Warum ist das Ausland derzeit attraktiver?
Es zeigt sich schon seit Längerem deutlich, dass unser Wirtschafts- und Industriestandort das Problem ist. Wir sind nicht mehr wettbewerbsfähig und zahlen mit der anhaltenden De-Industrialisierung einen hohen Preis dafür.

Wo liegen die Schwachstellen?
Wir haben etwa nach wie vor zu teure Energie- und Arbeitskosten, zu hohe Steuern und Abgaben und überbordende bürokratische Belastungen. Diese strukturellen Standortprobleme muss die Bundesregierung lösen. Schließlich geht es um nicht weniger als die Zukunftsfähigkeit unserer Industrie.
Die Bundesregierung hat aber doch Reformen angeschoben.
Sie hat zwar einen guten Start hingelegt und ihre Pläne lassen guten Willen erkennen. Aber es ist zu wenig, zu unkonkret und es geht nicht schnell genug. Gleichzeitig kommen noch kosten- und bürokratietreibende Vorhaben hinzu, die die Lage verschlimmern. Ich denke da an das Tariftreuegesetz, das braucht einfach niemand. Zudem ist die Sozialpolitik eine eindeutige Schwachstelle. Hier bleibt die Koalition weit hinter dem zurück, was nötig ist, um die Sozialsysteme zukunftsfähig zu machen.
„Ohne Reformen öffnen wir Tür und Tor für weitere De-Industrialisierung“
Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer bayme vbm
Wo hakt es bei den Sozialsystemen?
Es ist einfach nicht finanzierbar, wenn etwa das Rentenniveau bei 48 Prozent stabilisiert wird und zusätzlich die Renten von dem dann höheren Niveau fortgeschrieben werden. Schon heute schießt der Bund über 100 Milliarden Euro pro Jahr zur gesetzlichen Rentenversicherung hinzu. Da kommen jetzt jährlich weitere Summen obendrauf. Das ist ein enormer Ballast für jüngere und künftige Generationen. Ähnliches gilt übrigens für Gesundheit und Pflege: Auch hier fehlen dringend notwendige Ad-hoc-Maßnahmen zur kurzfristigen Begrenzung des Beitragssatzanstiegs.
Wie wirken sich steigende Beiträge aus?
Ganz klar: weniger Netto für die Beschäftigten, und damit auch Wohlstandsverluste. Auf Arbeitgeber kommen noch höhere Kosten zu, das verteuert die Arbeit weiter – und macht den Standort noch weniger wettbewerbsfähig. Damit öffnen wir der weiteren De-Industrialisierung Tür und Tor.

Was bedeuten diese schwierigen Rahmenbedingungen für die Tarifrunde, die in der bayerischen M+E-Industrie 2026 ansteht?
Es ist noch etwas hin bis zur nächsten Tarifrunde, aber es ist klar, dass wir als Tarifparteien in der Pflicht stehen, die Arbeitskosten in den Griff zu bekommen und damit die De-Industrialisierung zu stoppen. Das heißt, wir müssen für flexible, wettbewerbsfähige Tarifverträge sorgen. Im Übrigen ist das der einzige sinnvolle Weg, die Tarifbindung zu stärken. Ich wiederhole noch mal: Es geht um die Zukunftsfähigkeit unseres Wirtschaftsstandorts! Denn die M+E-Industrie ist das Herz der bayerischen Industrie und die Industrie ist das Herz der bayerischen Wirtschaft. Unser Wohlstand im Freistaat ist auch darin begründet, dass wir flächendeckend Unternehmen aus dem Verarbeitenden Gewerbe haben, die den Menschen gute Jobs und damit ein gutes Einkommen ermöglichen. Das strahlt auch auf andere Zweige aus: Vier Arbeitsplätze in der Industrie sichern einen im Dienstleistungsbereich. Indirekt hängen sogar noch mehr Jobs daran.
Offenbar wurde im Freistaat in der Vergangenheit in Sachen Standortpolitik vieles richtig gemacht. Welche Rolle spielen dabei die Kommunen?
Kommunen sind die Heimat unserer Betriebe und ihrer Beschäftigten. Kommunen stellen die Infrastruktur – sei es für Gewerbeflächen, Verkehr, Digitalisierung, Kinderbetreuung, Wohnraum. Gemeinden und Städte tun gut daran, Wirtschaftsförderung ins Zentrum der Kommunalpolitik zu stellen. Eine florierende Wirtschaft stärkt nicht nur die Kommunen, sondern auch die Demokratie. Leider sind die Handlungsspielräume der Kommunen zuletzt kleiner geworden, weil sie unter hohen Ausgabensteigerungen leiden, die sie nicht selbst zu verantworten haben.
Wo macht sich das bemerkbar?
Insbesondere die gestiegenen Ausgaben für Sozialleistungen verschlingen einen großen Teil des kommunalen Etats. Da bleibt dann weniger übrig, um etwa Sportvereine oder Musikschulen zu fördern. Darum hadern dann Bürgerinnen und Bürger mit ihren Kommunalpolitikern. Doch wenn man Wohlstand, wohnortnahe Jobs und bessere Perspektiven für seine Heimat will, muss man weiterhin auf demokratische, wirtschaftsfreundliche Parteien setzen, auch etwa bei den Kommunalwahlen im März. Gut ist, dass der Freistaat für 2026 den kommunalen Finanzausgleich kraftvoll erhöht und die neue Rekordsumme von fast 13 Milliarden Euro zur Verfügung stellt. Damit werden finanzielle Spielräume größer.

Alix Sauer hat als Leiterin der aktiv-Redaktion München ihr Ohr an den Herausforderungen der bayerischen Wirtschaft, insbesondere der Metall- und Elektro-Industrie. Die Politologin und Kommunikationsmanagerin volontierte bei der Zeitungsgruppe Münsterland. Auf Agenturseite unterstützte sie Unternehmenskunden bei Publikationen für Energie-, Technologie- und Mitarbeiterthemen, bevor sie zu aktiv wechselte. Beim Kochen und Gärtnern schöpft sie privat Energie.
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