Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Der Wechsel zwischen Militär und Job kann Spannungen auslösen, etwa durch unterschiedliche Rollen und Hierarchien.
  • Teams müssen Ausfälle auffangen, was gute Planung und flexible Abläufe erfordert.
  • Gelingt der Transfer zwischen beiden Welten, können neue Sichtweisen und Arbeitsweisen in den Betrieb einfließen.

Wenn Mitarbeiter Reservisten sind, stehen Betriebe vor neuen Realitäten: Beschäftigte fehlen zeitweise – kehren aber mit neuen Erfahrung zurück. Professorin Julia Reif, Organisationspsychologin an der Universität der Bundeswehr in München, erklärt, wie man das Beste aus beiden Welten zusammenführt.

Frau Professorin Reif, raus aus dem Blaumann, rein ins Flecktarn, und das regelmäßig: Wie gelingt ein solcher Rollenwechsel?

Rollenwechsel kennen wir zunächst mal alle. Wir schlüpfen morgens aus unserer Rolle als Vater, Mutter oder Partner heraus und nehmen im Job eine andere Rolle an – etwa als Kollege oder Führungskraft. Abends wechseln wir wieder zurück. Bei Reservisten ist das allerdings eine deutlich größere Dimension.

Wieso das?

Weil der Wechsel vom zivilen Leben zum Militär auch mit einem Identitätswechsel einhergehen kann. Oder man findet sich plötzlich auf einer völlig anderen Hierachieebene. Das kann zu Konflikten führen. Im besten Fall aber profitiert man sogar davon.

Und wie sieht das aus?

Wenn es gelingt, Erfahrungen aus der einen Rolle mitzunehmen, dann wachsen Menschen an solchen Wechseln. Was man in der einen Rolle lernt, also etwa Führungs- oder Organisationstechniken, kann man durchaus in der anderen gewinnbringend einsetzen. Das funktioniert in beide Richtungen.

Die Kollegen werden sich freuen, wenn ein Reservist plötzlich auch in der Produktion Befehle brüllt …

„Militärische Führung passt nicht zu jeder Unternehmenskultur“

Professorin Julia Reif

Das Militär arbeitet oft nach dem Prinzip „Führen mit Auftrag“. Das ist überhaupt nicht altbacken, wie man vielleicht erst denkt. Dabei gibt der Befehlshabende ein Ziel vor. Der Weg dorthin bleibt aber den Soldaten überlassen. Sie haben einen relativ großen Grad an Autonomie. Das hat viele Parallelen zu dem, was man im Management heute „Empowerment“ nennt.

Also doch mehr Gemeinsamkeiten, als man denkt?

Schon. In beiden Fällen geht es darum, Menschen Verantwortung zu übertragen und ihnen das Gefühl zu geben, an etwas Bedeutendem zu arbeiten. In der Motivationspsychologie sprechen wir von intrinsischer Motivation. Menschen identifizieren sich stärker mit einer Aufgabe, wenn sie Sinn darin sehen – heute würde man auch von „Purpose“ sprechen.

Gibt es trotzdem kulturelle Unterschiede zwischen Militär und Wirtschaft?

Ja, klar. Militärische Führung kann manchmal sehr direkt oder hierarchisch wirken. Das passt nicht unbedingt zu jeder Unternehmenskultur, etwa wenn stark auf flache Hierarchien gesetzt wird. Es gibt viele Anknüpfungspunkte zwischen beiden Welten – aber man muss sie erkennen und gewissermaßen in die Sprache der jeweils anderen Welt übersetzen.

Betriebe müssen auffangen, wenn ein Reservist fehlt. Wie gelingt das gut?

Teams, die damit gut umgehen, sind häufig lernende Teams. Sie sind flexibel in ihren Rollen und können ihre Arbeitspläne anpassen. Wenn klar ist, wann jemand fehlt, wenn es gute Vertretungsregeln gibt und wenn die Aufgabe der Reservisten als sinnvoll wahrgenommen wird, funktioniert es deutlich besser.

Was meinen Sie mit „sinnvoll“?

Wenn ein Team erkennt, dass der Reservist einen Dienst für die Gesellschaft leistet und das durch die Unternehmenskultur anerkannt wird, entsteht diese Bedeutsamkeit. Dann sieht die Belegschaft den Reservisten, der immer wieder ausfällt, nicht als Störfaktor, sondern als Teil eines größeren Ganzen.

Zukünftig dürfte es mehr Reservisten geben …

Davon ist auszugehen. Unternehmen werden sich darauf vorbereiten müssen – sowohl kulturell als auch organisatorisch. Das betrifft zum Beispiel die Personalplanung. Gleichzeitig können Unternehmen überlegen, wie sie flexible Arbeitszeitmodelle für Reservisten schaffen.

Ulrich Halasz
aktiv-Chefreporter

Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann studierte Uli Halasz an drei Universitäten Geschichte. Ziel: Reporter. Nach Stationen bei diversen Tageszeitungen, Hörfunk und TV ist er jetzt seit zweieinhalb Dekaden für aktiv im Einsatz – und hat dafür mittlerweile rund 30 Länder besucht. Von den USA über Dubai bis China. Mindestens genauso unermüdlich reist er seinem Lieblingsverein Schalke 04 hinterher. 

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