Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Reservist ist jeder, der einmal Soldat bei der Bundeswehr war und seinen Dienstgrad nicht verloren hat.
  • Bei hoher Gefährdungslage kann die Bundeswehr auf solche Freiwilligen zurückgreifen, zum Beispiel um Objekte zu sichern.
  • Um auf dem Stand zu bleiben, müssen Reservisten regelmäßig üben. Viele Unternehmen stellen engagierte Mitarbeiter dafür tageweise frei.

Die Lage könnte eskalieren, jederzeit. Deshalb bewahrt Thomas Stockerl die Ruhe. Beide Hände am Sturmgewehr, scannt der 46-Jährige die Straße. Biegt ein Fahrzeug um die Kurve? Ist ein Motor zu hören? Stockerl – technischer Betriebswirt, Projektleiter beim bayerischen Maschinenbauer Krones – hält aufmerksam Wache. Hinter ihm rollen Soldaten in Flecktarn Spezial-Stacheldraht vom Band. Die rasiermesserscharfen Zacken sollen Fahrzeuge stoppen, die einen Anschlag auf die Kaserne verüben könnten. Eine reale Gefahr, wenn die Nato Gefährdungsstufe „Charlie“ für eine Liegenschaft ausruft.

Eine halbe Stunde später ist die Straße auf dem Gelände der Bajuwaren-Kaserne in Regensburg wieder frei. Die Sperre war nur eine Übung. Wie immer steht „Sicherheitsbereich Alpha“ auf dem Schild am Tor – die niedrigste der vier Gefährdungsstufen der Nato. Und wie immer üben Uniformierte auf den Flächen der Kaserne den Ernstfall. Nur, dass das an diesem sonnigen Samstag Reservisten sind: Menschen also, die unter der Woche einem ganz „normalen“ Job nachgehen.

Reservisten unterstützen die reguläre Truppe, wenn die Gefährdungslage steigt

Reservisten: Das sind laut Paragraf 1 des Reservistengesetzes alle, die einmal Soldat bei der Bundeswehr waren und ihren Dienstgrad nicht verloren haben – aber eben nicht mehr Teil der aktiven Truppe sind. In Zeiten der Wehrpflicht waren das recht viele. Heute schätzt die Bundeswehr die Zahl ihrer Reservisten auf 800.000 bis 900.000. Genau weiß das niemand, denn laut Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat die Truppe von einem Großteil ihrer „Inaktiven“ keine Kontaktdaten.

Und auch keine Infos: Kann jemand Lkw fahren? Als Sanitäter Verwundete pflegen? Seit der Auflösung der alten Kreiswehrersatzämter gibt es keine Behörde mehr, die solche Daten verwaltet. Und aus Datenschutzgründen darf die Bundeswehr sie nicht bei den Einwohnermeldeämtern abfragen. Das ist ein Problem, schließlich braucht Deutschland neben einer aktiven Truppe auch militärisch geübte Zivilisten, die sie im Ernstfall unterstützen. „Wir werden eine Reserve aufbauen müssen“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz im Sommer 2025 beim „Tag der Industrie“. Und rief Unternehmensvertreter dazu auf, ihren Mitarbeitern „hin und wieder mal die Gelegenheit zu geben, mit den Streitkräften zu üben“.

Fakten & Hintergründe

Aber was motiviert Freiwillige wie Thomas Stockerl dazu, regelmäßig den Ernstfall zu üben? Und was nehmen sie aus dem militärischen Ehrenamt für ihren „Ziviljob“ mit?

„Wir werden eine Reserve aufbauen müssen“

 Bundeskanzler Friedrich Merz

„Aufbau von Sperren“ heißt die Übung, an der Stockerl in Regensburg teilnimmt. Zwei Dutzend Männer und eine Frau sind dabei. Alle tragen Uniform, alle sind zwischen 35 und 55 Jahre alt. Und alle sind an ihrem freien Samstag schon seit sieben Uhr in der Kaserne. Nach einem Kaffee aus Pappbechern wurde im Hörsaal erst mal Theorie gepaukt: Wie errichtet man Sperren? Was ist beim Aufbau von Checkpoints zu beachten? Jetzt, nach dem Programmpunkt „Einnahme Truppenverpflegung“, wenden sie das Erlernte im Gelände an.

Stockerl steht in einer Gruppe von sechs Kameraden am Rand einer Grasfläche. Er hat seine „Blue Gun“ geschultert: eine blaue Sturmgewehr-Attrappe, die genauso groß und schwer ist wie ein echtes G36. Gerade hat der Gruppenführer die Aufgabe erklärt: Die Pioniere sollen im Abstand von 50 Zentimetern Pflöcke in den Boden rammen und darüber einen sogenannten Flandernzaun – ein tiefes Drahtnetz – spannen.

Die Gewehre sind nicht echt, der Nato-Draht schon. Stockerl rollt ihn mit großen weißen Schutzhandschuhen vorsichtig vom Band. „Mit so einer Barrikade kann man feindliche Soldaten verlangsamen oder in eine gewünschte Richtung führen“, erklärt Martin T., der die Übung an dieser Station leitet. „Zusätzlich kann man auch Stolperfallen anbringen, die bei Alarm eine Leuchtrakete auslösen.“ 

Auch Martin T. – viele Soldaten möchten aus Sicherheitsgründen nicht mit Nachnamen genannt werden – ist in seiner Freizeit hier. Er arbeitet bei BMW und ist in der örtlichen Reservistenkameradschaft aktiv. Deren Dachorganisation, der Reservistenverband der Deutschen Bundeswehr, zählt aktuell mehr als 115.000 Mitglieder. 60.000 davon sind sogenannte beorderte Zivilisten, der Rest ist unbeordert. Auch Martin T. und Thomas Stockerl gehören zu den „Unbeorderten“.

Über ein Drittel der Deutschen engagiert sich im Ehrenamt

Rund 27 Millionen Menschen in Deutschland haben sich 2024 ehrenamtlich engagiert, das sind etwa 37 Prozent der Bevölkerung. Das zeigen Zahlen des neuesten Freiwilligensurvey der Bundesregierung. Die Zahl der Engagierten ist etwas geschrumpft: 2019 waren es noch 31 Millionen Menschen (knapp 40 Prozent), die sich in ihrer Freizeit für Sportvereine, Kulturveranstaltungen, karitative oder kirchliche Zwecke einsetzten. Dem Freiwilligensurvey zufolge verbringen 24 Prozent der Ehrenamtler drei bis fünf Stunden pro Woche mit ihrem Engagement, 19 Prozent sogar sechs Stunden pro Woche oder mehr.

Wer sich „beordern“ lässt, muss länger und intensiver üben

Die Unterschiede sind Zivilisten nicht auf Anhieb klar. Für die Bundeswehr spielen sie eine große Rolle: „Unbeorderte“ sind sozusagen die Einsteiger in der Reserve. Sie sind nicht in den Dienstbetrieb eingebunden, können aber im Ernstfall mobilisiert werden. Ob und an welchen Übungen sie teilnehmen, steht ihnen frei – ohnehin trainieren sie nur in der Freizeit am Wochenende. „Beorderte“ dagegen haben einen festen Dienstposten in einem Truppenteil, bei dem sie im Alarmfall einspringen. Sie trainieren häufiger und intensiver. Und müssen dafür von ihren Arbeitgebern auch schon mal eine Woche freigestellt werden.

„Ich spiele mit dem Gedanken, mich beordern zu lassen, wenn unsere Jüngste aus dem Gröbsten raus ist“, sagt Stockerl. Als Reservist mit Beorderung würde er dann auch mal unter der Woche an Übungen teilnehmen müssen. Sein Arbeitgeber, für den der vierfache Familienvater Kunden in Asien, Nahost und Afrika betreut, steht hinter seinem Engagement. „Es ist gelebte Praxis bei Krones, dass wir unsere Mitarbeitenden für Einsätze wie zum Beispiel bei Feuerwehr, THW oder vergleichbaren Organisationen unbürokratisch freistellen“, erklärt eine Sprecherin des Abfüllanlagen-Herstellers.

Ob beordert oder unbeordert: Die Motivation, sich für die Landesverteidigung zu engagieren, sei mit der Bedrohungslage gestiegen, glaubt Markus Schardt, der im „Zivilberuf“ für die Stadt Regensburg arbeitet und ebenfalls an der Wehrübung teilnimmt. „Gerade Quereinsteigern, die keinen Wehrdienst geleistet, sondern nur eine verkürzte Grundausbildung gemacht haben, merkt man ihr Engagement an“, sagt der Oberstleutnant der Reserve. Doch es sei nicht nur die Angst vor einem Aggressor, der Menschen für die Reserve motiviere: „Viele Reservisten, die ich kenne, sind mit dem Herzen dabei. Die haben früher gern Wehrdienst geleistet und schätzen heute das Kameradschaftserlebnis bei den Übungen.“

Wie kommt man in unterschiedlichen Krisensituationen klar? Auch das trainieren Reservisten

Auch Thomas Stockerl ist nicht wegen der aktuellen Bedrohungslage Reservist geworden. „Ich wollte schon nach meiner Grundausbildung zur Reserve“, berichtet er und lacht: „Das hat mir meine Mutter aber damals verboten.“ Erst als er 2007 in einen anderen Wohnort zog, trat er in die dortige Reservistenkameradschaft ein. „Ich wollte mich schnell integrieren. Und bei den Reservisten war ich sofort mittendrin.“ Heute leitet er die Kameradschaft am Ort, organisiert Schießübungen, Orientierungsmärsche oder den Volkstrauertag und ist Ansprechpartner für die Notfall-Vorsorge. Mindestens viermal im Jahr ist er bei Übungen wie heute dabei. „Mal geht es dabei ums Schießen, mal um Kampfmittelbeseitigung, mal um den Sanitätsdienst“, sagt er. Je öfter er übe, desto schneller könne er die Handgriffe im Ernstfall abrufen.

Den Ernstfall üben: Was fasziniert ihn daran? „Das ist für mich etwas, wo ich abschalten kann“, sagt Stockerl. „Da bist du mal ein ganz anderer Mensch, weit weg vom Alltag.“ Trotzdem – oder gerade deswegen – nehme er davon viel mit für seinen Job: „Du lernst hier, mit den unterschiedlichsten Krisensituationen klarzukommen. In der Gruppe musst du zusammenhalten, sonst funktioniert es nicht.“ Im vergangenen Jahr habe er in einer Aufklärer-Übung zum Beispiel den Umgang mit Verletzen, einen geordneten Rückzug bei Feuergefecht und Ausfall des Gruppenführers geprobt. „Und vor ein paar Jahren konnte ich dank meiner Bundeswehr-Ausbildung einem Kollegen bei Krones Erste Hilfe leisten – mit einer Herz-Lungen-Wiederbelebung, bis der Notarzt kam“, sagt der Projektmanager.

Und was, wenn ein echter Einsatz kommt? „Darüber denke ich nicht nach“, sagt Stockerl. „Es kommt, wie es kommt. Ich habe vier Kinder und genug anderes, über das ich mir Sorgen machen könnte.“ Sorgenvoll sehen auch seine Kameraden nicht aus, als sie um 16.30 Uhr alle Bauzäune, Stacheldrahtrollen und Spanischen Reiter – so heißen die mobilen Straßensperren – wieder in großen Containern verstauen. Nach der Abschlussbesprechung werden sie gleich mit ihren Autos durchs Tor fahren, zurück ins zivile Leben. Thomas Stockerl wird am Montag im Büro sitzen und mit den Kollegen in Dubai telefonieren. Wegen der aktuellen Sicherheitslage gibt es da gerade einiges zu besprechen.

Die Reserve der Bundeswehr in Zahlen

  • 60.200 beorderte Reservisten gibt es 2026 in der Bundeswehr – 2022 waren es noch 37.000.
  • 860.000 bis 1 Million unbeorderte Reservisten kommen noch dazu. Sie würden im Ernstfall zur Unterstützung gebraucht.
  • 200.000 beorderte Reservisten strebt die Bundeswehr bis 2031 an – neben 203.000 aktiven Soldaten.
Michael Aust
aktiv-Redakteur

Michael Aust berichtet bei aktiv als Reporter aus Betrieben und schreibt über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach seinem Germanistikstudium absolvierte er die Deutsche Journalistenschule, bevor er als Redakteur für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Mitarbeiter-Magazine diverser Unternehmen arbeitete. Privat spielt er Klavier in einer Band. 

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