Sie möchten schnell verstehen, wie dramatisch die Lage ist? Okay. Stellen Sie sich mal kurz 100 Menschen im Erwerbsalter vor. Auf diese 100 Köpfe kommen in Deutschland derzeit knapp 40 Rentnerinnen und Rentner – so viele waren es noch nie! Und schon 2035 – das ist in nur zehn Jahren – werden es fast 50 Ältere sein.

Die arbeitsfähigen Menschen müssen also schon bald 25 Prozent mehr Senioren finanzieren als heute. Was passiert da gerade mit unserer Gesellschaft?! Ganz einfach: Die geburtenstarken Jahrgänge der „Babyboomer“ verabschieden sich aus dem Arbeitsleben, und sehr viel weniger junge Menschen rücken aus den Schulen nach. 

Was technisch-harmlos „demografischer Wandel“ heißt, hat unaufhaltsame Folgen, die auch aktiv schon seit Jahren immer wieder beschrieben hat. Vor denen die Politik sich aber zu lange weggeduckt hat, wie Professor Martin Werding von der Ruhr-Universität Bochum kritisiert. Er ist einer der fünf „Wirtschaftsweisen“ (also Mitglied im Sachverständigenrat Wirtschaft) und gilt als einer der besten Kenner der kniffligen Materie.

Rentenreform: Die Rente mit 68 wird in den 2050er Jahren nötig sein – das ist aber nur ein Teil der Lösung

„In den letzten 15 Jahren hat die Politik sich nicht ausreichend um die Zukunft der Rente gekümmert“, betont Werding im Gespräch mit aktiv. Logische Folge: „Die Öffentlichkeit ist noch nicht darauf eingestellt, wie groß der Reformbedarf inzwischen ist und welche Einschnitte nötig sind, um das Rentensystem zu stabilisieren.“ Zumal auch der schwarz-rote Koalitionsvertrag leider nur „weitere Schritte in die falsche Richtung“ plane.

Mehr als 120 Milliarden Euro fließen jedes Jahr aus dem Bundeshaushalt an die Rentenkasse. Tendenz: weiter steigend.

Wobei für Werding und andere Experten klar ist, dass es eben nicht die eine geniale Maßnahme gibt, um das System zukunftsfest zu machen. „Wir müssen mehrere Stellschrauben zügig drehen. Und so ernsthaft, dass es alle spüren werden. Denn die Last der Altersversorgung darf ja nicht einfach nur den Jüngeren aufgebürdet werden.“ Die wichtigsten Stellschrauben, an denen die Politik drehen könnte – und an denen in anderen Staaten Europas oft schon gedreht worden ist:

1. Rentenalter an die Lebenserwartung koppeln 

Schon jetzt erleben Männer rund 18 Jahre als Rentner, Frauen sogar rund 22 Jahre. Das weist der „Rentenatlas“ der Deutschen Rentenversicherung Bund aus. Die sogenannte Rentenbezugsdauer steigt, recht langsam, aber stetig – denn: Wir leben zum Glück immer länger. Dieses Plus muss dringend generationengerechter verteilt werden, fordern Experten wie Werding. Dafür muss man die Effekte der voraussichtlich weiter steigenden Lebenserwartung auf die Rente neutralisieren, das heißt, das gesetzliche Renteneinstiegsalter an die fernere Lebenserwartung zu koppeln. Aber nicht eins zu eins: „Zwei Drittel der gewonnenen Zeit muss man arbeiten, ein Drittel kann man als Zeit in der Rente dazubekommen.“ Technisch sollte das ab 2031 umgesetzt werden, erst dann greift ja die Rente mit 67 voll. Und auch nur schrittweise: „In den 2050er Jahren wären wir dann bei der Rente mit 68“, sagt Werding, „und in den 2070ern bei der Rente mit 69. Von einer ‚Rente mit 70‘ müssen wir also gar nicht reden.“

2. Rentenerhöhung an der Inflation ausrichten

Bisher steigen die deutschen Renten annähernd im Gleichklang mit den Löhnen, wenn auch zeitverzögert. Am 1. Juli 2025 sind die Renten zum Beispiel um 3,74 Prozent gestiegen – und damit erneut viel stärker als die Preise. Künftig könnte man die Lohnentwicklung ignorieren und die Renten einfach gemäß der laufenden Teuerung steigen lassen. „Dann ist den Älteren der Kaufkrafterhalt ihrer Rente gewährleistet, aber sie nehmen nicht mehr am allgemeinen Produktivitätszuwachs teil“, so Werding. Diese Umstellung träfe die, die sehr lange leben, natürlich besonders stark. Aber das sind vor allem Bezieher höherer Renten, damit dürfte diese Maßnahme nebenbei auch sozial ausgleichend wirken.

3. Abschläge bei vorzeitiger Rente erhöhen

„Versicherungsmathematisch sind die Abschläge zu gering“, sagt Werding. „Das begünstigt die Frührentner auf Kosten der Allgemeinheit.“ 5 bis 6 Prozent Abschlag pro Jahr wären rechnerisch fair: „Das kann man ja sogar ‚Pi mal Daumen‘ erkennen – wenn man als Rentner im Schnitt 20 Jahre erlebt und noch ein Jahr als Rentner dazu bekommen möchte, ergeben sich 5 Prozent Abschlag.“ Tatsächlich werden da aber bisher nur 3,6 Prozent fällig: 0,3 Prozent für jeden Monat, den man früher als vom Gesetzgeber gedacht in den Ruhestand wechselt. (Lesen Sie auf aktiv-online, was man sonst noch über die finanziellen Folgen einer Frührente wissen sollte.)

4. Abschlagsfreie Frührente abschaffen

Die 2014 eingeführte abschlagsfreie Frührente sollte schleunigst wieder abgeschafft werden. Was damals unter dem (inzwischen nicht mehr zutreffenden) Begriff „Rente mit 63“ bekannt geworden ist und amtlich „Altersrente für besonders langjährig Versicherte“ heißt, ist aus Sicht praktisch aller Fachleute ein unnötiges Geschenk der Allgemeinheit an meistens recht gut verdienende Ältere. Das zudem auch noch den Fachkräftemangel verschlimmert! Wie eine Studie aus dem Institut der deutschen Wirtschaft vorrechnet, haben die großzügigen Regelungen in Sachen Frührente dazu geführt, dass sich schon bis Ende 2023 rund 1,8 Millionen Babyboomer vorzeitig aus ihren Betrieben verabschiedet haben. Fast die Hälfte der Geburtsjahrgänge 1954 bis 1957 ging demnach vorzeitig in Rente!

5. Nachhaltigkeitsfaktor verstärken

Dieser Faktor sorgt sinnvollerweise eigentlich dafür, dass die Renten weniger stark steigen, wenn sich das zahlenmäßige Verhältnis von Beitragszahlern zu Empfängern verschlechtert, also von Jüngeren zu Älteren. Er baut also sozusagen die laufende Alterung der Gesellschaft in die Rentenformel ein. Aber seit 2024 ist dieser Faktor ausgesetzt, wegen der politischen Festschreibung des Rentenniveaus bei 48 Prozent – und soll nun sogar bis 2031 ausgesetzt bleiben. „Das ist ein schwerer Fehler“, mahnt der Wirtschaftsweise Werding. „Der Nachhaltigkeitsfaktor müsste sogar verstärkt werden.“ Was automatisch zu einem leicht sinkenden Rentenniveau führen würde, wie es ja viele Jahre politisch geplant war.

Was man dazu noch wissen sollte: Wenn jemand vor „sinkenden Renten“ oder gar „Rentenkürzungen“ warnt, ist das unnötig alarmistisch, weil fachlich falsch. Keiner der hier erklärten Punkte würde dazu führen, dass schon laufende Renten in Euro und Cent sinken oder gekürzt werden. Es geht bei allen Reformen immer nur um die Höhe der künftigen Renten und um die Höhe künftiger Rentenanpassungen – und letztlich geht es darum, was sich unser Land da eigentlich noch leisten kann, ohne die jüngeren Generationen zu überfordern.

Thomas Hofinger
Chef vom Dienst aktiv

Thomas Hofinger schreibt über Wirtschafts-, Sozial- und Tarifpolitik – und betreut die Ratgeber rund ums Geld. Nach einer Banklehre sowie dem Studium der VWL und der Geschichte machte er sein Volontariat bei einer großen Tageszeitung. Es folgten einige Berufsjahre als Redakteur und eine lange Elternzeit. 2006 heuerte Hofinger bei Deutschlands größter Wirtschaftszeitung aktiv an. In seiner Freizeit spielt er Schach und liest, gerne auch Comics.

Alle Beiträge des Autors