„Rente mit 63“: Warum es für junge Beschäftigte so wichtig ist, dass sie abgeschafft wird
Die Rentenkommission hat ein Reformpaket vorgelegt, das als „Gesamtkunstwerk“ gefeiert wurde – doch der Konsens bröckelt. Ausgerechnet die „Rente mit 63" steht im Feuer. Aber wer profitiert davon eigentlich – und wer zahlt drauf?

Das Wichtigste auf einen Blick:
- Die „Rente mit 63" belastet das Rentensystem mit 9,5 Milliarden Euro pro Jahrgang – und kommt vor allem Männern, Besserverdienenden und Gesunden zugute, nicht Geringverdienern oder Frauen.
- Die Rentenkommission empfiehlt die Abschaffung der abschlagsfreien Frührente nach 45 Beitragsjahren – mit Härtefallregelungen für gesundheitlich eingeschränkte Menschen.
- Wird die Maßnahme nicht umgesetzt, droht das gesamte Reformpaket zu scheitern – und der Beitragssatz für alle Beschäftigten weiter zu steigen.
„Wir nehmen der jüngeren Generation eine gewaltige Last von den Schultern“, versprach Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), als er im Juni die Ergebnisse der Rentenkommission vorstellte. „Wir stellen sicher, dass auch die Jungen eine stabile Rente erwarten können.“
In einer Zeit der Krise war der Bericht der Kommission ein Lichtblick: Das Gremium hatte es geschafft, in über 150 Stunden Sitzungszeit ein Reformpaket zu schnüren, das dafür sorgen kann, das deutsche Rentensystem auf sichere Beine zu stellen. Denn das basiert auf dem Generationenvertrag: Die Jungen arbeiten dafür, dass die Alten im Ruhestand versorgt sind – und sie kommen später selbst in den Genuss einer sicheren Rente.
Warum die Rente für Jüngere unter Druck gerät
Der Abschied der geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge aus dem Berufsleben stellt für diese Abmachung zwischen den Generationen eine existenzielle Gefahr dar. Denn immer weniger Junge müssen künftig die Renten von immer mehr Alten erwirtschaften, während die Aussicht auf die eigene Rente trüber wird. „Das Problem ist seit Jahren bekannt. Höchste Zeit, dass die Politik reagiert“, mahnt Ruth Maria Schüler, Ökonomin für soziale Sicherung beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.
Eine Lösung ist jetzt zum Greifen nah.
Bundesarbeitsministerin und SPD-Chefin Bärbel Bas schwärmte von einem „Gesamtkunstwerk“ von 33 Einzelmaßnahmen, die aufeinander aufbauen und die deshalb ohne Ausnahme umgesetzt werden müssten. Bas sagte: „Es gibt jetzt kein Rosinenpicken.“ Die Koalition müsse alle Empfehlungen umsetzen.
Was die Rentenreform für Beschäftigte verändern soll
Dazu gehört die neue Kapitalrente, die dafür sorgt, dass Rentenzahlungen in Zukunft sogar üppiger ausfallen sollen als heute. Zudem soll der Kreis der Versicherten um Selbstständige und Abgeordnete wachsen.
Während die Altersgrenze für den frühesten Renteneintritt auf 64 Jahre angehoben und die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren – als „Rente mit 63“ bekannt – abgeschafft werden soll, wurden Härtefallregelungen und Ausnahmen empfohlen. Sie stellen sicher, dass Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen ihrem lange Jahre ausgeübten Beruf nicht mehr nachgehen können, weiterhin zwei Jahre früher ohne Abschläge in Rente gehen können.
9.500.000.000 Euro ließen sich pro Rentnerjahrgang durch ein Streichen der „Rente mit 63“ einsparen
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung
Merz appellierte vor nicht einmal vier Monaten eindringlich, für das Gelingen dieser Reform brauche es „einen langen Atem und zugleich die Unterstützung der ganzen Gesellschaft“.
Doch die Puste droht schnell auszugehen, die Unterstützung ist geschwunden. Schon wird wieder gezerrt und zurechtgezurrt und was da stattfindet, ist das Rosenpicken, dem Bärbel Bas doch eigentlich eine Absage erteilt hatte.
Das Ziel des Angriffs auf das Reformpaket ist insbesondere die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren. Für Gerechtigkeit sorgt die allerdings keineswegs.
„Rente mit 63“: Wer profitiert – und wer trägt die Kosten?
Von der abschlagsfreien Frührente profitieren schließlich vor allem Männer, Besserverdienende und gesunde Menschen. Frauen, Geringverdiener und Menschen mit weniger stabiler Erwerbsbiografie gehen meist leer aus.

„Von den Menschen aus der untersten Einkommensschicht kann fast niemand die ,Rente mit 63‘ in Anspruch nehmen“, sagt auch IW-Ökonomin Ruth Maria Schüler. „Personen hingegen, die die abschlagsfreie vorzeitige Rente beziehen, erreichen aufgrund der langen Versicherungszeit im Schnitt höhere Renten.“
Tatsächlich ist die abschlagsfreie Rente ein teures Geschenk für eine bereits bessergestellte Gruppe, zeigen Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. Wird sie abgeschafft, wird die gesetzliche Rentenversicherung für jeden Jahrgang, der in Rente geht, um 9,5 Milliarden Euro entlastet. Wird der Vorschlag jedoch nicht umgesetzt, droht das Reformpaket auseinanderzubröckeln.
„Wenn wir jetzt nicht handeln, sinkt die Rente weiter“, sagt Schüler und erinnert daran: „Der Preis für die ,Rente mit 63‘ wäre ein weitersteigender Beitragssatz.“ Das Expertinnen-Urteil über die abschlagsfreie Frührente fällt entsprechend deutlich aus: „Sie ist eine extreme Belastung für das Rentensystem.“
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