Die zehn weltweit am besten verkauften Medikamente räumten im Jahr 2015 einen Umsatz von 83,2 Milliarden Euro ab – und damit knapp 12 Prozent mehr als 2014. Unter den Herstellern ist gleich dreimal das Schweizer Pharma-Unternehmen Roche vertreten, das in Deutschland große Standorte in Grenzach, Penzberg und Mannheim hat. Auf Platz zwei schaffte es ein echter „Shootingstar“. Und Platz eins hätte fast ein deutsches Präparat sein können.

In der folgenden Bilderstrecke stellen wir Ihnen die Blockbuster im Einzelnen vor. Die Zahlen stammen aus der Branchenpublikation „PharmaCompass“ – und beruhen auf Informationen aus den jeweiligen Geschäftsberichten und den bei der amerikanischen Börsenaufsicht SEC von den Unternehmen hinterlegten Unterlagen.

Platz 10: Solvadi

Die verkaufsstarke Pille des US-Biotech-Unternehmen Gilead Sciences Solvadi ist klein, oval und leicht gelblich gefärbt. Das Medikament schaffte es 2014 direkt nach der Markteinführung mit 9,25 Milliarden Euro auf Platz zwei der umsatzstärksten Medikamente der Welt, verlor 2015 aber durch das neue Kombipräparat Harvoni (Platz zwei) – ebenfalls von Gilead – kräftig an Fahrt – und fuhr „nur“ noch 5,04 Milliarden Euro ein. Solvadi gilt als medizinischer Durchbruch in der Therapie der Viruserkrankung Hepatitis C: Der Wirkstoff Sofosbuvir kann die Erkrankung nicht nur schneller, sondern auch nebenwirkungsärmer mit höherer Erfolgsrate heilen als andere Präparate. Hepatitis C ist weltweit verbreitet. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO infizieren sich jährlich 3 bis 4 Millionen Personen. Bis zu 170 Millionen Menschen sind chronisch mit HCV infiziert, das entspricht etwa 3 Prozent der Weltbevölkerung. Hohe Forschungs- und Entwicklungskosten machen die Arznei jedoch sehr teuer: Der Preis, zu dem Gilead Sofosbuvir zunächst bei uns eingeführt hat, lag bei rund 60.000 Euro für eine zwölfwöchige Therapie. Das führte zu einer Debatte um die Grenzen der Belastbarkeit der Gesundheitssysteme. Inzwischen haben sich die deutschen Krankenkassen und der US-Pharmakonzern geeinigt: Künftig müssen die Krankenkassen für eine Tablette Sovaldi noch 488 Euro bezahlen. Bislang hatte der Preis pro Tablette bei 700 Euro gelegen. Der Betrag für eine Therapie liegt damit nun bei 43.500 Euro. Experten schätzen aber, dass der Preis durch neue Konkurrenzprodukte bald sinken dürfte.

Platz 9: Revlimid

Das Krebsarzneimittel mit dem Wirkstoff Lenalidomid ist in Deutschland unter dem Namen Revlimid bekannt. Die Kapseln brachten dem amerikanischen Pharmahersteller Celgene, der sich auf die Herstellung von Arzneimitteln gegen Krebserkrankungen und Krankheiten des Immunsystems spezialisiert hat, einen Umsatz von 5,56 Milliarden Euro (2015). Revlimid kommt überwiegend bei der Behandlung des multiplen Myeloms zum Einsatz. Diese Krebsart betrifft bestimmte weiße Blutzellen, die man als Plasmazellen bezeichnet. Diese Zellen sammeln sich im Knochenmark an und teilen sich unkontrolliert. Dadurch können sie die Knochen und Nieren schädigen. Das multiple Myelom kann im Allgemeinen nicht geheilt werden. Allerdings lassen sich die Anzeichen und Symptome stark abschwächen, oder sie verschwinden eine Zeit lang sogar ganz (Remission). Revlimid gehört zu einer Gruppe von Arzneimitteln, die die Funktionsweise des Immunsystems beeinflussen. Celgene investiert durchschnittlich 25 bis 30 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung.

Platz 8: Herceptin

6,64 Milliarden Euro Umsatz bescherte die Arznei mit dem Wirkstoff Trastuzumab – bekannt unter dem Handelsnamen Herceptin – 2015 dem Schweizer Pharma-Unternehmen Roche. Dieses brachte das biotechnologisch, also von lebenden Zellen hergestellte Krebsmedikament bereits im Jahr 2000 als ein erstes Medikament dieser Art auf den deutschen Markt. Es wird gezielt gegen bestimmte Formen des Brust- und Magenkrebses eingesetzt. Die Wirksubstanz ist ein hochspezialisierter und zielgerichteter („monoklonaler“) Antikörper (monoklonaler Antikörper), der an Eiweiße oder Antigene bindet. Trastuzumab wurde so entwickelt, dass es selektiv ein Antigen bindet, den „humanen epidermalen Wachstumsfaktorrezeptor 2“ (HER2). Dieser findet sich in großen Mengen an der Oberfläche von bestimmten Krebszellen und fördert deren Wachstum. Wenn die Arznei an dem Rezeptor bindet, stoppt es das Wachstum, die Krebszellen sterben ab.

Platz 7: Avastin

Das Krebsmedikament Avastin ist mit 6,3 Milliarden Euro (2015) ein noch größerer Umsatzträger beim Schweizer Pharma-Unternehmen Roche. Der biotechnologisch hergestellte Wirkstoff Bevacizumab ist das erste gezielt wirkende Medikament zur Hemmung der Gefäßneubildung von Tumoren (Angiogenese). Es ist in Europa zur Behandlung von fünf fortgeschrittenen Krebserkrankungen zugelassen: Darm-, Lungen-, Brust-, Nieren- und Eierstockkrebs. Die Arznei verlangsamt oder stoppt das Wachstum und die Verteilung von Krebszellen im Körper, indem es die Bildung von neuen Blutgefäßen in Tumoren blockiert. Kürzlich erhielt das Mittel auch eine Zulassung in Kombination mit einer Chemotherapie für Frauen mit fortgeschrittenem Gebärmutterhalskrebs.

Platz 6: Lantus

6,7 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2015 verbuchte Lantus, eine Arznei für Diabetiker des französischen Pharma-Unternehmens Sanofi. Die Fertigspritze enthält den Wirkstoff Insulin glargin. Diese Arznei ist ein verändertes Insulin, das dem menschlichen Insulin (Humaninsulin) sehr ähnlich ist. Es wird gentechnologisch mithilfe des Darmbakteriums „Escherichia coli“ hergestellt. Das Mittel zeigt eine lang anhaltende und gleichmäßige blutzuckersenkende Wirkung. Produziert wird Langzeitinsulin am deutschen Standort Frankfurt. Übrigens: Solche sogenannten Analog-Insuline, die dem Humaninsulin ähneln, gibt es seit 1996.

Platz 5: MabThera/Rituxan

Das Medikament MabThera des Schweizer Unternehmens Roche schafft es mit einem Umsatz von 6,8 Milliarden Euro (2015) auf Platz fünf der Ranking-Liste. Was es so begehrt macht: Mit dem Wirkstoff Rituximab steht eine neue Behandlungsmöglichkeit von bestimmten bösartigen Lymphknotenerkrankungen („maligne Lymphome“) zur Verfügung. „Die Therapieform unterscheidet sich in ihrem Wirkmechanismus grundlegend von bisherigen Behandlungen für Krebserkrankungen“, weiß Professor Günter Degris von der Deutschen Leukämie- und Lymphomhilfe. Das Mittel ist ein Abwehrstoff, der das körpereigene Immunsystem gegen die Lymphomzellen aktiviert. Degris: „Diese Antikörpertherapie stellt eine Erweiterung der bislang sich im Wesentlichen auf die Strahlentherapie oder Chemotherapie stützenden Therapiemaßnahmen für Lymphompatienten dar.“ In der EU vertreibt es Roche unter dem Handelsnamen MabThera, in den USA heißt es Rituxan. Die Arznei gibt es sowohl als Infusion („Tropf”) sowie als Injektion unter die Haut.

Platz 4: Remicade

Ein absoluter Renner ist das Immunsuppressivum Remicade, ein Medikament gegen rheumatische Erkrankungen. 2015 bescherte es Janssen, der Pharmasparte des US-Konsumgüterkonzerns Johnson & Johnson, insgesamt einen Umsatz in Höhe von 7,98 Milliarden Euro. In Deutschland wird das Mittel vom US-Pharma-Unternehmen MSD Sharp & Dohme vertrieben. Der biotechnologisch hergestellte Wirkstoff Infliximab ist ein sogenannter „TNF-alpha-Blocker“. TNF-alpha wiederum ist ein Botenstoff des Immunsystems, der bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen wesentlich an der Entstehung der Gelenkentzündung beteiligt ist. Die Arznei bindet an diesen Botenstoff und verhindert so dessen biologische Wirkung. Dadurch werden Schmerzen, Schwellungen und das Fortschreiten der Erkrankung vermindert. Eingesetzt wird das Medikament als Infusion zur Behandlung von Rheumatoider Arthritis, Morbus Bechterew, Schuppenflechtenarthritis, Schuppenflechte (Psoriasis), Morbus Crohn, Colitis ulcerosa.

Platz 3: Enbrel

Das biotechnologisch hergestellte Präparat Enbrel wird zur Behandlung von Rheuma und der entzündlichen Hautkrankheit Psoriasis eingesetzt. 2015 freute sich der US-Pharma-Hersteller Pfizer über einen Umsatz in Höhe von 8,31 Milliarden Euro. Der Wirkstoff Etanercept, ein Protein, unterdrückt die Entzündungsreaktionen im Körper. Dazu lagert sich der Wirkstoff an ein bestimmtes Eiweiß an, den Botenstoff TNF (Tumor-Nekrose-Faktor). Der ist unter anderem auch an der Auslösung der entzündlichen rheumatischen Beschwerden beteiligt. Die nun entstehende Blockade verringert die Schmerzen, die durch Rheumatoide Arthritis bedingt sind.

Platz 2: Harvoni

Zu den Champions 2015 gehört dieses Kombi-Präparat des amerikanischen Arzneimittelherstellers Gilead Science. Das Medikament erzielte im Verkauf 2015 einen Umsatz von 13,26 Milliarden Euro. Es enthält die Wirkstoffe Ledipasvir und Sofosbuvir und wird zur Therapie von chronischer Hepatitis C eingesetzt. Harvoni ist eine hauseigene Weiterentwicklung des Erfolgspräparats Solvadi (siehe Platz zehn) und wird im Volksmund durchaus als „Wundermittel“ bezeichnet. Denn es kann Hepatitis C, eine Infektion der Leber, heilen. Experten erwarten, dass es nächstes Jahr die Liste der umsatzstärksten Medikamente weltweit anführen wird. Die Krankheit wird durch einen Virus verursacht. Die im Arzneimittel enthaltenen Wirkstoffe blockieren zwei verschiedene Eiweiße (Proteine), die das Virus für sein Wachstum und seine Vermehrung braucht. So lässt sich die Infektion aus dem Körper dauerhaft eliminieren – die Einnahme von einer Pille pro Tag ist ausreichend. Harvoni ist in Deutschland seit November 2014 auf dem Markt. Allerdings ist das Präparat in der Anwendung sehr teuer: Zunächst lag der Preis bei 22.260 Euro pro (Monats-)Packung. Mit dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) einigte sich das Unternehmen im Herbst 2015 aber auf einen Preisrabatt von 10 Prozent. Die Behandlung dauert je nach Schwere des Falls mehrere Wochen.

Platz 1: Humira

Das absolut umsatzstärkste Medikament der Welt ist das Rheuma-Medikament Humira. Es ist gegen mehrere Varianten der rheumatischen Arthritis zugelassen sowie als Medikament zur Behandlung der Schuppenflechte und der chronischen Darmkrankheit Morbus Crohn. Damit führt das US Pharma-Unternehmen AbbVie wie schon zuvor die Spitze der weltweit umsatzstärksten Medikamente an: 2015 spülte der Erfolgsschlager 13,4 Milliarden Euro in die Kasse. Das ist eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr von 11,7 Prozent. Humira gilt mit knapp 1.000 Euro pro Dosis als eines der teuersten Medikamente auf dem deutschen Mark. Im Grunde hätte der Blockbuster Humira auch ein deutsches Erfolgsprodukt werden können. Denn den Wirkstoff entwickelt und zum Patent angemeldet hat die BASF-Pharmatochter Knoll. Doch dann entschloss sich der Chemiekonzern BASF, aus dem Pharmageschäft auszusteigen, und verkaufte seine Medizinsparte 2001 an den US-Konzern Abbott (heute AbbVie) – inklusive des Humira-Patents. Der Wirkstoff Adalimumab, ein sogenannter „TNF-alpha-Blocker“, wird biotechnologisch hergestellt. TNF-alpha ist ein Botenstoff des Immunsystems, der bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen wesentlich an der Entstehung der Gelenkentzündung beteiligt ist. Der Wirkstoff bindet TNF-alpha und verhindert so dessen biologische Wirkung. Dadurch werden Schmerzen, Schwellungen und das Fortschreiten der Erkrankung vermindert.

Leider haben es deutsche Pharma-Unternehmen mit keinem Produkt in die Top 10 der umsatzstärksten Medikamente geschafft. Am nächsten dran ist Boehringer Ingelheim bei Mainz mit seinem Asthma-Medikament Spiriva (3,5 Milliarden Umsatz im Jahr 2015).

Gut positioniert ist auch der Pharma-Konzern Bayer in Leverkusen mit seinem Kassenschlager: nein, nicht Aspirin (473 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2015), sondern mit dem Blutverdünner Xarelto. 2015 brachte dieses Mittel einen Umsatz von 1,7 Milliarden Euro. Kleiner Trost: Vergleicht man nicht die Medikamente, sondern die Pharma-Unternehmen nach ihrem weltweiten Umsatz, behauptet sich Bayer unter den weltweit größten Unternehmen immerhin auf Platz 16, gefolgt von Boehringer Ingelheim (Platz 19).