Das Wichtigste auf einen Blick:
- Vliesstoffen begegnen wir, ohne es zu wissen, in fast jedem Lebensbereich, besonders aber in der Innenraumausstattung von Autos.
- Seit 1969 ist das Unternehmen Polyvlies auf die Fertigung von Vliesstoffen spezialisiert.
- Mit besonderen Fasermischungen fertigt es Material, das dämmt und filtert.
Die Oberfläche der meterlangen, weißen Vliesbahn fühlt sich weich, fast flauschig an. „Das kommt vielleicht so rüber“, sagt Edgard Wiedemann und greift in das Material, „aber in der späteren Anwendung geht es eher um Festigkeit und Langlebigkeit“, ergänzt der Industriemeister Textilwirtschaft.
Das robuste Vlies läuft beim aktiv-Besuch durch die jüngste Vliesanlage in einer der großen Produktionshallen der Polyvlies Franz Beyer GmbH in Hörstel-Bevergern. Es ist die Grundlage für Geotextilien, die etwa im Straßen-, Gleis- und Deichbau Untergründe absichern und verfestigen.
Innovative Fasertechnologie: 500 Beschäftigte an fünf Standorten
„Was wir fertigen, sieht man meistens nicht, ist aber für viele Anwendungen unverzichtbar“, erklärt Gunnar Beyer, Geschäftsführer von Polyvlies. Das Familienunternehmen aus dem Tecklenburger Land wurde 1850 als Garnhersteller gegründet, seit 1969 ist es in der Nadelvliestechnologie unterwegs. Heute bilden seine Produkte die Grundlage für schallschluckende Innenraumverkleidungen in Autos, sie filtern Luft in industriellen Lackieranlagen und stecken in Bau- und Renovierungstextilien.
„Wir fertigen eine Vielzahl an Vliesstoffen für unterschiedlichste Anwendungen“, sagt Beyer. Dafür sucht das Unternehmen, das rund 500 Mitarbeiter in Bevergern und an Standorten in Sachsen, Frankreich, der Slowakei und den USA beschäftigt, immer neue Anwendungsmöglichkeiten. Sie können etwa Bestandteil schallschluckender Akustikpaneele werden, die in Schulen oder Behörden für konzentrierte Ruhe sorgen.
„Das Hauptgeschäft liegt zwar im Automobilsegment. Dennoch wollen wir unser Produktportfolio kontinuierlich verbreitern und neue Märkte erschließen“, sagt Beyer. Damit das gelingt, investiert der Mittelständler kräftig in Technologie und Personal.
„Wir fertigen Vliesstoffe für unterschiedlichste Anwendungen“
Gunnar Beyer, Geschäftsführer von Polyvlies
Bei Polyvlies ein Muss: Ausbildung als Teamaufgabe
Ein gutes Beispiel dafür ist der 26-jährige Edgard Wiedemann. 2017 als Produktionshelfer bei Polyvlies eingestiegen, absolvierte er hier eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer. Heute gibt er als Ausbilder sein Know-how an den Nachwuchs weiter und koordiniert die praktische Ausbildungsarbeit an der großen Vliesstoffanlage zusammen mit seinem Kollegen Sedat Kebapcioglu.
Der ist im Team der Produktionsleitung für die Ausbildung in der Fertigung zuständig. „Wir arbeiten hier an unterschiedlichen Vliesstoffanlagen sowie zusätzlich an Konfektionierungs- und Veredelungsanlagen. Deshalb teilen wir uns die Ausbildungsarbeit auf – allein könnte ich das gar nicht schaffen“, sagt Kebapcioglu. Zusammen mit Betriebsleiter Hartmut Steffen bilden sie drei Ausbildergenerationen im Betrieb.
Vliesstoffherstellung: Fasermischung entscheidet über das Einsatzgebiet
Gelegenheiten zu lernen und sich spezielles Produktionswissen anzueignen, gibt es genug. Denn der Herstellprozess von der Stapelfaser bis zum fertigen Stoff ist vielschichtig – und abhängig vom Einsatzgebiet des Vlieses.
„Das beginnt bei der Mischung der Faser“, beschreibt Betriebsleiter Steffen. „In Bevergern verarbeiten wir hauptsächlich Synthetikfasern wie Polypropylen oder Polyester, aber auch Naturfasern aus Hanf, Flachs oder Kenaf.“ In den Halbzeugen etwa für Tür- oder Kofferraumverkleidungen stecken Mischungen aus Kunst- und Naturfasern. „Erstere machen das Halbzeug formbar, Letztere sorgen für Steifigkeit und Stabilität“, so Steffen.
Die Fasern werden entweder durch Thermobonding – bei dem sie aufweichen und miteinander verschmelzen – oder mechanische Vernadelung zu einem Vlies verarbeitet. Auf diese Art entsteht auch das Geotextil, das Wiedemann gerade auf der Vliesanlage kontrolliert. „Die Kontrolle passiert zwar auch automatisch“, erklärt er. „Wenn aber ein neuer Auftrag anläuft, gibt eine manuelle Messung mehr Sicherheit.“
Fachkräfte aus dem Ausland: Nachwuchs kommt auch aus Indien
Auf Sicherheit und vor allem Korrektheit muss auch der angehende Industriemechaniker Isaac Johnson achten. Er gehört seit 2024 zum 20-köpfigen Azubi-Team bei Polyvlies. Der 22-Jährige arbeitet in der Instandsetzung – und kam auf ungewöhnliche Weise nach Bevergern.
Johnson stammt aus Kerala in Südindien. „Ich wollte zur Ausbildung ins Ausland und habe zu Hause auch schon Deutsch gelernt“, berichtet er. Ein Netzwerk um einen Arzt aus Osnabrück vermittelte den Kontakt. Nach einem Praktikum stand fest: Isaac beginnt die Ausbildung in Bevergern.
Wie war der erste Eindruck von der neuen Wahlheimat? Da muss Johnson nicht lange nachdenken: „Der Autoverkehr ist hier viel entspannter als in Indien. Und der Schnee – den hatte ich noch nie gesehen.“ Inzwischen steht er kurz vor seiner Zwischenprüfung. „Mir macht die Arbeit Spaß. Deshalb möchte ich nach dem Abschluss gern weitermachen und mich weiterqualifizieren.“
Vliesstoffproduktion in Deutschland
- Unternehmen aus der Vliesstoffproduktion erwirtschafteten hierzulande von Januar bis November 2025 einen Umsatz von 1,8 Milliarden Euro.
- Etwa 60 Prozent der gefertigten Produkte gehen ins Ausland.
- Die im Segment Vliesstoffproduktion tätigen Unternehmen beschäftigten zuletzt 7.500 Mitarbeiter, so Zahlen des Branchenverbands textil+mode.

Anja van Marwick-Ebner ist die aktiv-Expertin für die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie. Sie berichtet vor allem aus deren Betrieben sowie über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach der Ausbildung zur Steuerfachgehilfin studierte sie VWL und volontierte unter anderem bei der „Deutschen Handwerks Zeitung“. Den Weg von ihrem Wohnort Leverkusen zur aktiv-Redaktion in Köln reitet sie am liebsten auf ihrem Steckenpferd: einem E-Bike.
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