Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Rund 80 Prozent der Deutschen nehmen die Gesellschaft als gespalten war. Viele Themen sind emotional aufgeladen, die politischen Ränder haben Zulauf.
  • Wenn aus politischen Gegnern Feinde werden, wird auch das Miteinander im Betrieb immer schwieriger.
  • Bei den kommenden Betriebsratswahlen könnte es zum Problem werden, wenn radikale Kräfte Einfluss gewinnen.

Die politische Stimmung in Deutschland ist derzeit gereizt. Um das zu sehen, reicht ein Blick in die Nachrichten und sozialen Netzwerke: Der Ton ist aggressiv, die Fronten sind verhärtet. Und die politischen Ränder – links wie rechts – sind so stark wie lange nicht. Da wundert es kaum, dass aktuell mehr als 80 Prozent der Deutschen die Gesellschaft als gespalten wahrnehmen. So steht es im jüngsten „Polarisierungsbarometer“ des Mercator Forum Migration und Demokratie (Midem) an der TU Dresden. Insbesondere das Thema Zuwanderung hat Spaltpotenzial.

Problematisch ist, dass bei vielen emotional aufgeladenen Themen die Konflikte eskalieren, weil aus politischen Gegnern Feinde werden. Eine konstruktive Auseinandersetzung ist dann kaum noch möglich. Laut Midem-Studie ist das verstärkt bei Geringverdienern zu beobachten – und bei Älteren und Männern häufiger als bei Jüngeren und Frauen. Besonders ausgeprägt ist die emotionale Ablehnung Andersdenkender bei Menschen, die sich selbst als „rechts“ oder „links“ verorten.

Eine zu starke Polarisierung gefährdet das gute Miteinander

Das ist nicht nur ein Problem für die Gesellschaft, sondern auch für Unternehmen. „Eine zunehmende politische Polarisierung in der Belegschaft kann eine Gefahr für den Betriebsfrieden werden“, warnt Matthias Diermeier, Leiter des Kooperationsclusters Demokratie, Gesellschaft und Marktwirtschaft am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Die Folge: Beschäftigte arbeiten nicht mehr so gut im Team, kommen weniger gern zur Arbeit und verlassen am Ende womöglich ganz die Firma. „Ein Umfeld, in dem sich alle wohlfühlen, ist mitentscheidend für die Attraktivität eines Unternehmens“, sagt Diermeier.

Es gibt also gute Gründe für Unternehmen, die zunehmende Polarisierung mit Sorge zu sehen. Doch was tun, wenn etwa über Ausländer hergezogen wird? „Sobald rote Linien überschritten werden, muss man klare Kante zeigen“, rät Diermeier. Über krasses individuelles Fehlverhalten dürfe man nicht hinwegsehen.

Anders sieht es bei Ansichten aus, die sich zwar radikal anhören, aber noch keine Grenzüberschreitung sind. Hier ist dann Fingerspitzengefühl gefragt. „Mitarbeiter lassen sich ungern belehren“, warnt Diermeier. Sein Rat: „Weniger den Vorschlaghammer nehmen, lieber mit Themen aus dem eigenen Unternehmen argumentieren – so nah und konkret wie möglich.“

Umsichtige und erfahrene Betriebsräte sind wichtig

Solche Auseinandersetzungen sind nicht immer einfach. Und sie werden in Zukunft wohl eher noch schwieriger werden, schätzt der Experte. Grund dafür seien die aktuelle wirtschaftliche Lage und die drohenden Herausforderungen. „Je schlechter es dem eigenen Unternehmen geht, desto schärfer und emotionaler werden die Diskussionen künftig sein.“

Umso wichtiger sind umsichtige und erfahren Betriebsräte, die in einigen Wochen überall im Land gewählt werden. Scharfmacher wären in diesen Gremien eher fehl am Platz. Die Zusammenarbeit dürfte in solchen Fällen vor allem weniger kalkulierbar werden, schätzt Diermeier. „Aktuell weiß man, mit wem man es zu tun hat, viele Abläufe sind eingespielt.“

Problematisch könnte es aber auch auf inhaltlicher Seite werden: Fundamentalopposition gegen die Transformation, Vorurteile gegenüber Migrantinnen und Migranten, die EU als Sündenbock – all das ist mit den Positionen fast aller Unternehmen unvereinbar. „Zudem wird es Berührungsängste der Unternehmensleitungen mit möglichen radikalen Mitgliedern eines Betriebsrats geben“, vermutet Diermeier. „Sich mit solchen Leuten sehen zu lassen, schadet einfach dem Image des gesamten Unternehmens.“

Michael Stark
aktiv-Redakteur

Michael Stark schreibt aus der Münchner aktiv-Redaktion vor allem über Betriebe und Themen der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie. Darüber hinaus beschäftigt sich der Volkswirt immer wieder mit wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen. Das journalistische Handwerk lernte der gebürtige Hesse als Volontär bei der Mediengruppe Münchner Merkur/tz. An Wochenenden trifft man den Wahl-Landshuter regelmäßig im Eisstadion.

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