Schülerkompetenzen im Sinkflug

Pisa-Schock 2.0: Es ist längst an der Zeit, gezielter fördern

Die neue Pisa-Studie und der INSM-Bildungsmonitor zeigen: Von befriedigender Bildung ist Deutschland weiter entfernt denn je. Professor Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft erklärt, was jetzt zu tun ist.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Die Pisa-Studie zeigt, dass die Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler so schlecht sind wie nie zuvor.
  • Gezielte Förderung, frühes Lesetraining und Lernstandserhebungen und die bessere Nutzung der Daten sollen die Bildungsergebnisse verbessern.
  • KI und Berufsorientierung können das Lernen sinnvoll unterstützen, wenn sie richtig eingesetzt werden.

Herr Professor Plünnecke, die aktuelle Pisa-Studie fällt für Deutschland so schlecht aus wie noch nie. Woran hapert es?

Deutsche Schülerinnen und Schüler erreichen in Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik die schlechtesten Ergebnisse seit Beginn der Pisa-Erhebungen. Deutschland liegt damit in etwa im internationalen Durchschnitt. Corona allein erklärt das nicht mehr. Wir haben Lehrkräftemangel, keine ausreichende Digitalausstattung an Schulen und keine gute Antwort auf eine heterogenere Schülerschaft.

Nützliches Wissen

Hinzu kommt: Jugendliche, die täglich mehr als drei Stunden am Handy verbringen, zeigen schlechtere Leistungen. Dies gilt übrigens weltweit. Bücher zu Hause, Vorlesen und frühes Lesetraining sind keine Nebensache: Wer als Kind flüssig lesen lernt, kann später auch in Mathe und Naturwissenschaften besser mithalten.

Was machen andere Länder richtig?

Großbritannien hat sich bei Pisa verbessert – mit einem klaren Fokus auf Basiskompetenzen und verbindlichen Standards, etwa beim Lesen und Rechnen. Erfolgreich sind Länder, die Lernstandserhebungen regelmäßig durchführen – und deren Ergebnisse systematisch nutzen: um Förderbedarf zu erkennen, Schülerinnen und Schüler mit ähnlichen Problemen gezielt zu unterstützen. Es gibt ja Schulen, die trotz schwieriger Voraussetzungen gute Ergebnisse erzielen. In Deutschland wissen wir oft nicht mal, welche Schulen das sind, weil Daten fehlen oder nicht ausgewertet werden.

Auch Eltern und Schulen sind gefordert. Was können sie jetzt konkret tun?

Sie sollten die Handynutzung altersgemäß steuern und das eigene Verhalten hinterfragen: Wer selbst ständig aufs Display schaut, verliert Gesprächsmomente, die für die Sprachentwicklung der Kleinsten entscheidend sind. Vorlesen und Austausch sind zentral. Bildungseinrichtungen müssen früher handeln, etwa mit Sprachstandserhebungen und -förderung in der Kita und gezieltem Lesetraining in der Schule. Lehrkräfte sollten über jedes Schulkind Bescheid wissen, wie es um Lernstand und Förderbedarf bestellt ist.

In Deutschland wirkt sich die soziale Herkunft enorm auf Schulleistungen aus – besonders in Naturwissenschaften. Wo sollte man den Hebel ansetzen?

Das ist leider nicht neu, aber die Leistungswerte werden schlechter. Der Schlüssel liegt in einer guten Infrastruktur, die alle Kinder erreicht – denn mit freiwilligen Angeboten erreiche ich vor allem jene, die sie ohnehin finden. Die Schule ist der entscheidende Hebel, weil jedes Kind durch die Schulpflicht erreichbar ist. Wenn wir den Ganztag qualitativ ausbauen, Familienzentren an Grundschulen einführen und über gute Daten genau wissen, wie es um Lesefluss und Basiskompetenzen steht, können wir gezielt helfen – auch Kindern, die zu Hause wenig Unterstützung erfahren. Im Übrigen haben die psychischen Belastungen von Kindern in den vergangenen zehn Jahren zugenommen. Es ist für die Eltern sehr schwer, die notwendige Hilfe für ihre Kinder zu bekommen. Familienzentren sollten als Anlaufstellen für solche Fälle dienen.

Jugendliche, die KI für die Schule nutzen, zeigen schwächere Leistungen. Ist KI eine Leistungsbremse?

Es kommt auf die Art der Nutzung an. Wer KI einsetzt, um sich Aufgaben abnehmen zu lassen, umgeht den Lernprozess und verpasst den Sinn der Aufgabe. Wer sie aber als kompetenten Gesprächspartner nutzt – um Zusammenhänge zu erschließen, Dinge zu vertiefen, die man bereits versteht – kann echten Lerngewinn erzielen. Diesen Unterschied müssen Schülerinnen und Schüler in der Schule lernen. Sie sollen KI wie ein Architekt einsetzen, der sich neue Wissensräume schafft, statt sich das Denken abnehmen zu lassen. Kompetenz in neuen Technologien ist wichtig, ebenso wie der Schutz vor deren Risiken.

„Wer KI einsetzt, um sich Aufgaben abnehmen zu lassen, umgeht den Lernprozess und verpasst den Sinn der Aufgabe“

Professor Axel Plünnecke, Leiter IW-Themencluster Bildung, Innovation, Migration

Welche Chancen stecken in KI für den Unterricht?

Länder wie Estland und Südkorea zeigen, wie es geht: Estland fördert KI-Kompetenzen der Jugendlichen. In Südkorea setzen Lehrkräfte digitale Tools und KI gezielt im Unterricht ein – etwa mit interaktiven Mathebüchern, die sofort Feedback geben, wenn ein Kind eine Aufgabe gelöst hat. Dann folgen andere Aufgaben, die zu seinem Leistungslevel passen und es Schritt für Schritt zum Ziel führen. Das ist Lernen nach Maß, das wir in Deutschland bisher kaum nutzen.

Die Lerneinstellungen deutscher Jugendlicher, etwa Neugier und Beharrlichkeit, sind im OECD-Vergleich überdurchschnittlich positiv. Was lässt sich daraus machen?

Das stimmt: Trotz aller Probleme bringen viele Kinder und Jugendliche echte Stärken mit – wachsende Englischkompetenzen, erste Erfahrungen mit digitalen Tools und KI, mehr Neugier, als der OECD-Schnitt zeigt. Daran lässt sich anknüpfen. Entscheidend ist, dass Jugendliche Selbstwirksamkeit erleben – dass sie merken: Was ich tue, hat eine Konsequenz, bewirkt etwas, interessiert andere. Gerade in Ausbildungsbetrieben entstehen solche Erfolgserlebnisse. Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie können diese Neugier aufgreifen und zeigen, wie MINT-Kompetenzen in der Praxis wirken.

Elke Bieber

Elke Bieber

aktiv-Redakteurin

Elke Bieber schreibt bei aktiv vor allem über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Sie studierte Geschichte, Politik und Publizistik in Mainz, Berlin und Washington, D.C. Nach einem Magazinvolontariat in Berlin zog es sie in die Unternehmenskommunikation, print und digital, mit den Schwerpunkten Industrie und Logistik. Jenseits des Schreibtisches umgibt sie sich gern mit Büchern, aktiven Menschen und Natur.

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