Berlin. Zum Jahreswechsel wird die gesetzliche Pflegeversicherung umgekrempelt. 2017 kann die Pflegekasse 6 Milliarden Euro mehr ausgeben. Dafür gibt es auch mehr Leistungen. So werden durch das „Pflegestärkungsgesetz II“, das als größte Reform seit Beginn der Pflegeversicherung 1995 gilt, jetzt rund 2,7 Millionen Menschen in neue Pflegegrade eingestuft.

Bezahlen müssen das Betriebe und Beschäftigte: Der Beitragssatz steigt am 1. Januar um 0,2 Prozentpunkte auf 2,55 Prozent (2,8 Prozent für Kinderlose). Bis 2022 werde der Beitrag dann stabil bleiben, verspricht die Bundesregierung. Was danach kommt, ist ungewiss.

Die Kasse berücksichtigt nun erstmalig geistige und psychische Einschränkungen. Das heißt, dass auch Demenzkranke Anspruch auf Leistungen aus der Pflegeversicherung bekommen. Aktuell sind das rund 1,6 Millionen Menschen, Tendenz steigend. Das erhöht auf Dauer die Kosten – und den Fachkräftebedarf.

Die Zahl der Azubis steigt, trotzdem gibt es zu wenig Fachkräfte

„Es ist eine große Herausforderung“, sagt Johannes Geyer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. „Wir können nicht dauerhaft davon ausgehen, dass ein Großteil der Bedürftigen von eigenen Angehörigen betreut wird.“ Und die Nachfrage nach examinierten Fachkräften sei bereits jetzt höher als das Angebot. „Die Beschäftigten können die wachsende Zahl an Pflegebedürftigen nicht stemmen“, warnt Geyer.

Laut Bundesagentur für Arbeit zeigt sich dieser Engpass ausnahmslos in allen Bundesländern. Im Schnitt bleiben Stellen für Altenpflegefachkräfte 153 Tage vakant – 70 Prozent länger als im Durchschnitt aller Berufe! Und das, obwohl die Zahl der Auszubildenden für diesen Job stetig steigt.

„Viele Fachkräfte steigen gar nicht erst in die Praxis ein, brechen schnell ab. Oder sie reduzieren die Arbeitszeit“ (Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe)

Und noch etwas trägt dazu bei, dass immer wieder vom „Pflegenotstand“ die Rede ist: „Viele steigen nach ihrer Ausbildung gar nicht erst in die Praxis ein, brechen schnell ab. Oder sie reduzieren die Arbeitszeit“, erklärt Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. Mehr als die Hälfte der etwa 530.000 direkt in der Altenpflege Beschäftigten arbeiten Teilzeit. Grund dafür sind laut Knüppel häufig die Arbeitsbedingungen: geringe Bezahlung, körperliche und psychische Belastung, kaum Aufstiegschancen.

Die Regierung will die Ausbildung modernisieren – für Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege soll es ein gemeinsames Berufsbild geben, außerdem ein berufsqualifizierendes Pflegestudium. Knüppel: „Wenn es so kommt, ist das ein Schritt in die richtige Richtung. So könnte die Pflege auch wieder an Qualität gewinnen.“