Inhaltsverzeichnis
- Diese Auswirkungen hat der Irankrieg auf die deutschen Energiepreise
- So können der Iran – und andere Akteure – den Ölpreis beeinflussen
- So treiben Kriege die Öl- und Gaspreise
- Diese Ölpreis- und Gaspreis-Entwicklung ist zu erwarten
- Der Gaspreis entwickelt sich ähnlich wie der Ölpreis
- Energiepreise: Was kommt auf Deutschland zu?
- Die Gefahr einer Inflation: Was wird sonst noch teurer durch den Irankrieg?
- Was wird aus der Wirtschaft in Deutschland und Europa 2026?
- Ausblick: Welche Maßnahmen helfen gegen steigende Ölpreise und Inflation?
- Tipps: So machen Sie sich unabhängiger von Öl und Gas
Das Wichtigste auf einen Blick:
- Der Irankrieg beeinflusst die Wirtschaft, vor allem energieintensive Branchen, über höhere Energie- und Transportpreise. Auch einige Rohstoffe sind betroffen.
- Die Folgen sind schwächeres Wirtschaftswachstum und eine höhere Inflationsrate. Wie stark diese ausfallen, hängt vom Konfliktverlauf ab.
- Wirtschaft und Verbraucher sollten ihre Abhängigkeit von Öl und Gas weiter verringern – wir haben viele Tipps.
Diese Auswirkungen hat der Irankrieg auf die deutschen Energiepreise
Die Region am Persischen Golf ist weltweit einer der wichtigsten Lieferanten von Öl und Gas. Auch wenn Deutschland nur einen geringen Teil seiner Energieimporte vor dort bezieht: Lieferengpässe haben enorme Auswirkungen auf Deutschland.
„Ein deutlicher Anstieg des globalen Gaspreises würde einen spürbaren Einfluss auf die Energiepreise in Deutschland haben“, sagt Thomas Puls, Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). „Besonders gravierend ist das vor dem Hintergrund, dass aktuell die Gasspeicher zum Ende der Heizperiode wenig gefüllt sind und Deutschland aufgrund der beschränkten Terminal- und Transportkapazitäten bereits mit dem Einspeichern für den nächsten Winter beginnt.“
Die Auswirkungen bei Diesel und dem Flugzeugtreibstoff Kerosin sind derzeit am größten. Letzteres könnte im Sommer sogar in Deutschland so knapp werden, dass ein Teil der Flüge gestrichen werden muss.
Wie gravierend die gesamtwirtschaftlichen Folgen sein können, hat Puls zusammen mit Kollegen berechnet. Ein Szenario geht von einem Preis von 100 US-Dollar pro Barrel der Ölsorte Brent aus. Das ist in etwa der Preis der vergangenen Wochen. Bliebe es dabei, würde dies Wohlstandseinbußen für Deutschland bedeuten:
- Die Wirtschaftsleistung dürfte dann 2026 um 0,3 Prozent niedriger ausfallen als ohne Energiekrise. 2027 gar um 0,6 Prozent.
- Insgesamt geht es dann in diesen beiden Jahren um einen Verlust an Wirtschaftsleistung in Höhe von 40 Milliarden Euro.
„Dabei ist es wichtig zu betonen, dass die Modellsimulation einen reinen Ölpreisanstieg und die daraus folgenden Anpassungen der Wirtschaft abbildet“, erklärt Puls. „Nicht erfasst ist der Anstieg der geopolitischen Unsicherheit, die mit der Verschärfung des Konflikts im Iran einhergeht.“
So können der Iran – und andere Akteure – den Ölpreis beeinflussen
Warum ist die Straße von Hormus so wichtig?
„Mit der faktischen Sperrung der Straße von Hormus ist ein oft befürchtetes Worst-Case-Szenario eingetreten“
Professor Hubertus Bardt, Institut der deutschen Wirtschaft
Die Straße von Hormus liegt zwischen der Südküste Irans und den Vereinigten Arabischen Emiraten und Oman. Sie ist an ihrer engsten Stelle 33 Kilometer breit und damit ein Nadelöhr im Nahen Osten.
Die längste Küstenlinie dieser wichtigen Nahost-Schifffahrtsregion hat der Iran: Sie erstreckt sich vom Persischen Golf über die Straße von Hormus bis zum Golf von Oman. Weitere Anrainer sind im:
- Norden des Persischen Golfs: Irak und Kuwait,
- Westen des Persischen Golfs: Saudi-Arabien, Katar und Bahrain,
- Süden, direkt an der Straße von Hormus und am Golf von Oman: die Vereinigten Arabischen Emirate und Oman.
Es gibt kaum Alternativwege zur Straße von Hormus
All die genannten Länder fördern Öl und Gas. Diese fossilen Energieträger sind ihre wesentlichen Exportprodukte. Sie gelangen über die Straße von Hormus zu den Abnehmerländern. Dies sind in erster Linie asiatische Länder.
Ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls und Flüssiggases passiert die Straße von Hormus. Ist das auf Dauer nicht möglich, steigen die Preise. Und zwar wegen der Sorgen um Lieferprobleme und wegen echter Engpässe.
Seit Ende Februar blockiert der Iran die Straße von Hormus. Auch die USA blockieren.
Die genannten Ölländer haben ihre Produktion deutlich gesenkt. Denn zur Straße von Hormus gibt es kaum Export-Alternativwege.
Zerstörung, Blockade, Mautgebühren
Ein weiterer Grund für die stockende Förderung in Nahost: Der Iran hat die Energieanlagen und Häfen seiner Nachbarn bombardiert. Auch die US-israelischen Angriffe zielten auf Energieanlagen, darunter auf das bedeutende Erdgasfeld South Pars.
Die Straße von Hormus zu sperren, trifft die asiatischen Öl- und Gasabnehmer direkt. Andere Länder sind indirekt betroffen. Dazu gehören auch EU-Länder wie Deutschland. Denn höhere Ölpreise gelten letztlich weltmarktweit. Damit verteuern sich Energie und Folgeprodukte auch für uns.
Außerdem kommen aus der Kriegsregion noch weitere wichtige Materialien. Das sind zum Beispiel Helium, Stickstoffdünger und Methanol. Unter anderem die Halbleiter- und Chemie-Industrie sowie die Landwirtschaft brauchen diese.
Die Meerenge von Hormus ist für den gesamten Welthandel wichtig
Vor dem Krieg konnten Schiffe die Straße von Hormus ohne Gefahr und Gebühren durchfahren. Jetzt ist dies wegen möglicher Angriffe und Minen zu riskant: Die Schiffe stauen sich in der Straße von Hormus. Die Versicherungsprämien und Transportpreise steigen.
Der Iran will Gebühren für die Durchfahrt verlangen. Dies würde seine Kontrolle über die Straße von Hormus festigen. Der Transport würde sich auf Dauer verteuern.
So treiben Kriege die Öl- und Gaspreise
Der Ölpreis der Marke Brent betrug am 27. Februar 2026, dem Tag vor Kriegsbeginn, rund 73 US-Dollar pro Barrel. Ein Barrel hat 159 Liter. Am 9. April 2026, dem ersten Tag des Waffenstillstands, lag er bei rund 98 US-Dollar. Dazwischen, am 23. März, erreichte er einen Spitzenwert von rund 114 US-Dollar.
Zum Vergleich: Anfang März 2022, kurz nach Russlands Angriff auf die Ukraine, kletterte der Ölpreis auf 129 US-Dollar. Einen Tag vor dem Angriff, am 23. Februar 2022, hatte er bei rund 94 US-Dollar gelegen.
Welchen Förderländern der hohe Ölpreis nützt – und welchen nicht
Der hohe Ölpreis bedeutet Chancen für die ölproduzierenden Länder. Zumindest, wenn der Krieg und die Hormus-Blockade sie nicht behindern. Von den größten ölproduzierenden Ländern können somit besonders profitieren: die Öl- und Gas-Industrien
- der USA,
- Russlands und
- Kanadas.
Vorteilhaft sind für sie:
- Steigende Einnahmen,
- Nachfrage aus Ländern, die sich bisher auf Lieferungen aus dem Nahen Osten verlassen haben, etwa aus Asien,
- höhere Marktanteile bei bestehenden Abnehmern,
- teure Formen der Ölförderung, etwa Fracking, werden durch hohe Ölpreise rentabler.
Der Krieg und die Hormus-Blockade haben für einige Öl- und Gasländer klare Nachteile, und zwar für die des Nahen Ostens:
- Der Wiederaufbau der zerstörten Anlagen wird Jahre dauern.
- Die Straße von Hormus bleibt ein Risikofaktor.
- Der Krieg hat das Geschäftsumfeld verschlechtert. Dies betrifft nicht nur die Öl- und Gas-Industrie. Auch für Investoren, Touristen und internationale Arbeitskräfte ist die Golfregion weniger attraktiv geworden. Davon sind die einzelnen Golfstaaten unterschiedlich betroffen.
Die Golfstaaten wollen daher ein Ende der Feindseligkeiten. Sie setzen auf Diplomatie. Dabei reicht ihnen ein Waffenstillstand nicht. Sie möchten keine Bedrohung durch den Iran und durch dessen Komplizen. Sie wollen Sicherheit für ihre Anlagen und Exportrouten.

Diese Ölpreis- und Gaspreis-Entwicklung ist zu erwarten
Der Ölpreis hängt von verschiedenen Faktoren ab. Er schwankt je nach:
- Angebot und Nachfrage: Je knapper das Angebot im Verhältnis zur Nachfrage, umso teurer ist das Öl.
- Fördermenge: Der Ölverbund OPEC umfasst zwölf erdölexportierende Staaten. Sie sprechen ihre Fördermengen ab. Auf diese Weise beeinflussen sie das weltweite Angebot und damit auch den Preis. Das Ziel ist, dass die OPEC-Mitglieder für sie günstige Erlöse erzielen. Doch nicht immer sind sie sich einig.
- Wirtschaftswachstum: Produzieren und transportieren die erdölverbrauchenden Länder mehr, dann steigt ihr Erdölbedarf. Das erhöht die Nachfrage und je nach Angebot auch den Preis.
- Verfügbarkeit: Auch wenn der Rohstoff an sich nicht knapp ist, können Transportprobleme den Preis treiben.
- Wechselkurs-Schwankungen: Öl wird in aller Regel in US-Dollar gehandelt. Ein schwacher Dollar macht das Öl dann billiger. Ein starker Dollar macht es teurer.
- Börsengeschehen: Rohöl wird auf dem Weltmarkt über Terminkontrakte gehandelt. Das sind Kaufvereinbarungen zu einem festgelegten Preis zu einem bestimmten Termin in der Zukunft. Sie werden zwar monatlich fällig, aber oft schon vorher verkauft. In die Preisfindung gehen die Sorgen und Erwartungen der Investoren ein: Fürchten sie einen Krieg und dessen Folgen, steigt der Preis. Hoffen sie auf Frieden, sinkt er. Unter anderem politische Botschaften oder Bomben beeinflussen das Börsengeschehen. Einige Akteure verdienen daran, andere verlieren.
Woher europäische Abnehmer tatsächlich ihr Öl beziehen, spielt dabei keine Rolle. Die Preisschwankungen auf dem Weltmarkt betreffen alle Abnehmer, auch wenn ihr Öl aus der Nordsee stammt.

Der Gaspreis entwickelt sich ähnlich wie der Ölpreis
Zwar ist der Gaspreis heute nicht mehr wie früher an den Ölpreis gekoppelt. Doch einige Preisfaktoren gelten für Gas genauso. Dazu zählen Konflikte und das Verhältnis von Angebot und Nachfrage.
Das Angebot hat sich nach dem Beginn des Ukrainekriegs verbessert. Denn die EU hat sich unabhängiger von russischem Gas gemacht. Zudem haben viele Länder ihre Erdgasförderung gesteigert, vor allem die USA.
Indes: Der Speicherstand des Erdgases war in Deutschland nach dem Winter eher niedrig. Darum reagierten die Gaspreise empfindlich auf die Zerstörung der Anlagen und die Blockade im Nahen Osten.
Die Trends bis 2050: Nachfrage und Preise werden steigen
Der World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur (IAE) geht von steigendem Ölbedarf aus, denn:
- Straßen- und Luftverkehr werden zunehmen;
- Petrochemikalien bleiben gefragt.
Was das Erdgas betrifft: Vor allem die Länder Asiens und des Nahen Ostens werden mehr davon benötigen.
Dies wird eine stärkere Förderung von Öl und Gas nach sich ziehen. Dabei nimmt die IEA an: Die Förderländer werden die Nachfrage bedienen. Und zwar auch dann, wenn geopolitische „Einschränkungen“ gelten sollten.
Insgesamt dürften die Preise für Öl und Gas steigen. Fallen bestimmte Förderländer aus, springen andere ein und investieren in die Förderung. Das könnte die Preise weiter treiben.
Die Basis für diese Prognose ist, dass die aktuelle Politik (Stand des World Energy Outlooks: 2025) fortgesetzt wird. Damit ist gemeint: Der globale Verbrauch fossiler Energien steigt, statt zu sinken.
Wie ist das Verhältnis Deutschland–Iran?
Zwischen Deutschland und dem Iran gibt es keine engen Handelsbeziehungen. Einer der Gründe sind die Sanktionen gegen den Iran. Zudem gilt das Geschäftsumfeld als riskant, die Korruption als hoch.
Das Land rangiert nur auf Platz 68 (von 238) der Zielländer für deutsche Exporte. Was die Importe betrifft, so steht der Iran für Deutschland auf Platz 97.
Zum Vergleich: Die viel kleineren Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind Deutschlands Top-Handelspartner im Nahen Osten. Sie haben nur 11 Millionen Einwohner, der Iran 92 Millionen. Beide Länder exportieren hauptsächlich Öl. Dennoch ist die Wirtschaft der VAE viel stärker als die des Iran. Die VAE erzielten 2025 ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 51.000 US-Dollar pro Kopf. Das ist in etwa so hoch wie in Deutschland. Das BIP des Iran lag 2025 bei nur rund 4.100 US-Dollar pro Kopf.
- 2025 exportierte Deutschland Waren im Wert von rund 962 Millionen Euro in den Iran, hauptsächlich Maschinen. Der Warenwert der Exporte in die VAE betrug rund 11,4 Milliarden Euro, hauptsächlich Kfz und Kfz-Teile.
- 2025 führte Deutschland Waren im Wert von rund 235 Millionen Euro aus dem Iran ein, hauptsächlich Pistazien. Die Importe aus den VAE beliefen sich auf rund 1,9 Milliarden Euro, hauptsächlich Metalle.
Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in den Iran. Denn es bestehe die Gefahr willkürlicher Verhaftungen und Todesstrafen. Hilfe kann die deutsche Botschaft kaum leisten. Aktuell hat sie ihr Personal aus dem Iran abgezogen.
Energiepreise: Was kommt auf Deutschland zu?
Erneuerbare Energien werden zwar für die Stromversorgung immer bedeutender.
Dennoch bleiben Öl und Gas weiter sehr wichtige Energieträger. Ihr Anteil am Primärenergieverbrauch in Deutschland, also ihr Anteil aller genutzten natürlichen Energiequellen, lag in den vergangenen 30 Jahren deutlich über 50 Prozent. Und der Ausstieg aus der Kernenergie und die Reduzierung der Kohlenutzung hatten Folgen: Der Öl- und Gasanteil ist zuletzt sogar noch einmal auf rund 60 Prozent gewachsen.
Positiver Trend: Die Energieintensität sinkt
Erfreulich: Die Energieintensität der Wirtschaft ist in den vergangenen drei Jahrzehnten um etwa die Hälfte zurückgegangen. Mit Energieintensität ist gemeint: die eingesetzte Energiemenge pro Euro Wirtschaftsleistung. Das heißt: Obwohl der Energieverbrauch in diesem Zeitraum um rund ein Viertel gesunken ist, konnte Deutschlands Wirtschaft um 50 Prozent wachsen.
Steigende Energiepreise treffen Privatleute und die Wirtschaft
Steigende Energiepreise schlagen dennoch auf die gesamte Wirtschaft durch.
Privatleute merken es gerade besonders an der Tankstelle. Die Hälfte des in Deutschland genutzten Öls wird für den Straßenverkehr benötigt. Die Preise für Benzin stiegen im Zuge des Irankriegs um etwa 20 Prozent, für Diesel sogar um rund 30 Prozent. Auch die Preise für Heizöl und Gas kletterten ähnlich. Von einem Anstieg der Gaspreise wie zu Beginn des Ukrainekrieges sind wir jedoch weit entfernt.
Selbst wenn es an der Straße von Hormus zu einem dauerhaften und stabilen Waffenstillstand kommt, dürften die Energiepreise noch lange hoch bleiben. Es wird Monate dauern, bis Lieferketten wieder funktionieren und strategische Reserven wieder aufgefüllt sein werden. Zudem ist die Infrastruktur in der Region beschädigt. Das bremst auf mittlere Sicht die Produktion.
Hohe Preise bei Öl oder auch Gas treffen aber nicht nur private Haushalte, sondern sind auch ein Problem für Industrieunternehmen. Sie verbrauchen rund ein Viertel des Öls und gut ein Drittel des Erdgases.
Wie das Statistische Bundesamt meldete, ist dabei Erdgas am wichtigsten: 29,2 Prozent des gesamten Energiebedarfs der Industrie stammten 2024 aus Erdgas. Mineralöl steuerte 16,5 Prozent bei.
Hinzu kommt: Auch beim Strom sorgt ein höherer Gaspreis für höhere Kosten. Strom liefert gut 20 Prozent der in der Industrie genutzten Energie. So wurden im vergangenen Jahr in Deutschland rund 15 Prozent des Stroms in Gaskraftwerken erzeugt. Wenn sie im Einsatz sind, sind sie in der Regel das teuerste Kraftwerk und somit entscheidend für den Preis.
Diese Industrien sind besonders auf Öl und Gas angewiesen
Die meiste Energie und damit auch der größte Anteil an Öl und Gas wird in nur wenigen Branchen verbraucht. Zu diesen energieintensiven Industrien gehört neben der Metallerzeugung und -bearbeitung vor allem die Chemie-Industrie. Diese hat ohnehin seit Jahren mit hohen Energiepreisen in Deutschland zu kämpfen, was der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts schadet.
„Die Lage wird immer kritischer“, sagt Branchenexpertin Anna Wolf vom Münchner Ifo-Institut. Dass der Irankonflikt die Lage verschlimmere, sei noch viel zu milde ausgedrückt. „Für viele Unternehmen geht es jetzt um die Existenz“, sagt die Ökonomin. „Denn sie waren vor dem aktuellen Schock schon geschwächt.“
Neben Chemie und Metallverarbeitung sind besonders betroffen:
- Kokereien und und Verarbeiter von Mineralöl,
- die Papier-Industrie,
- Glas-, Keramik- und Baustoffhersteller sowie
- die Produzenten von Nahrungs- und Futtermitteln.
All diese energieintensiven Branchen zusammen verbrauchen rund vier Fünftel der in der Industrie genutzten Energie. Dabei erbringen sie nur etwa ein Fünftel der industriellen Wertschöpfung.
Knapp 90 Prozent der Energie in der Industrie wurden 2024 für Strom und Wärme eingesetzt. Ein Zehntel der Energieträger diente als Grundstoff für verschiedene Industrieprodukte.
Die Chemie-Industrie braucht Öl und Gas als Basis für Chemieprodukte
Der Fall, dass Öl und Gas nicht als Energiequelle, sondern als Rohstoff genutzt wurden, war in der Chemie-Industrie mit gut einem Drittel deutlich höher als in den anderen Branchen. Mithilfe von Erdgas wird hier unter anderem Ammoniak gewonnen. Der ist zum Beispiel die Basis für Stickstoffdünger und Medikamente. Erdöl wird zur Herstellung von Kunststoffen, Farben und Lösungsmitteln benötigt.

Die Gefahr einer Inflation: Was wird sonst noch teurer durch den Irankrieg?
Alle Güter und Dienstleistungen, für die Energie eine große Rolle spielt, werden merklich teurer. Und das sind viele:
- Steigt der Preis für Kerosin, werden Flugreisen kostspieliger.
- Hohe Gaspreise verteuern Strom
- Auch der Preis für Lebensmittel hängt an der Energie – und da geht es nicht nur um die Kühlung. Die Herstellung von Dünger etwa ist energieintensiv.
- Am Ende steigen auch die Kosten für Verpackungen und den Transport von Gütern. Das betrifft quasi alle Branchen.
Mehr noch: Außer an höheren Preisen für den Rohstoff leiden die Unternehmen unter den höheren Transportkosten und der Unsicherheit auf den Handelsrouten. Auch das wird sich auf die Inflation auswirken.
Einen ersten Vorgeschmack auf die Entwicklung gab es bereits in den ersten Wochen nach Kriegsbeginn. Die Inflationsrate kletterte im März 2026 auf 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Mit der Inflationsrate wird die durchschnittliche Teuerung aller Waren berechnet. Im Vergleich zum Vormonat lag ihr Wert bei 1,1 Prozent. Das ist ein sehr hoher Wert für einen Monatsvergleich und ein Hinweis auf die Folgen der aktuellen Krise.
Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten in ihrer Gemeinschaftsdiagnose einen deutlichen Anstieg der Inflationsrate:
- 2026 dürfte sie demnach auf durchschnittlich 2,8 Prozent steigen.
- Für 2027 rechnen die Experten mit 2,9 Prozent. Das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) liegt bei 2 Prozent.
Was wird aus der Wirtschaft in Deutschland und Europa 2026?
Die Weltbank sowie deutsche Wirtschaftsinstitute haben die Folgen des höheren Öl- und Gaspreises untersucht. Für ihre Aussagen ist immer entscheidend, wie lange der Krieg dauert.
Geringes Wachstum im Euroraum
Die Weltbank nimmt für den Euroraum Folgendes an:
- Bei einem Ölpreis von circa 90 US-Dollar pro Barrel ist 2026 ein Wirtschaftswachstum von knapp 1 Prozent zu erwarten. Dasselbe gilt für einen Gaspreis von rund 90 Euro je Megawattstunde.
- Steigen diese Preise jedoch auf 120 US-Dollar/Euro, drückt dies das Wachstum auf nur knapp 0,5 Prozent. Weitere mögliche Folgen sind Inflation und Investitionszurückhaltung. Dies gilt im Übrigen auch für die Weltwirtschaft.
Mini-Wachstum und Skepsis in Deutschland
„Die geopolitischen Dauerkrisen bringen das deutsche Wirtschaftsmodell immer stärker an seine Grenzen. Das erhöht den Reformdruck für die Bundesregierung“
Professor Michael Grömling, Institut der deutschen Wirtschaft
Die Bundesregierung erwartet für 2026 ein Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent.
Zum Vergleich: 2025 betrug das Wirtschaftswachstum 0,2 Prozent. Die Inflationsrate lag bei 2,3 Prozent. 2022, im ersten Jahr des Ukrainekriegs, wuchs die deutsche Wirtschaft um 1,9 Prozent. Die Inflation stieg um 7,9 Prozent.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) betont: Eine Exportnation wie Deutschland braucht offene Handelswege. Auch hohe Frachtraten treffen sie besonders. Zudem hat der Krieg weitere Effekte:
- Der Dollarkurs ist gestiegen. Das verteuert deutsche Exporte. Werden deutsche Waren im Ausland teurer, sinken damit ihre Verkaufschancen. Inzwischen befindet sich der US-Dollar wieder in etwa auf dem Vorkriegsniveau.
- Der IW-Index für Industriemetalle zeigt: Im Durchschnitt steigen die Preise für Metalle. Das gilt vor allem für Aluminium. Katar musste eine Alu-Hütte herunterfahren. Die Alu-Exporte durch die Straße von Hormus stocken.
Unternehmen investieren weniger
Das IW hat im März, nach Beginn des Irankriegs, rund 1.000 Firmen befragt. Deren Aussichten sind:
- 39 Prozent der Industrieunternehmen rechnen mit sinkender Produktion und nur 24 Prozent mit einem Plus.
- 42 Prozent der Industrieunternehmen wollen Investitionen kürzen und nur 19 Prozent wollen sie steigern.
- 37 Prozent der Industrieunternehmen planen mit weniger Personal, nur 14 Prozent mit mehr.
Was unterscheidet die Ölkrise 1973 vom aktuellen Irankrieg?
Im Oktober 1973, an den Jom-Kippur- Feiertagen, attackierten mehrere arabische Staaten Israel. In diesem „Jom-Kippur“-Krieg unterstützten westliche Staaten das angegriffene Land. Daher setzte die Organisation der arabischen erdölexportierenden Staaten (OAPEC) die Unterstützer unter Druck:
- Die OAPEC reduzierte ihre Fördermengen.
- Sie boykottierte einige Länder gezielt.
Die Folgen waren drastischer als gegenwärtig: Der Ölpreis vervierfachte sich! Zum Vergleich: Derzeit haben wir es nur mit einem Anstieg um maximal 58 Prozent beziehungsweise 42 Prozent zu tun (von 73 auf höchstens 114 US-Dollar je Barrel, aktuell 104 US-Dollar).
Damals stammten 75 Prozent des Importöls von arabischen Ländern. Heute hingegen sind die USA und Norwegen die wichtigsten Öllieferanten der EU.
Um Güter und Dienstleistungen zu erzeugen, benötigte die Wirtschaft in den Siebzigern sehr viel mehr Öl als heute. Daher bedeutete die Preissteigerung einen wahren Preisschock. Die sogenannte Ölintensität der Wirtschaft ist seitdem massiv gesunken. Dies liegt unter anderem am
- Strukturwandel,
- anderen Energieträgern und
- mehr Energieeffizienz.
1973 beschloss der Bundestag das Energiesicherungsgesetz. Es gab dem Staat die Befugnis, per Rechtsverordnung Produktion, Transport, Lagerung und Verteilung von Energie zu regeln. Die autofreien Sonntage und Tempolimits waren eine Folge dieses Gesetzes.
Die Regierung brachte im Frühjahr 2026 ein Maßnahmenpaket auf den Weg, das den aktuellen Preisanstieg dämpfen soll. Dazu zählen
- Freigabe der Ölreserven,
- eine geringere Mineralölsteuer („Tankrabatt“) und
- die 12-Uhr-Regelung für höhere Spritpreise: Tankstellen dürfen nur zu diesem Zeitpunkt die Preise erhöhen.
Fahrverbote oder Tempolimits gehören bisher nicht dazu.
Ausblick: Welche Maßnahmen helfen gegen steigende Ölpreise und Inflation?
Die sichtbarste Maßnahme gegen hohe Spritpreise ist der Tankrabatt. Ab 1. Mai wird die Energiesteuer auf Benzin und Diesel um 17 Cent pro Liter gesenkt. Die Maßnahme gilt erst einmal nur für zwei Monate. Zur Kritik am Tankrabatt gehört, dass Haushalte davon weniger profitieren als gedacht.
Um die Inflation in den Griff zu bekommen, fällt der Europäischen Zentralbank (EZB) die entscheidende Rolle zu. Noch ist die Lage recht unübersichtlich. Sollten die Preise mittelfristig jedoch stark steigen, könnte ein Anheben der Leitzinsen nötig werden.
Steigende Zinsen machen das Geld teuer – etwa für Investitionen und teure Anschaffungen. Das bremst die Nachfrage nach Gütern von Unternehmen und Haushalten und senkt somit auch den Druck auf die Preise. Das Problem dabei: Eine solche Maßnahme bremst auch die Wirtschaft aus.
Die EZB muss abwägen: Ist eine höhere Inflation aufgrund steigender Energiepreise verkraftbar? Oder muss die EZB handeln – und damit die schwächelnde Konjunktur zusätzlich belasten?
Um sich langfristig von den Risiken und Preisschwankungen fossiler Energiequellen unabhängiger zu machen, helfen vor allem
- mehr Energieeffizienz und
- eine och schnellere Abkehr von fossilen Brennstoffen.
Kritiker sehen darin Risiken: Ein zu schneller und kostspieliger Umstieg könnte die Bürger überfordern und der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie schaden.
Öl und Gas: Es gibt Alternativen
Ein zentraler Schritt, um den Öl- und Gasverbrauch zu senken, ist eine stärkere Nutzung von Strom. Insbesondere im Straßenverkehr ist die Elektrifizierung vielversprechend.
In vielen industriellen Prozessen geht das nur bedingt. Denn hier ist die Elektrifizierung physikalisch nicht machbar oder zu teuer. Als brauchbare Alternative zu Gas und Öl könnte in diesen Fällen Wasserstoff dienen. Er lässt sich aus erneuerbaren Energien erzeugen.
Tipps: So machen Sie sich unabhängiger von Öl und Gas
Es gibt heute viele Möglichkeiten, weniger Öl und Gas zu verbrauchen. Das hilft der Umwelt. Es spart oft auch Geld. Hier sind die wichtigsten To-dos:
- Machen Sie Ihre Heizung zukunftsfähig: Ab Juli 2026 soll ein neues Gesetz kommen, das Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG). Der Staat fördert demnach die Wärmepumpe weiter.
- Solar-Check durchführen: Eine Solaranlage oder ein kleines Balkonkraftwerk können einen Teil Ihres Stroms selbst erzeugen. Das spart auf Dauer Geld und macht unabhängiger von steigenden Energiepreisen. Viele Häuser eignen sich gut dafür. Ein Solar-Check zeigt, ob Ihr Dach genug Sonne bekommt und wie viel Strom Sie erzeugen können.
- Dämmen Sie Ihr Gebäude: Wärmedämmung stoppt den Energieverlust im Winter. Im Sommer hält sie die Wohnung kühl. Einige Dämmungen im Innenbereich können Do-it-yourself-Fans selbst machen. Andere Maßnahmen überlässt man lieber den Profis. Auf den Brandschutz achten!
- Steigen Sie auf ein E-Auto um: Seit 1. Januar 2026 gibt es wieder eine E-Auto-Prämie. E-Autos sind außerdem weiter von der Kfz-Steuer befreit – bis Ende 2035. Eine kleine Kirsche auf der Sahnehaube ist die THG-Prämie. Man bekommt sie über Vermittler und über ein Zertifikat des Umweltbundesamts.
- Bilden Sie Fahrgemeinschaften: Egal mit welchem Antrieb: Fahrgemeinschaften sind effizienter, als alleine zu fahren. Sie schaden überdies niemandem bei der Steuer-Entfernungspauschale. Hier sind die Tipps: Fahrtkosten bei Fahrgemeinschaften berechnen.
- Reisen Sie öfter mit der Bahn: In manchen Fällen ist sie tatsächlich eine Alternative. Vor allem, wenn man Ticket-Schnäppchen macht.

Elke Bieber schreibt bei aktiv vor allem über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Sie studierte Geschichte, Politik und Publizistik in Mainz, Berlin und Washington, D.C. Nach einem Magazinvolontariat in Berlin zog es sie in die Unternehmenskommunikation, print und digital, mit den Schwerpunkten Industrie und Logistik. Jenseits des Schreibtisches umgibt sie sich gern mit Büchern, aktiven Menschen und Natur.
Alle Beiträge der Autorin
Michael Stark schreibt aus der Münchner aktiv-Redaktion vor allem über Betriebe und Themen der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie. Darüber hinaus beschäftigt sich der Volkswirt immer wieder mit wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen. Das journalistische Handwerk lernte der gebürtige Hesse als Volontär bei der Mediengruppe Münchner Merkur/tz. An Wochenenden trifft man den Wahl-Landshuter regelmäßig im Eisstadion.
Alle Beiträge des Autors



