Schon lange dabei

Mitarbeiterbindung: Was Beschäftigte in der Verpackungsindustrie langfristig hält

Wertschätzung, Arbeitsklima und die Möglichkeit, sich weiterzubilden: Vier Beschäftigte aus der Papier- und Verpackungsindustrie erzählen, was sie über Jahrzehnte im gleichen Unternehmen hält – und was andere daraus lernen können.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Vier von zehn Beschäftigten sind schon mindestens zehn Jahre bei ihrem aktuellen Arbeitgeber.
  • Langjährige Mitarbeiter wachsen mit dem Unternehmen – und machen oft Karriere.
  • Wer sich dem Betrieb verbunden fühlt, ist oft motivierter und produktiver.

Sie sind schon etwas Besonderes, auch in den Betrieben der Papier, Pappe und Kunststoff verarbeitenden Industrie: Kolleginnen und Kollegen, die schon sehr lange im Unternehmen sind, sich mit dem Betrieb weiterentwickelt haben – und sich im Job immer noch wohlfühlen. aktiv hat mit einigen von ihnen gesprochen.

Fakten & Hintergründe

Branchenübergreifend arbeiten gut vier von zehn Beschäftigten (42 Prozent) schon seit mindestens zehn Jahren bei ihrem aktuellen Arbeitgeber. Das zeigt eine Auswertung des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2024. Beschäftigte, die sich dem Betrieb verbunden fühlen, sind oft motivierter und produktiver – und das zahlt sich letztlich für beide Seiten aus.

Was im Arbeitsleben zählt

Eine Umfrage unter 500 Beschäftigten aus allen Altersgruppen ergab:

  • 29 Prozent meinen, ein gutes Gehalt ist beim Job am wichtigsten.
  • 62 Prozent wünschen sich eine spannende oder sinnvolle Tätigkeit.
  • 42 Prozent sagen: Fehlende Wertschätzung wäre ein Kündigungsgrund.

Quelle: Factorial HR-Report 2025

Wenn Wertschätzung bindet

Ich (Sinan Alp, 64, Bild oben) bin seit 36 Jahren bei der Wellpappenfabrik Biebesheim. Ich arbeite hier mit großer Freude, weil meine Arbeit wertgeschätzt wird und wir ein wirklich gutes Arbeitsklima haben. Die Familie Kunert, der die Firma gehört, ist sehr arbeitnehmerfreundlich.

Wir stellen hier Verpackungen aus Wellpappe her. Das Herzstück der Produktion ist also unsere gut 150 Meter lange Wellpappenanlage, die aus vielen fein aufeinander abgestimmten Maschinen besteht. Die läuft fünf Tage die Woche im Zweischichtbetrieb. Ich bin schon seit vielen Jahren der Hauptmaschinenführer. Ich bin in der Türkei geboren und aufgewachsen und kam dann mit 17 wegen der Arbeit nach Deutschland. In meinem ersten Job hat es mir nicht so gut gefallen. Bekannte schwärmten dagegen von der Wellpappenfabrik. Also bewarb ich mich hier. Später bekamen auch meine Frau und mein Bruder hier eine Stelle. Nach zwei Jahren im Betrieb kam ich an die Wellpappenanlage und es macht mir bis heute großen Spaß, diese Riesenanlage zu steuern.

In die Anlage wird auch kontinuierlich investiert, damit sie immer auf dem neuesten Stand ist. Als wir eine neue Wellenmaschine bekamen, durfte ich mit fünf Kollegen für eine Woche nach Italien fliegen, um dort die Bedienung der Maschine zu lernen – das war ein tolles Erlebnis. Was ich jungen Kollegen raten kann: Offen für Neues sein, sein Bestes geben, weiterlernen und zuverlässig sein. Dann kann eigentlich nichts schiefgehen.

Karriere durch Weiterbildung

Die STI Group habe ich schon früh durch ein Schülerpraktikum kennengelernt. Von Anfang an faszinierte mich das Thema Verpackung, weil so unglaublich viel dahintersteckt. Und mich begeisterten die modernen Druckmaschinen. Deshalb habe ich am Stammsitz der STI Group in Lauterbach eine Ausbildung zum Offsetdrucker gemacht, in der Fachrichtung Flachdruck. Nach dem Abschluss wurde ich dann 2007 als Facharbeiter übernommen. Wer engagiert ist und sich weiterbilden möchte, bekommt bei uns jede Unterstützung. Das funktionierte auch für mich, ich konnte über interne Kurse und ein Jahr Freistellung 2014 meinen Industriemeister Printmedien machen.

Die Geschäftsleitung motivierte mich, dranzubleiben. So wurde ich dann Lean Manager, Leiter Weiterverarbeitung, stellvertretender Produktionsleiter und 2019 schließlich Standortleiter. Diese Entwicklung hätte ich mir früher nie vorstellen können. Ich habe einen tollen Job in meiner Heimatregion, Verpackungen faszinieren mich heute mehr denn je und die Kundenkontakte, die täglichen Herausforderungen und der Umgang mit neuen Technologien machen mir Freude. Was will ich mehr? Mein Rat an andere: Sich selbst mal was zutrauen, mal was ausprobieren, ehrgeizig sein – und Grenzen ruhig mal ausreizen.

Gutes Arbeitsklima als Schlüssel zur langen Betriebszugehörigkeit

Dass ich 1983 bei Schaffrath angefangen habe, war eine ganz praktische Entscheidung. Ich bin gelernte Hauswirtschafterin, da verdiente man nicht besonders gut. Daher habe ich als Hilfskraft im Versand angefangen. Dass daraus mehr als 40 Jahre werden würden, hätte ich nicht gedacht. Wobei ich mich hier von Anfang an wohlgefühlt habe: Die Arbeit hat mir gefallen und ich wurde im Team gut aufgenommen.

Natürlich hat sich vieles verändert. Vor allem die Technik hat riesige Fortschritte gemacht. Die Maschinen sind größer und leistungsfähiger geworden. Gleichzeitig ist der Kern unserer Arbeit gleichgeblieben: Wir verpacken, adressieren und versenden Magazine. Es ist schön, zu sehen, wie sich ein Unternehmen weiterentwickelt, wenn man selbst ein Teil davon ist.

Was mich motiviert, ist die Mischung aus den Kollegen im Team und der Abwechslung bei der Arbeit. Kein Auftrag ist wie der andere – wir wechseln regelmäßig die Aufgaben. Meine Erfahrung gebe ich gern weiter, wenn jemand Fragen hat oder Hilfe braucht. Es tut gut, sagen zu können: Das habe ich über viele Jahre gelernt und kann es an andere weitergeben.

Rückkehr aus Überzeugung

2002 bei Yamaton anzufangen – das war eine Entscheidung für meine Familie. Als Betriebsschlosser auf Montage wollte ich wieder in meiner Heimatstadt leben und arbeiten. Rückblickend war das eine der wichtigsten Entscheidungen meines Berufslebens. Von Anfang an hatte ich hier die Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln. Mich hat immer interessiert, wie Maschinen funktionieren und wie die Produktion zusammenspielt. Schritt für Schritt habe ich mir im Arbeitsalltag neues Wissen angeeignet und gelernt, die Anlagen zu bedienen. Immer mehr Verantwortung kam hinzu, ich wurde Schichtleiter.

Aus finanziellen Gründen habe ich Yamaton dann verlassen – aber nur für zwei Jahre: Als ich gefragt wurde, ob ich zurückkehren möchte, hat mich das überrascht und gefreut. Es war zunächst ungewohnt, wieder Anweisungen zu bekommen. Nach etwa einem halben Jahr konnte ich wieder als Schichtleiter tätig sein. Das hat mir gezeigt, wie sehr meine Arbeit geschätzt wird. Heute kümmere ich mich um die Organisation der Produktion und die Einsatzplanung, das ist spannend und macht Spaß. Dass wir 2018 den Umzug an den neuen Standort so gut gemeistert haben, macht mich immer noch stolz. Was ich jüngeren Kollegen mitgeben möchte? Nutzt eure Chancen, bildet euch weiter, springt auch mal ins kalte Wasser! Wer engagiert bleibt und mitdenkt, hat die besten Möglichkeiten, seinen Weg zu machen.

Die papierverarbeitende Branche im Fokus

In den ersten drei Monaten des Jahres 2026 waren knapp 77.000 Menschen in 437 Betrieben der papierverarbeitenden Industrie beschäftigt. Sie erwirtschafteten in dem Zeitraum laut Zahlen des Hauptverbands Papier- und Kunststoffverarbeitung (HPV) rund 5,5 Milliarden Euro Umsatz – das sind knapp 4 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Der mit Abstand größte Bereich ist die Produktion von Verpackungen wie Kartons, Wellpappeboxen oder Faltschachteln, mit denen Produkte transportiert, geschützt oder im Online-Handel versendet werden. Auf solche Anwendungen entfallen 62 Prozent der gesamten Produktion.

Anja van Marwick-Ebner

aktiv-Redakteurin

Anja van Marwick-Ebner ist die aktiv-Expertin für die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie. Sie berichtet vor allem aus deren Betrieben sowie über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach der Ausbildung zur Steuerfachgehilfin studierte sie VWL und volontierte unter anderem bei der „Deutschen Handwerks Zeitung“. Den Weg von ihrem Wohnort Leverkusen zur aktiv-Redaktion in Köln reitet sie am liebsten auf ihrem Steckenpferd: einem E-Bike.

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Maja Becker-Mohr

Autorin

Maja Becker-Mohr ist für aktiv in den Unternehmen der hessischen Metall-, Elektro- und IT-Industrie sowie der papier- und kunststoffverarbeitenden Industrie unterwegs. Die Diplom-Meteorologin entdeckte ihr Herz für Wirtschaftsthemen als Redakteurin bei den VDI-Nachrichten in Düsseldorf, was sich bei ihr als Kommunikationschefin beim Arbeitgeberverband Hessenchemie noch vertiefte. In der Freizeit streift sie am liebsten durch Wald, Feld und Flur.

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