Das Wichtigste auf einen Blick:
- Die deutsche Metall- und Elektro-Industrie hat nicht nur mit einer schwachen Konjunktur und geopolitischen Herausforderungen zu kämpfen, sondern steckt in einer tiefen strukturellen Krise.
- Die Auftragslage und die Auslastung der Kapazitäten ist schlecht. Mit der Produktion ging es die vergangenen zwei Jahre bergab. Erstmals seit 2015 sind wieder weniger als 3,8 Millionen Menschen beschäftigt.
- Der Industriestandort Deutschland ist teuer, unter anderem die Arbeitskosten sind kaum noch wettbewerbsfähig. Die Unternehmen verdienen nicht genug Geld, Investitionen bleiben aus.
Klar: Im Rüstungsbereich gibt es derzeit laufend neue Aufträge. Aber das genügt längst nicht, um Einbrüche vor allem im Automobil- und Maschinenbau auszugleichen. Der Metall- und Elektro-Industrie insgesamt geht es ziemlich schlecht. Und das leider seit Jahren.
Die Produktion liegt deutlich unter dem Niveau vor der Corona-Krise, wie Zahlen des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall zeigen. Die Beschäftigung geht seit fast zwei Jahren laufend zurück: Weniger als 3,8 Millionen Menschen arbeiten aktuell in den M+E-Betrieben, so wenige waren es zuletzt 2015.
Industrieproduktion am Standort Deutschland ist sehr teuer
Was dabei wichtig ist: Diese Krise ist nicht etwa ein konjunkturelles Tief, sie ist eine strukturelle Krise. Der Standort D ist im internationalen Vergleich zu teuer – und zu bürokratisch. Übrigens: Die nach dem US-Angriff auf den Iran stark gestiegenen Energiepreise dürften die Lage vieler Betriebe verschlechtern. Diese Entwicklung ist in den Statistiken noch nicht enthalten.
Damit Industrie Zukunft hat – neue Info-Kampagne der Metall- und Elektro-Arbeitgeber
Deutschlands Metall- und Elektro-Industrie erlebt gerade eine Krise nach der anderen. Zu allen akuten Problemen wie Kriegen und Wirtschaftsschwäche kommen die langfristigen Sorgen der Unternehmen am Standort Deutschland. Vor allem sind da die hohen Kosten: für Arbeit, für Energie, für Bürokratie. All das macht die Entwicklung der Industrie im Land zunehmend unsicher.
Das ist der Hintergrund für die neue Kampagne „Damit Industrie Zukunft hat“ der M+E-Arbeitgeber. In den kommenden Monaten werden Verbände und Unternehmen unter diesem Motto die Gründe der schwierigen wirtschaftlichen Lage genauso benennen wie mögliche Auswege aus der Krise. In Social-Media-Kanälen sowie auf der zentralen Website damit-industrie-zukunft-hat.de finden die Beschäftigten aus Deutschlands wichtigstem Industriezweig sowie alle anderen Interessierten Zahlen und Argumente dazu, wie die Krisen die Branche und den Arbeitsalltag in den Unternehmen betreffen. Diese Infos machen klar: Damit Industrie Zukunft hat, braucht es eine gemeinsame Kraftanstrengung von Unternehmen und Mitarbeitern.
Hier ein Überblick über verschiedene Kennzahlen, die oft eng zusammenhängen oder sich gegenseitig beeinflussen:
Beschäftigung
Seit fast zwei Jahren verliert die M+E-Industrie kontinuierlich Arbeitsplätze – Monat für Monat. Im Dezember 2025 waren erstmals seit dem Jahr 2015 wieder weniger als 3,8 Millionen Menschen im Rückgrat der deutschen Industrie beschäftigt. Im Vergleich zum Dezember 2024 bedeutet das einen Wegfall von rund 100.000 Jobs binnen Jahresfrist. Der Verlust an Arbeitsplätzen seit 2019 summiert sich auf fast 280.000.
Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Angesichts nur schlecht ausgelasteter Produktionskapazitäten in den Unternehmen ist der Druck auf die Arbeitsplätze weiterhin sehr hoch. Es wollen mehr Unternehmen Personal abbauen als aufbauen: Das gilt mittlerweile schon seit über zweieinhalb Jahren (es ist die längste Negativphase seit mehr als zwei Jahrzehnten).
„Die Beschäftigung in der Metall- und Elektro-Industrie sinkt seit fast zwei Jahren ununterbrochen. Das zeigt, in welch struktureller Krise sich der Standort Deutschland befindet“
Lars Kroemer, Chefvolkswirt beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall
Im Februar planten laut Umfrage des Ifo-Instituts 28 Prozent der M+E-Firmen, Stellen zu streichen, und nur 9 Prozent, neue Jobs zu schaffen.
Die Zahl der arbeitslosen Menschen in den typischen M+E-Berufen lag im Februar schon bei rund 180.000, ein Zuwachs von 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Und zugleich der schlechteste Wert seit 2021 – damals waren wir mitten in der Corona-Krise.

Produktion
Die Produktion ist von Oktober bis Dezember 2025 leicht gestiegen. Allerdings war dies das erste Plus nach zehn Rezessionsquartalen in Folge! Der Output liegt aktuell 13 Prozent unter dem Vergleichswert von 2018 – selbst der Corona-Einbruch 2020 ist noch nicht ausgeglichen.
Die Auslastung der Kapazitäten bleibt schlecht: Zu Jahresbeginn betrug sie 78 Prozent. Dieser Wert liegt deutlich unter dem langjährigen Mittel von 85 Prozent.
Mit dem Rückgang der Produktion sinkt auch die Bedeutung auf dem Weltmarkt. Der Anteil der deutschen M+E-Industrie an den globalen M+E-Exporten ging von 10,3 Prozent (2015) auf 8,8 Prozent (2024) zurück.

Auftragseingang
Um den Auftragsbestand in der deutschen M+E-Industrie steht es weiter überwiegend schlecht. Zwar stieg er im vierten Quartal 2025 im Vergleich zu den drei Vormonaten um 10,9 Prozent. Das lag allerdings vor allem an Großaufträgen für die Verteidigungsindustrie zum Jahresende. Rechnet man diese heraus, lag das Plus nur bei 2,4 Prozent.
Diese leicht positive Entwicklung auf einem sehr niedrigen Niveau setzte sich auch zu Jahresbeginn fort. Unternehmen, die im Februar vom Münchner Ifo-Institut befragt wurden, beurteilten ihre Auftragsbestände nicht mehr ganz so schlecht wie noch in den Vormonaten. Allerdings: Mit einem Saldo der positiven und negativen Bewertungen von minus 31 lag ihre Einschätzung weiterhin tief im negativen Bereich.
Auch aus diesem Grund ist die Stimmung insgesamt in den Unternehmen derzeit ziemlich mau. Das ebenfalls vom Ifo-Institut erhobene M+E-Geschäftsklima lag im Februar bei einem Wert von minus 10 – sowohl die aktuelle Lage wie auch die Erwartungen waren deutlich negativ. „Damit befinden sich die zentralen Stimmungsindikatoren unverändert im Rezessionsbereich“, stellt der Arbeitgeberverband Gesamtmetall fest.
Lohnstückkosten
Die Arbeitskosten unserer Industrie sind im internationalen Vergleich sehr hoch. Bei M+E sind es im Schnitt 53,76 Euro je Stunde (dabei geht es natürlich nicht nur um den Bruttolohn – mehr dazu unter: aktiv-online.de/arbeitskosten).
Höhere Arbeitskosten können durch bessere Arbeitsproduktivität ausgeglichen werden. Aus beiden Faktoren errechnen sich die für Standort-Vergleiche wichtigen Lohnstückkosten. Aber auch da schneidet Deutschland nicht gut ab: Rang 19 unter 26 Staaten, für die solide Daten vorliegen (China ist nicht darunter). Und seit diesem Vergleich für das Jahr 2021 haben sich die Lohnstückkosten der deutschen M+E-Industrie spürbar verteuert.
Ein wesentlicher Treiber der Arbeits- und damit der Lohnstückkosten sind die Sozialabgaben: Politische Reformen sind da also dringend nötig.
Ertragslage
Fast die Hälfte der M+E-Unternehmen verdient nicht genug, um die Zukunft zu sichern: Ein Viertel der Firmen hat im Herbst als Jahresergebnis für 2025 einen Verlust erwartet, ein weiteres Fünftel der Firmen eine Rendite von weniger als 2 Prozent.
Diesen Betrieben bleibt zu wenig Geld für Investitionen in der Kasse. 43 Prozent der M+E-Firmen bewerten denn auch selbst ihre Ertragslage als „schlecht“. Alle diese Zahlen basieren auf Ifo-Umfragen.
Zur Branche insgesamt stellt Gesamtmetall im M+E-Gewinnreport fest: „Die Gewinne liegen deutlich unter dem langjährigen Mittel.“ Nach einem kurzen Zwischenhoch 2023 sei die Rendite 2024 und 2025 wieder stark zurückgegangen.

Thomas Hofinger schreibt über Wirtschafts-, Sozial- und Tarifpolitik – und betreut die Ratgeber rund ums Geld. Nach einer Banklehre sowie dem Studium der VWL und der Geschichte machte er sein Volontariat bei einer großen Tageszeitung. Es folgten einige Berufsjahre als Redakteur und eine lange Elternzeit. 2006 heuerte Hofinger bei Deutschlands größter Wirtschaftszeitung aktiv an. In seiner Freizeit spielt er Schach und liest, gerne auch Comics.
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Michael Stark schreibt aus der Münchner aktiv-Redaktion vor allem über Betriebe und Themen der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie. Darüber hinaus beschäftigt sich der Volkswirt immer wieder mit wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen. Das journalistische Handwerk lernte der gebürtige Hesse als Volontär bei der Mediengruppe Münchner Merkur/tz. An Wochenenden trifft man den Wahl-Landshuter regelmäßig im Eisstadion.
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