Das Wichtigste auf einen Blick:
- Das Projekt „sprungbrett Azubi-Mentoring“ unterstützt Azubis mit Flucht- und Zuwanderungshintergrund in Bayern. Erfahrene Auszubildende begleiten ihre neuen Kolleginnen und Kollegen beim Einstieg in den Betrieb.
- Beispiel-Tandem Tabea & Roland bei ZF Passau: Die Zerspanungsmechanikerin betreut den Azubi aus der Ukraine, der eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer begonnen hat.
- Das Projekt ist bundesweit prämiert, bietet kostenlose Teilnahme und stellt Betrieben Schulungsmaterial zur Verfügung.
Da überlegt Tabea Victorino nicht lange. „Natürlich sag ich Ja! Weil ich gerne Menschen helfe.“ Die 19-Jährige ist Mentorin im Projekt „sprungbrett Azubi-Mentoring“. Es unterstützt Auszubildende mit Flucht- und Zuwanderungshintergrund im Betrieb.
Das Projekt wird von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) und Bayerns Wirtschaftsministerium gefördert, gerade hat es einen bundesweiten Preis für gute Ideen zur Integration am Arbeitsmarkt gewonnen.
Ein Job, der viel Verantwortung bringt
16 Unternehmen in Bayern beteiligen sich am Projekt. So auch ZF in Passau, wo Tabea zur Zerspanungsmechanikerin ausgebildet wird. ZF fertigt dort unter anderem Achsen und Getriebe für Bau- und Landmaschinen. Tabea ist im dritten Lehrjahr, kennt sich am Standort aus. Im Sommer ist schon Abschlussprüfung. Doch zuvor hat sie freiwillig einen Zusatzjob übernommen, der einiges an Verantwortung bringt.
Im Rahmen des AzubiMentoring kümmert sie sich um Roland Stallinger, ihren Tandem-Partner im Projekt. Roland, blond, schlank, Brille, 17 Jahre, stammt aus der Ukraine. Er hat in Deutschland den „Quali“ (Qualifizierenden Mittelschulabschluss) gemacht und im Herbst eine zweijährige Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer bei ZF begonnen.
Klar, dass da erst mal alles neu war und ziemlich ungewohnt. Nicht nur die Kollegen im Ausbildungszentrum im Werk 1, auch die Fachsprache und die Regeln am Arbeitsplatz.
„Wir haben das Duo bewusst ausgewählt“, sagt Roland Biebl, der Ausbildungsleiter für rund 230 Azubis und dual Studierende an dem Standort. „Bei der Einführungswoche haben wir gesehen, dass unser Azubi aus der Ukraine etwas Unterstützung gebrauchen könnte.“ Biebl suchte eine passende Betreuerin: Tabea – engagiert und kommunikativ.
„Am Anfang war ich schon nervös. Ich habe mich gefragt, ob das mit der Ausbildung alles klappt“, erzählt Azubi Roland und blickt kurz zur Seite zu Tabea, dunkler Lockenkopf, Schutzbrille und – wie Roland – blauer Pulli mit Logo von ZF. „Den Einstieg habe ich mir viel schwieriger vorgestellt“, sagt er. „Aber“ – kleine Pause, er grinst – „hat geklappt. Probezeit ist schon vorbei!“
Manches erklärt sie auf Englisch
Sprache ist meist die größte Hürde in der Ausbildung von Menschen, die nach Deutschland geflüchtet oder zugewandert sind. Das Mentoringprogramm unterstützt da bei der Integration im Betrieb. Dazu bildet man Duos mit erfahrenen Auszubildenden derselben Altersgruppe – für ein Mentoring auf Augenhöhe.
Kennenlernen, Konflikte lösen, auch mal kritisieren – ohne den anderen zu verletzen. Das ist Stoff der fünf Schulungs-Vormittage, die auf die Aufgabe vorbereiten. Sie zeigen, wie man auf andere ohne Vorurteile zugeht und kulturelle und sprachliche Barrieren abbaut.
„Es ist nicht schwach, sondern stark, wenn sich jemand Hilfe holt“
Tabea Victorino, Auszubildende ZF
„Wenn Roland zum Beispiel etwas nicht verstanden hat, habe ich versucht, es anders oder einfacher zu erklären“, sagt Tabea. Sie hat im Projekt gelernt, dass sie Geduld haben und etwas Nachdenken muss, wie sie Dinge formuliert.
Manches erklärt sie auf Englisch. Allerdings hilft das Ausweichen auf eine andere Sprache nur bedingt. Denn die deutschen Fachbegriffe muss der Azubi trotzdem lernen, die Berufsschule prüft schließlich auf Deutsch. Und Worte wie „Gewindegrenzlehrdorn“ (ein Prüfwerkzeug für Innengewinde) oder „Innenmessschraube“ kommen keinem zu Beginn leicht über die Lippen. Schon gar nicht, wenn Deutsch nicht die Muttersprache ist.
Das ist „sprungbrett Azubi-Mentoring“
Das Projekt hilft Unternehmen beim Aufbau eines Mentoringprogramms, um Auszubildenden mit Flucht- und Zuwanderungshintergrund den Einstieg in die Ausbildung zu erleichtern und sie auf dem Weg zum erfolgreichen Abschluss zu begleiten. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) und das Bayerische Wirtschaftsministerium unterstützen das Projekt als Hauptförderer. Unternehmen und Auszubildende können kostenlos teilnehmen. Erfahrene Azubis ab dem zweiten Lehrjahr werden dabei zu Mentorinnen und Mentoren ausgebildet und lernen, wie sie helfen, sprachliche und kulturelle Hürden zu überwinden. Das Projekt gehört zu den Gewinnern des Wettbewerbs „Zusammen wachsen: Gute Ideen für Integration am Arbeitsmarkt 2025“. Er wird von „Deutschland – Land der Ideen“, der Bertelsmann-Stiftung, dem Bundesverband der Deutschen Industrie und der Stiftung Mercator veranstaltet. Auf Basis der bisherigen Erfahrungen wurde ein Schulungsset für zukünftige Mentoren entwickelt. Es enthält sofort einsetzbare Anleitungen inklusive Videos bereit, mit denen Betriebe in Bayern das Projekt eigenständig bei sich im Unternehmen umsetzen können.
Die Werkzeugausgabe ist Rolands liebster Einsatzort. Dort gab es Anschauungsunterricht, es wird dokumentiert, welche Werkzeuge ausgegeben werden. Täglich reichte er Senker, NC-Bohrer und besagten Gewindegrenzlehrdorn durchs Schiebefenster. „Zum Glück war ich nicht allein. Ich konnte meine Kollegen fragen – und natürlich Tabea.“ Die nahm den Auftrag ernst. „Immer wenn ich im Ausbildungszentrum war, habe ich nach ihm geschaut und gefragt, wie’s ihm geht“, so Tabea. Sie ist aktuell im Werk 1 in Grubweg eingesetzt. Dort werden Zahnräder für Baumaschinen geschliffen. „Verzahnungsschleifen ist eine Kerntechnik, die wir hier am Standort haben“, erklärt Ausbildungsleiter Biebl.
Reiselustige Fußballtrainerin
Anstrengend? „Nö“, sagt Tabea, „mir gefällt ’s.“ Im Projekt hat sie gelernt, Grenzen zu setzen: „Manchmal musste ich sagen: Du, grad geht’s halt nicht.“ Doch für eins ist neben Mentoring und Azubi-Sein immer Platz – Fußball! Tabea spielt Mittelfeld, ist Jugendtrainerin beim 1. FC Passau.
Internationalität gehört für sie nicht erst dazu, seit sie ein Tandem mit Roland aus der Ukraine bildet. Sie ist zwar in Deutschland aufgewachsen, doch ihr Vater ist aus Mosambik, ihre Mutter Halbrumänin. Kürzlich reiste Tabea ganz allein nach Tokio, sie spricht Japanisch und „möchte jedes Land der Erde sehen“.
Nachgefragt bei Tabea Victorino
- Dafür stehe ich morgens auf: Damit ich jeden Tag in der Arbeit etwas Neues dazulernen kann.
- Das mag ich an meiner Ausbildung: Ich finde es toll, dass ich eigene Werkstücke herstellen kann und selber nachdenken muss, wie ich die Maschinen programmiere. Ich war auch schon auf vielen Ausbildungsmessen dabei.
- Das ist bei uns echt gut: Die Kolleginnen und Kollegen hier bei ZF sind alle sehr offen, finde ich. Wir gehen freundlich miteinander um und helfen einander.

Friederike Storz berichtet für aktiv aus München über Unternehmen der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie. Die ausgebildete Redakteurin hat nach dem Volontariat Wirtschaftsgeografie studiert und kam vom „Berliner Tagesspiegel“ und „Handelsblatt“ zu aktiv. Sie begeistert sich für Natur und Technik, Nachhaltigkeit sowie gesellschaftspolitische Themen. Privat liebt sie Veggie-Küche und Outdoor-Abenteuer in Bergstiefeln, Kletterschuhen oder auf Tourenski.
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