Sensorlösung für Gleitlager

Maschinenstillstand: Die Technologie von HCP Sense soll diesen Notfall verhindern

Damit Produktionsanlagen stets laufen wie geschmiert, haben drei junge Ingenieure die Firma HCP Sense gegründet. Im Interview erklärt Geschäftsführer Ansgar Thilmann die Technologie dahinter.

Das Wichtigste im Überblick:

  • HCP Sense entwickelt Sensoren, die Kräfte und Schmierungszustände in Gleit- und Wälzlagern im laufenden Betrieb messen.
  • Die Technik nutzt elektrische Eigenschaften des Lagers, um Belastungen und mögliche Schäden früh zu erkennen.
  • Das hessische Jung-Unternehmen hat bereits namhafte Kunden und bislang 20 Stellen geschaffen.

Das Start-up HCP Sense aus Darmstadt verhindert den Stillstand von Maschinen durch Lagerschäden. Wie das funktioniert, erklärt Geschäftsführer Ansgar Thilmann.

Auf Ihrer Website findet man große Namen wie Knorr Bremse oder Bosch Rexroth. Wie kommt man als Start-up an solche Kunden?

Die TU Darmstadt hat in der Industrie einen hervorragenden Ruf und gute Kontakte in Unternehmen. Für beide – die Hochschule und die Firmen – ist es eine Win-win-Situation. Die Unternehmen fördern Forschung und Entwicklung, nutzen die gemeinsam erarbeiteten Ergebnisse und sind so Wettbewerbern voraus. Die Wissenschaft wiederum ist nah an der Praxis, Absolventen finden leichter Jobs und manchmal ergibt sich – wie bei uns – sogar die Chance, ein neues Unternehmen zu gründen. Weil man sieht, dass es für die eigene Entwicklung einen Markt gibt.

Mit was hat HCP Sense die Firmen beeindruckt?

Mit einer intelligenten Sensorlösung für Wälz- und Gleitlager, die die Schmierung überwacht und rechtzeitig meldet, wenn es eben nicht mehr wie geschmiert läuft.

Wie funktioniert das denn genau?

Unsere Technologie misst während des laufenden Betriebs die auf das Lager einwirkenden Kräfte, den Schmierungszustand und bereits winzige Schäden, die sonst niemand mitbekommen würde. Dadurch lassen sich Maschinenstillstände durch Lagerschäden verhindern und Wartungsarbeiten besser planen. Letztlich bekommt man so im laufenden Betrieb einen tiefen Einblick in die Maschine. Weil sich Firmen dafür interessierten, hatten Georg Martin und Tobias Schirra dann die Idee, mit der Entwicklung ein eigenes Unternehmen zu gründen, zumal die TU das sehr fördert.

Wofür steht HCP Sense?

HCP ist die Abkürzung für den physikalischen Begriff Hertzian Contact Pressure, auf Deutsch: Hertzsche Kontaktpressung. Sie beeinflusst, wie stark sich Wälzkörper und Laufbahn in einem Lager abnutzen und wie lange das Lager hält. Die Schmierung, also Fett oder Öl, sorgen dafür, dass die beiden Oberflächen trotz dieser enormen Belastung möglichst nicht direkt aufeinander reiben. Und unsere Sensoren erfassen all das – englisch „sense“.

Wann kamen Sie ins Spiel?

Georg und ich haben uns im Studium kennengelernt und wurden schnell Freunde. Zeitweise lebten wir sogar in einer WG. Tobi und Georg lernten sich erst während der Promotion kennen. Und während Tobi und Georg promovierten, sammelte ich Berufserfahrung. Wir hielten immer engen Kontakt. So bekam ich mit, dass sie eine Firma gründen wollten. Als die Idee konkreter wurde, fragten sie mich, ob ich mitmachen möchte. Mit der Gründung startete ich ein zweites Studium und machte dann berufsbegleitend in Ludwigshafen den MBA-Abschluss in Unternehmensführung.

Sie waren von Anfang an gleichberechtigte Geschäftsführer. Wer übernimmt welche Aufgaben?

Georg ist für F+E verantwortlich, Tobi für das Projekt- und Produktmanagement und ich für den kaufmännischen Bereich inklusive Akquise. Gerade der Neukundenbereich macht mir großen Spaß.

Reisen Sie viel, um Kunden zu gewinnen?

Ja, sehr viel, auch über die deutsche Grenze hinaus. Kundenakquise klappt am besten durch ein persönliches Gespräch. Wir werden empfohlen, finden unsere Kunden aber zunehmend über Messen oder auch Veranstaltungen wie STARTUPS X HESSENMETALL, die der Arbeitgeberverband für seine Mitgliedsunternehmen anbietet. Bei vielen klassischen M+E-Unternehmen ist mehr Effizienz in der Produktion ein ständiges Thema. Wie wir da helfen können, ergibt sich meist schon bei einem ersten Kontakt, wenn man über konkrete Probleme mit Maschinen spricht. So kamen wir zum Beispiel zu Johannes Hübner, einem Spezialisten für Gebertechnik, oder zum Ventilatoren-Hersteller TROX X-Fans.

Fakten & Hintergründe

Wie viel Mut braucht so eine Gründung?

Mutig war es sicher und wohl auch ein bisschen verrückt. Aber wir waren überzeugt, dass man mit einer guten Idee und guter Arbeit auch gutes Geld verdienen kann. Natürlich braucht man einen langen Atem, aber wir haben alle drei unser Auskommen und knapp 20 Stellen geschaffen. Im Team sind fünf Promovierte, drei Maschinenbauer mit Schwerpunkt Lager und natürlich Informatiker – ohne die geht heute gar nichts mehr.

Warum haben Sie eigentlich Maschinenbau studiert?

Mein Onkel hat einen Bauernhof. Dort haben mich schon als Kind die Traktoren und anderen Maschinen interessiert. Diese Faszination habe ich mir erhalten und ich liebe es, auf Messen wie die Agritechnica zu gehen. Dann freue ich mich, dass mein Hobby zu meinem Beruf gehört.

Wie sehen Sie die Zukunft von HCP Sense?

Weiter vorwärts und bergauf, durchaus auch steil angesichts der aktuellen Wirtschaftslage. Aber mittelfristig haben wir schon die Vision, einmal ein gutes mittelständisches Unternehmen in Hessen zu sein.

Zur Person

  • Ansgar Thilmann, geboren 1990 in Bad Kreuznach.
  • Ausbildung: Maschinenbaustudium mit Master-Abschluss an der TU Darmstadt.
  • Weiterbildung: MBA Unternehmensführung an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen, berufsbegleitend.
  • 2019 bis 2021: Unternehmensberater bei Wieselhuber & Partner in München.
  • 2021: Gründer und Geschäftsführer von HCP Sense gemeinsam mit den Ingenieuren Georg Martin und Tobias Schirra.

Das Lager: Kleines Bauteil, große Wirkung

Lager ermöglichen, dass sich Wellen und andere Bauteile möglichst reibungsarm drehen. In einem Wälzlager rollen Kugeln oder Rollen zwischen zwei Ringen ab. Dabei wirken hohe Kräfte auf sehr kleine Kontaktflächen. Damit diese nicht direkt aufeinanderreiben, werden die Lager geschmiert: Fett oder Öl bilden einen Schmierfilm, verringern Reibung und Verschleiß und helfen dabei, Wärme abzuleiten. Nimmt die Schmierwirkung ab, steigt die Belastung: Es können winzige Schäden entstehen, die oft zunächst unbemerkt bleiben. Auch Schmutz, Wasser und Metallpartikel können Schäden verursachen.Entwickeln sie sich weiter, drohen ungeplante Wartungen oder gar ein Maschinenstillstand.

Maja Becker-Mohr

Autorin

Maja Becker-Mohr ist für aktiv in den Unternehmen der hessischen Metall-, Elektro- und IT-Industrie sowie der papier- und kunststoffverarbeitenden Industrie unterwegs. Die Diplom-Meteorologin entdeckte ihr Herz für Wirtschaftsthemen als Redakteurin bei den VDI-Nachrichten in Düsseldorf, was sich bei ihr als Kommunikationschefin beim Arbeitgeberverband Hessenchemie noch vertiefte. In der Freizeit streift sie am liebsten durch Wald, Feld und Flur.

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