Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Warum Liebe oft im Job entsteht: Viel gemeinsame Zeit, Einblicke in Arbeitsweisen, Beziehungen wachsen hier langsamer und realistischer als über Dating-Apps.
  • Risiken nicht unterschätzen: Problematisch wird es bei Machtgefällen oder fehlender Trennung von Beruf und Privatleben. Bei Streit kann auch der Job leiden.
  • Expertenrat: Gefühle lassen sich nicht verbieten, aber Professionalität einfordern: Dazu gehört Zurückhaltung im Arbeitsalltag – und die Frage, wie es nach einer Trennung weitergeht.

Jeder Dritte über 30 findet die Liebe im Job. Das sagt der Berliner Psychologe und Paartherapeut Wolfgang Krüger. aktiv hat ihn gefragt, warum Beziehungen so oft am Arbeitsplatz entstehen – und was dabei zu beachten ist. Krügers Botschaft: Gefühle lassen sich nicht verbieten, aber ohne klare Grenzen wird’s kompliziert …

Herr Krüger, viele Beziehungen entstehen am Arbeitsplatz. Warum eigentlich?

Weil wir dort sehr viel Zeit verbringen – und uns dabei auf eine besondere Weise kennenlernen. Man erlebt, wie jemand arbeitet, kommuniziert, mit Stress umgeht. Zudem verlieben wir uns meist in Menschen, die wir häufig sehen. Das ist oft ehrlicher als ein Kennenlernen über Apps.

Dating-Apps gibt’s aber dennoch wie Sand am Meer.

Stimmt. Aber das Kennenlernen per App ist unendlich anstrengend.

Das müssen Sie erklären …

Im Prinzip wird online das Pferd ja von hinten aufgezäumt: Man verliebt sich und erst danach lernt man sich kennen. Also, ich finde das anstrengend!

„Wir verlieben wir uns meist in Menschen, die wir häufig sehen. Das ist oft ehrlicher als ein Kennenlernen über Apps.“ Wolfgang Krüger, Psychologe und Paartherapeut

Demnach ist der Arbeitsplatz der bessere Ort für die Partnersuche?

Zumindest ein realistischerer. Man entwickelt Gefühle langsamer, auf Basis gemeinsamer Erfahrungen. Das kann stabiler sein als ein sehr schneller, emotionaler Einstieg, wie er online oft passiert.

Trotzdem gibt es den Spruch: „Finger weg von Kollegen.“ Zu Recht?

Das hat einen wahren Kern. Arbeit und Privatleben zu trennen, schützt uns. Wenn beides zu stark verschwimmt, kann das bei Konflikten schnell problematisch werden – dann steht nicht nur die Beziehung, sondern auch der Job auf dem Spiel.

Wann wird es kritisch?

Vor allem bei Machtgefällen zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitenden. Da entstehen schnell Abhängigkeiten und Spannungen im Team. Auch in sensiblen Bereichen wie im Controlling oder in der Forschung können Beziehungen schwierig sein.

Wann ist eine Liaison im Betrieb denn so gar kein Problem?

Es kommt darauf an, wie eng die Zusammenarbeit ist. Wenn man dem Partner im Büro gegenübersitzt, wird es schwierig mit dem gewissen Abstand, den man in einer Beziehung einfach braucht. Wenn der Partner in einer anderen Abteilung arbeitet, ist es in der Regel leichter.

Viele Firmen haben Regeln für Beziehungen im Betrieb. Ist das sinnvoll?

Ja, besonders bei Hierarchie-Unterschieden. Transparenz ist wichtig, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Aber man sollte nicht vergessen: Beziehungen lassen sich nicht verbieten.

Andere fördern sogar Nähe im Team. Kann das funktionieren?

Ja, wenn die Kultur stimmt. In Unternehmen, in denen Arbeit und Freizeit stärker miteinander verschmelzen, entstehen Beziehungen fast zwangsläufig. Das kann das Klima verbessern – birgt aber auch Risiken, wenn Grenzen fehlen.

Was sollten Paare beachten, die sich im Beruf kennenlernen?

Ganz wichtig: Am Arbeitsplatz sollte man professionell bleiben. Also keine öffentlichen Zärtlichkeiten, keine Vermischung von Rollen. Und man sollte sich früh fragen: Was passiert, falls wir uns trennen – könnten wir dann noch zusammenarbeiten?

Gibt es so etwas wie einen richtigen Zeitpunkt, um die Beziehung öffentlich zu machen?

Man sollte erst abwarten, ob die Beziehung stabil ist. Als Faustregel gilt: Nach etwa drei Monaten kann man offener damit umgehen.

Und was ist mit Konkurrenz am Arbeitsplatz?

Das ist ein unterschätztes Problem. Wenn einer befördert wird und der andere nicht, kann Neid entstehen. Paare müssen lernen, damit umzugehen, sonst belastet das die Beziehung.

Ihr wichtigster Rat in einem Satz?

Liebe am Arbeitsplatz ist möglich – allerdings nur, wenn beide dazu bereit sind, klare Grenzen zu ziehen und professionell zu bleiben. Es geht immer um den Konflikt von Autonomie und Nähe. Den muss man beherrschen.

Gutes Miteinander bei der Arbeit

Laut einer Studie von Randstad ist eine angenehme Arbeitsatmosphäre ein wichtiger Faktor für die Wahl des Arbeitgebers. Neben Arbeitsplatzsicherheit (68 Prozent), attraktivem Gehalt und Sozialleistungen (67 Prozent) legen rund zwei Drittel der Beschäftigten großen Wert auf gute Stimmung am Arbeitsplatz. Für die repräsentative Studie wurden rund 4.000 Arbeitnehmer und Arbeitsuchende zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland befragt. 38 Prozent der Beschäftigten empfinden es jedoch als wichtig, Arbeit und Privatleben vollständig voneinander zu trennen. Menschen unter 30 ist dies laut der Studie mit 45 Prozent sogar noch etwas wichtiger als älteren Mitarbeitenden (34 Prozent).

Friederike Storz
aktiv-Redakteurin

Friederike Storz berichtet für aktiv aus München über Unternehmen der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie. Die ausgebildete Redakteurin hat nach dem Volontariat Wirtschaftsgeografie studiert und kam vom „Berliner Tagesspiegel“ und „Handelsblatt“ zu aktiv. Sie begeistert sich für Natur und Technik, Nachhaltigkeit sowie gesellschaftspolitische Themen. Privat liebt sie Veggie-Küche und Outdoor-Abenteuer in Bergstiefeln, Kletterschuhen oder auf Tourenski.

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