Das Wichtigste auf einen Blick:
- Besonders für Zukunftsthemen wie Recyclingprozesse und nachhaltige Produkte werden technische Textilien benötigt.
- Deutsche Anbieter sind in diesen Segmenten weltweit führend.
- Die Unternehmen werden in Deutschland durch ein starkes Forschungsnetzwerk unterstützt.
Sie filtern als Vliese Abgase. Sie stabilisieren Bahngleise und Böschungen. Sie dämmen Wohn- oder Autoinnenräume. Sie stecken in E-Autos – und schützen als persönliche Schutzausrüstung (PSA) Leib und Leben von Werktätigen und Feuerwehrleuten: technische Textilien. „Aus unserem Leben sind sie nicht mehr wegzudenken“, betont Michael Pöhlig, der Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands Veredelung, Garne, Gewebe, Technische Textilien IVGT in Frankfurt.
Was die Branche in diesem Segment an Neuheiten zu bieten hat, zeigt sie bald auf der Techtextil. Auf der Fachmesse in Frankfurt am Main kommen vom 21. bis 24. April mehr als 1.500 Aussteller aus 49 Ländern zusammen. Deutsche Unternehmen stellen hier traditionell die größte Ausstellergruppe. „Das ist kein Zufall“, sagt Pöhlig. „Sie haben sich als Nischenanbieter für technische Textilien in den letzten Jahrzehnten einen Namen gemacht, auch international.“
„Deutsche Unternehmen haben sich als Nischenanbieter für technische Textilien in den letzten Jahrzehnten einen Namen gemacht, auch international“
Michael Pöhlig Hauptgeschäftsführer IVGT
Nachhaltigkeit als Wachstumstreiber: Recycling und neue Anwendungen im Fokus
Die Zahlen bestätigen ihre Ausnahmeposition: Zwar kämpfen auch die Hersteller technischer Textilien aufgrund der allgemeinen Konjunkturschwäche mit Umsatzrückgängen. Allerdings erwirtschafteten sie laut aktuellen Zahlen des Branchenverbands textil+mode 2025 knapp 2,5 Milliarden Euro Umsatz – das ist knapp ein Viertel des Gesamtumsatzes (10,07 Milliarden Euro) der deutschen Textil-Industrie.

„Ein Bereich, der derzeit stark im Fokus steht, sind Militärtextilien, getrieben durch die geopolitischen Krisen und die erheblichen Investitionen der öffentlichen Hand“, erklärt Pöhlig. „Aber auch Filtrations- und Medizintextilien sowie Hightech-Performance-Materialien für Anwendungen bei PSA sind umsatzstarke Segmente.“
Hinzu kämen neue Themen wie Recycling und Nachhaltigkeit, die Wachstum versprächen: Technische Textilien ermöglichen etwa leichtere, langlebige Materialien, die weniger Ressourcen verschlingen und wichtig sind für ökologisches Bauen und nachhaltige Mobilität. „Mit Blick auf den Green Deal der EU ist das ein riesiges Zukunftsgeschäft“, sagt Pöhlig.
Anbieter technischer Textilien gehören zu den Top-Innovatoren der deutschen Industrie
Dass die Branche dafür vielfältige Lösungen anbieten kann, liegt auch am hohen Anteil an Innovatoren. Als solche gelten über 60 Prozent der Branchenunternehmen laut einer Auswertung des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Diese Betriebe haben innerhalb eines zurückliegenden Dreijahreszeitraums zumindest eine Produkt- oder Prozessinnovation eingeführt. Ähnliche Werte gibt es nur in Schlüsselindustrien wie der Chemie, der Elektro-Industrie und im Maschinenbau.
„Trotzdem stehen die Unternehmen vor großen Herausforderungen. Das macht viele skeptisch, was die nächsten Monate angeht“, betont der IVGT-Experte. Besonders die hohen Energie- und Arbeitskosten, die Bürokratie und der Preisdruck aus Fernost machten den Firmen zu schaffen.
Hoffnung auf Entlastung – etwa bei den Energiekosten – sieht der Experte mit Blick auf den gerade rasant steigenden Ölpreis kaum. Auch beim vereinbarten Industriestrompreis ist Pöhlig skeptisch: „Die Anforderungen sind zu umfangreich, die bürokratischen Kosten zu hoch. Dafür ist die Entlastung zu niedrig.“
Deutsche Nischenanbieter weltweit führend – auch dank starkem Forschungsnetzwerk
Obwohl die Lage vieler Unternehmen im Wettbewerb nicht rosig ist, bleibt der Branchenkenner im Vorfeld der Techtextil verhalten optimistisch: „Die Chancen stecken auf jeden Fall weiterhin in der Spezialisierung auf Nischen. Damit verteidigen viele deutsche Anbieter auch international ihre Marktführerschaft und heimische Arbeitsplätze.“ Dabei helfe den Unternehmen auch ein exzellentes Forschungsnetzwerk am Standort D. Die Ergebnisse sind auf der Messe in Frankfurt zu sehen.
Technische Textilien: Fast unsichtbar, dennoch unverzichtbar
Technische Textilien sind funktionale Hightech-Materialien, die in Autos, im Bau, der Medizin und im Umweltschutz eingesetzt werden und mehr als die Hälfte der deutschen Textilproduktion ausmachen. Sie stabilisieren Böschungen, filtern Abgase und ermöglichen Airbags oder moderne Schutzkleidung – viele Anwendungen wären ohne sie nicht funktionsfähig. Ihre Bedeutung wächst, weil sie leichtere, langlebige und ressourceneffiziente Lösungen für Klima und Nachhaltigkeitsziele bieten. Durch EU-Green Deal-Vorgaben und Fortschritte im Textilrecycling gelten sie als Schlüssel für klimafreundliche Mobilität, nachhaltiges Bauen und kreislauffähige Produktion.

Anja van Marwick-Ebner ist die aktiv-Expertin für die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie. Sie berichtet vor allem aus deren Betrieben sowie über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach der Ausbildung zur Steuerfachgehilfin studierte sie VWL und volontierte unter anderem bei der „Deutschen Handwerks Zeitung“. Den Weg von ihrem Wohnort Leverkusen zur aktiv-Redaktion in Köln reitet sie am liebsten auf ihrem Steckenpferd: einem E-Bike.
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