Das Wichtigste auf einen Blick:

  • In der Textilbranche gibt es viele Fachkräfte mit Meister- oder Fachschulabschluss.
  • Diese sind oft besonders treu: Laut Daten des Sozio-oekonomischen Panels beim DIW Berlin bleiben sie im Schnitt über 14 Jahre in einem Unternehmen.
  • Ein wichtiger Grund für die Loyalität: ein gutes Betriebsklima.

Sie sind etwas Besonderes, auch in den Betrieben der Textil-Industrie: Die Kolleginnen und Kollegen, die schon recht lange im Unternehmen sind, die sich mit dem Betrieb weiterentwickelt haben – und sich im Job immer noch wohlfühlen.

Dazu einige Fakten: Branchenübergreifend arbeiteten 2024 gut vier von zehn Beschäftigten (42 Prozent) schon seit mindestens zehn Jahren bei ihrem aktuellen Arbeitgeber. Das zeigt eine Auswertung des Statistischen Bundesamts. Die Qualifikation wirkt sich deutlich auf die Dauer der Betriebszugehörigkeit aus: So sind Beschäftigte mit einem Fachschul- oder Meisterabschluss, wie es sie auch in Textilbetrieben häufig gibt, mit im Schnitt über 14 Jahren am längsten in einem Unternehmen.

Treue zum Unternehmen ist für Betriebe viel wert

Beschäftigte, die sich dem Betrieb verbunden fühlen, sind oft motivierter und produktiver. Ebenfalls wichtig für die Firma: Je mehr Mitarbeitende lange dabei sind, desto niedriger sind die Kosten, um neue Kollegen zu gewinnen und sie einzuarbeiten.

Was also motiviert Menschen, lange an Bord zu bleiben? aktiv hat sich eine Studie angeschaut – und Beschäftigte aus Textilbetrieben gefragt.

Tolles Betriebsklima

Thorsten Wagner (55, Bild oben), Produktionsleiter in der Veredlung beim Textilveredler SETEX in Bocholt, sagt: „Ich habe über die Jahre jede Abteilung im Betrieb durchlaufen, das fing als Auszubildender im Rohwarenlager an. Jetzt bin ich für alle Anlagen und Prozesse in der Veredelung verantwortlich. Egal, wohin ich gekommen bin: Auf die Kollegen war und ist immer Verlass. Wir haben hier eine tolle Mannschaft, das hilft mir auch durch stressige Zeiten.

Schließlich bin ich schon seit 38 Jahren bei SETEX und habe die vielen Veränderungen im Betrieb hautnah miterlebt. Die Veredelungsprozesse sind anspruchsvoller geworden, weil Textilien heute mehr Funktionen haben und nachhaltiger sind. Dadurch ist natürlich mehr Abstimmung und Zusammenarbeit nötig, gerade das macht die Arbeit aber auch interessant.

Um mehr Verantwortung übernehmen zu können, habe ich mich 1997 zum Industriemeister Textil weitergebildet. In der Zusammenarbeit mit jüngeren Kollegen setze ich auf meine langjährige Erfahrung. Es tut gut, zu sehen, dass sie gefragt ist. Auf der anderen Seite hält mich der regelmäßige Austausch mit Kollegen für neue Dinge offen. Auch deshalb macht mir die Arbeit nach so vielen Jahren immer noch Spaß.“

Fakten und Hintergründe

Perspektiven auch ohne Ausbildung

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Factorial HR-Report 2025

Nilay Derin (49), Näherei-Gruppenleiterin beim Hersteller textiler Reinigungsprodukte Jemako in Rhede, meint: „Die Arbeit als Näherin hat mir geholfen, mich in der neuen Heimat zurechtzufinden: Als ich 1994 aus Istanbul nach Bocholt kam, konnte ich kein Deutsch und hatte keine Ausbildung. Bei Jemako bekam ich eine Chance, zu zeigen, was ich kann – auch ohne Ausbildung. Mittlerweile bin ich seit 30 Jahren im Betrieb, erst beim Vorgängerunternehmen Wiko, dann bei Jemako.

Ich habe mich mit Jemako weiterentwickelt, habe erlebt, wie das Unternehmen sein Angebot stetig erweitert hat. Das hat natürlich auch meine Arbeit verändert: Sie ist abwechslungsreicher geworden. Inzwischen bin ich Gruppenleiterin, bediene die Schneidemaschine, bin für die Arbeitsorganisation und Auftragsabwicklung verschiedener Serien zuständig. Das ich so weit gekommen bin, macht mich stolz.

Für mich sind die Kolleginnen und Kollegen, die mich auch bei privaten Problemen auffangen, ein Stück weit Familie: Deshalb arbeite ich gern bei Jemako und möchte das auch bis zur Rente tun.“

Kollegialität im Team

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Factorial HR-Report 2025

Jürgen Jürries (63), Leiter der Inhouse-Logistik beim Textildienstleister WKS in Wilsum, erzählt: „Ich bin mit dem Betrieb gewachsen, habe Höhen und Tiefen erlebt. Die WKS Textilveredlungs-GmbH ist ein Dienstleister entlang der gesamten Lieferkette und bietet alle textilen Dienstleistungen an.

In den 80er und 90er Jahren stiegen die Betriebsgröße und die Mitarbeiterzahl stetig an. Wir bereiten unter anderem fehlerhafte oder gebrauchte Textilien auf, damit sie zurück in den Warenkreislauf kommen. Bei uns gehört Nachhaltigkeit zur Unternehmens-DNA, das gibt mir ein gutes Gefühl. Ich schätze bei uns die Kollegialität – und die Chance, sich im Team weiterentwickeln zu können.

Seit 46 Jahren bin ich im Unternehmen beschäftigt und habe dort auch meine Frau kennengelernt. Nach meiner Ausbildung zum Industriekaufmann bei WKS habe ich mich zum Industriefachwirt weitergebildet und konnte schnell in der Logistik Verantwortung übernehmen. Natürlich hat sich durch den technischen Fortschritt meine Arbeit über die Jahre verändert. Deshalb sind mir neben der fachlichen Qualifikation zwei Dinge wichtig: Sich im Job treu zu bleiben und den Blick für die Kolleginnen und Kollegen nicht zu verlieren. Das konnte ich bei WKS bisher immer leben.“

Wertschätzung für die eigene Arbeit

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Factorial HR-Report 2025

Monika Brüning (54), Anlagenführerin in der Verpackung bei der Bierbaum-Gruppe in Borken, berichtet: „Seit etwa 15 Jahren arbeite ich an der Schneide- und Verpackungsmaschine, vorher habe ich einen Nähautomaten für Reinigungstücher bedient. Je nachdem, wie die Auftragslage ist, müssen auch zwei oder drei Maschinen gleichzeitig betreut werden: Da ist Abstimmung gefragt.

Es macht mir Spaß, meine Erfahrung weiterzugeben, immerhin bin ich jetzt schon 25 Jahre im Betrieb. Ich habe schon oft neue Kollegen an den Maschinen eingearbeitet. Mir ist wichtig, ihnen eine Gesamtsicht auf die Anlagen und das Arbeitsumfeld zu geben. Am Anfang geht dann alles etwas langsamer. Das ist absolut in Ordnung, denn Hektik kann einiges kaputt machen. Das Ganze zeigt mir auch, wie wertvoll meine Arbeit ist.

Natürlich gibt es auch mal Tage, da muss man sich durchbeißen, da läuft nicht alles rund. Aber da sind meine Kollegen schnell dabei, mich wieder aufzubauen. Das gehört bei uns mit dazu. Deshalb fühle ich mich hier immer noch wohl nach all diesen Jahren im Betrieb.

Anja van Marwick-Ebner
aktiv-Redakteurin

Anja van Marwick-Ebner ist die aktiv-Expertin für die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie. Sie berichtet vor allem aus deren Betrieben sowie über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach der Ausbildung zur Steuerfachgehilfin studierte sie VWL und volontierte unter anderem bei der „Deutschen Handwerks Zeitung“. Den Weg von ihrem Wohnort Leverkusen zur aktiv-Redaktion in Köln reitet sie am liebsten auf ihrem Steckenpferd: einem E-Bike.

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