Das Wichtigste auf einen Blick:
- 80 Prozent der Industriearbeitsplätze in Hessen befinden sich im ländlichen Raum
- Viele Unternehmen schätzen das im Vergleich zu den Ballungsräumen größere Platzangebot.
- Bei der Verkehrs- und Digital-Infrastruktur sehen die Betriebe noch Ausbaubedarf.
Acht von zehn Beschäftigen der hessischen Industrie arbeiten außerhalb der urbanen Zentren und sorgen flächendeckend für gute Lebensverhältnisse im ländlichen Raum. Das ist eins von vielen spannenden Ergebnissen der „Roadmap Industrie Hessen“, die aktiv in loser Reihe vorstellt.
Die Studie haben die Arbeitgeberverbände Hessenmetall und Hessenchemie gemeinsam mit der Kölner Unternehmensberatung IW Consult erstellt. Neben einer Bestandsaufnahme wurden darin konkrete Handlungsempfehlungen für Politik und Wirtschaft erarbeitet zum Erhalt einer starken Industrie in Hessen – auch abseits der Ballungsräume.
Viessmann Climate Solutions in Allendorf (Eder), ein weltweit führender Anbieter für Klima- und Erneuerbare-Energie-Lösungen, ist mit über 4.000 Beschäftigten (12.000 weltweit) einer der wichtigsten industriellen Arbeitgeber in ganz Nordhessen. Er sichert Arbeitsplätze, stärkt regionale Wertschöpfungsketten und leistet einen konkreten Beitrag zur Energiewende in Europa.
Mehr Platz für Entwicklung und Produktion
In Allendorf sind zentrale Funktionen wie Forschung und Entwicklung, Produktion und Logistik zu Hause, was den Standort zum Motor für technologischen Fortschritt für das europäische Geschäft macht. Viele Menschen wachsen hier schon mit dem Unternehmen auf, weil Verwandte oder Freunde dort arbeiten. Wer hier lebt, kann in einem internationalen Technologieunternehmen arbeiten, ohne sein Umfeld zu verlassen – sei es für Ausbildung, Studium oder den Beruf. Zudem gibt es auch ganz praktische Vorteile: „Wir haben den Raum für Entwicklung und Produktion, der an urbanen Standorten so kaum verfügbar wäre“, heißt es beim Unternehmen.
Die gute Mitarbeiterbindung und den Platz schätzt man auch in kleineren Unternehmen, zum Beispiel bei Heck + Becker in Dautphetal im Lahn-Dill-Bergland und bei FAUDI Aviation in Stadtallendorf im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Beide Regionen sind von jeher stark in der Metall-Industrie und im Maschinenbau.
Mit 90 Mitarbeitern und fünf Azubis ist das Familienunternehmen Heck + Becker schon einer der Großen in Dautphetal. Bei dem international führenden Formenbauer für Aluminium-Druckgusswerkzeuge ist man stolz auf eine niedrige Fluktuation. „Das ist Gold wert“, so Geschäftsführer Andre Weißbenner. Er schätzt das industrielle Netzwerk in der Region, die Nähe zu gleich drei Hochschulen, den bezahlbaren Wohnraum und die Nähe zur Natur. Kritisch sieht er als Chef eines Betriebs, der viel Strom benötigt, die hohen Energiekosten: „Wenn wir wollen, dass die Industrie Zukunft hat, müssen die Energiepreise runter und dürfen nicht mehr zwei- oder gar dreimal so hoch sein wie bei Wettbewerbern in China oder den USA.“ Weißbenner: „Sonst wandert Produktion ab und das hilft dann weder dem Klima noch der Region.“
Bessere Verkehrs- und Digital-Infrastruktur wäre dingend erforderlich
Marcus Wildschütz ist geschäftsführender Gesellschafter von FAUDI Aviation in Stadtallendorf, dem Markt- und Innovationsführer für die Filtration und Reinigung von zivilen und militärischen Flugkraftstoffen mit 150 Beschäftigten weltweit. Wie bei den anderen Unternehmen auch ist der Betrieb am Standort historisch gewachsen und eng mit der Region verbunden.
„Hier haben wir die nötigen Flächen, industrielle Infrastruktur und gleichzeitig ein stabiles Umfeld, um hoch spezialisierte Produkte für den internationalen Luftfahrtmarkt zu fertigen“, erklärt der Diplom-Ingenieur.
Befragt, was aus Sicht der Unternehmen im ländlichen Raum fehlt, sind sich alle spontan einig: Dringend notwendig wären schnellere Genehmigungsverfahren, eine bessere Verkehrs- und Digital-Infrastruktur sowie industriepolitische Rahmenbedingungen, die europäische Wertschöpfung gezielt stärken.
Wildschütz: „Eine verlässliche Energie- und Industriepolitik ist entscheidend, um Investitionen planbar zu machen, gerade für mittelständische Unternehmen, und auch ein deutlicher Bürokratieabbau wäre notwendig, um Prozesse zu beschleunigen und Unternehmen spürbar zu entlasten.“
Bürokratie schwächt den Standort
Die Beschäftigung in der hessischen Industrie ist seit 2016 um 7 Prozent zurückgegangen. Zudem sinkt die industrielle Wertschöpfung im Vergleich zum gesamten Bundesgebiet überdurchschnittlich stark, so die Kölner Unternehmensberatung IW Consult in ihrer aktuellen Standortstudie. Derzeit liegt sie bei 14,8 Prozent. Die dort zitierten Experten sehen eine zunehmende Schwächung des Industriestandorts Hessen. Zwar ist er einerseits exzellent in der Forschung, durch eine ausufernde Bürokratie aber wird er geschwächt.

Maja Becker-Mohr ist für aktiv in den Unternehmen der hessischen Metall-, Elektro- und IT-Industrie sowie der papier- und kunststoffverarbeitenden Industrie unterwegs. Die Diplom-Meteorologin entdeckte ihr Herz für Wirtschaftsthemen als Redakteurin bei den VDI-Nachrichten in Düsseldorf, was sich bei ihr als Kommunikationschefin beim Arbeitgeberverband Hessenchemie noch vertiefte. In der Freizeit streift sie am liebsten durch Wald, Feld und Flur.
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