Düsseldorf. Ob Autoteile, Tabletgehäuse, Brillen, Haushaltsgeräte, Funktionskleidung, Verpackungen, Möbel, Fenster: Kunststoff begegnet uns praktisch überall im Alltag. Dank des Materials wächst sogar Gemüse in der Antarktis. Eine Sensation! Statt Fertigkost landen bei den Polarforschern frische Gurken und Tomaten auf dem Teller.

Möglich macht’s ein Gewächshaus aus Polymethylmethacrylat. Der Kunststoff trotzt extremen Minus-Temperaturen, heftigen Stürmen und lässt 91 Prozent des Lichts durch. Das Hightech-Material kommt vom Essener Spezialchemie-Konzern Evonik und ist bekannt als Plexiglas – die Produkte werden auch in Worms produziert.

Dass der Werkstoff noch mehr kann, zeigt das Unternehmen jetzt in Düsseldorf auf der weltweit wichtigsten Kunststoff-Messe „K“ (19. bis 26. Oktober).

3.100 Aussteller aus 60 Ländern präsentieren ihre Innovationen. Mehrere Firmen aus Rheinland-Pfalz sind dabei.

Mit über 18 Millionen Tonnen ist Deutschland der wichtigste Kunststoff-Produzent Europas

Allein landesweit arbeiten rund 19.000 Menschen bei Erzeugern und Verarbeitern, die 2015 rund 5 Milliarden Euro Umsatz erzielten. Deutschland zählt weltweit zu den stärksten Kunststoff-Herstellern. In Europa ist die Bundesrepublik mit gut einem Drittel der Produktion der wichtigste Standort.

Doch insgesamt lief das vergangene Jahr für die deutschen Produzenten eher durchwachsen, wie die Statistik vom Erzeugerverband Plastics Europe in Frankfurt zeigt. Die Firmen verzeichneten mit 18,45 Millionen Tonnen nur ein Mengenplus von 1,4 Prozent gegenüber 2014. „Im laufenden Jahr hat sich die Produktion aber nach ersten Schätzungen positiv entwickelt“, sagt Geschäftsführer Rüdiger Baunemann.

Dünner, leichter, bruchfester – die Ansprüche an Kunststoffe nehmen zu. Vor allem neue Fertigungsverfahren wie der 3-D-Druck verlangen Hightech-Lösungen. „In der Auto-Industrie gewinnt diese Art der Schichtfertigung stetig an Bedeutung“, betont Baunemann. Sie spart gegenüber dem Spritzgussverfahren Zeit und Kosten und ermöglicht auch neue Designs. Forscher der BASF in Ludwigshafen beispielsweise tüfteln an geeigneten Materialien.

Im Fokus der Messe steht zudem das Thema Umweltschutz. „Wir sehen Kunststoff als entscheidenden Problemlöser in Sachen Nachhaltigkeit“, schildert der Experte, „in vielen Anwendungen sorgt er dafür, Ressourcen zu schonen.“ Spezielle Rezepturen verkürzen Prozesse und senken den Rohstoffeinsatz. Im Bau sparen Kunststofffenster teure Heizenergie ein – darauf hat sich etwa das Unternehmen Profine in Pirmasens spezialisiert.

Und: Folien werden dünner. Laut Marktforschung sind Verpackungen seit 1991 gut 25 Prozent leichter geworden, ohne an Funktion einzubüßen. Genau wie Plastikflaschen und -becher. Das allein sparte 2013 gut eine Million Tonnen Kunststoff.
 

Evonik erweitert Anwendung für Plexiglas

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Worms. Autohersteller setzen bei Scheinwerfern immer häufiger auf energiesparende LED-Lampen. Diese entwickeln oft viel weniger Wärme als Glühlampen. „Das ermöglicht es jetzt, Scheinwerferlinsen und zum Beispiel auch kantenbeleuchtete Linsen fürs Tagfahrlicht aus unserem Kunststoff PMMA zu fertigen – bekannt als Plexiglas“, sagt Siamak Djafarian, Bereichsleiter Formmassen beim Spezialchemie-Konzern Evonik. Der Vorteil: „Plexiglas kann Licht außergewöhnlich gut leiten und bietet höchste Transparenz, die viele Jahre anhält.“ PMMA-Produkte werden unter anderem am Standort Worms produziert.

BASF präsentiert Kunststoff für Angelschnüre

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Ludwigshafen. Das Chemie-Unternehmen BASF aus Ludwigshafen präsentiert auf der K-Messe ein neues, sehr weiches Polyamid („Ultramid“). Aus dem Kunststoff fertigt man etwa Angelschnüre. Ihre Festigkeit erhalten die zarten Fäden durch Verstreckung. Dabei werden die Moleküle in die Länge gezogen. „Je weicher das Material bleibt, umso besser kann man es handhaben“, sagt Entwicklungsleiter Frank Reil. Erstaunlich: Eine Schnur mit einem Durchmesser von 0,5 Millimetern kann bis zu 20 Kilo halten.

Raschig stellt Schutz für Elektronik vor

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Ludwigshafen. Im Auto sind sensible elektronische Bauteile verarbeitet. Hohe Temperaturen und chemische Substanzen wie Getriebeöl können sie erheblich stören. Zu ihrem Schutz umhüllt man sie deshalb mit Epoxid-Formmassen. „Diese dichten das Bauteil bis an die Kontaktstellen heran komplett ab“, sagt Klaus Lehr, Leiter der Kunststoffsparte bei Raschig in Ludwigshafen. Das Unternehmen hat eine Rezeptur entwickelt, die das Aufbringen des Kunststoffs erstmals im Spritzgussverfahren ermöglicht – unter geringem Druck. Das verschlankt den Prozess und schont die Elektronik.

Budenheim zeigt neue Schäumungsmittel

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Budenheim. Um mehr Gewicht zu sparen, werden viele Kunststoffteile chemisch geschäumt. Türgriffe oder Schalthebel etwa in Autos und Flugzeugen werden so gefertigt. In der Herstellung sind spezielle Treibmittel nötig: „Diese setzen im Kunststoff durch die Hitze bei der Verarbeitung Mikroblasen frei und schäumen kontrolliert die Zellstruktur auf“, erklärt Heiko Rochholz, Marketingleiter der Chemischen Fabrik Budenheim. Das Unternehmen stellt auf der K-Messe neue, besonders umweltfreundliche Mittel für die Schäumung vor. „Sie basieren auf Phosphaten und eignen sich für bisher unerreichte Kunststofftypen“, sagt Rochholz.

Polycasa punktet mit Sicherheitsglas

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Mainz. Das Visier am Motorradhelm, Schutzwände beim Eishockeyspiel, Verkleidungen an Maschinen oder die Schutzschilde der Polizei – Sicherheitsgläser bestehen meist aus hoch schlagzähem Polycarbonat. Das Mainzer Unternehmen Polycasa (3A Composites) liefert zahlreiche Varianten des Spezial-Kunststoffs. Das Geheimnis seiner Eigenschaft schlummert in der chemischen Struktur des Materials. Diese ist quasi elastisch. „Bei Krafteinwirkung gibt Polycarbonat nach und federt so zum Beispiel einen Steinschlag ab – ohne zu brechen“, schildert Anwendungstechniker Hanjo-Andreas Hillebrand.