Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Textilunternehmen wollen künstliche Intelligenz im Unternehmensalltag einsetzen. Ihnen geht es weniger um ein KI-Strategie.
  • Im textilen Mittelstand wird KI zunehmend genutzt, um Abläufe in Produktion, Logistik und Verwaltung effizienter zu gestalten.
  • Automatisierung durch KI entlastet Mitarbeitende, hilft gegen Fachkräftemangel und schafft Raum für qualifiziertere Tätigkeiten.

Wer über den Betrieb mit Hosen, Jacke oder T-Shirts von Mewa ausgestattet werden soll, kann bald auf das lästige Anziehen von Musterkleidung verzichten. Denn Mewa, Hersteller von Arbeits- und Schutzbekleidung aus Wiesbaden, nutzt zum Vermessen an seinen deutschen Standorten künftig ein KI-Tool. Zwei Ganzkörperbilder in enger Oberbekleidung werden aufgenommen, die per KI ermittelten Maße werden dem Größenraster der gewählten Kollektion zugeordnet. Fertig! Diese digitale Anprobe dauert nur 4 (statt bisher 20) Minuten.

Digitale Anprobe und KI in der Produktion steigern Effizienz

Am Ende ihrer Nutzungsdauer begegnen die Kleidungsstücke womöglich noch mal der KI – etwa in Gestalt eines Roboterarms mit KI-Kamera, der Textilien nach ihrem Abnutzungsgrad sortiert. Eine solche Anwendung wird gerade im Rahmen eines Forschungsprojekts der Hochschule Osnabrück bei der WKS Textilveredlungs-GmbH in Wilsum erprobt. 

„Wir sind noch in einer frühen Phase. Wenn wir in Zukunft KI für das Sortieren einsetzen könnten, hätten unsere Mitarbeiter Zeit für qualifiziertere Tätigkeiten“, sagt Gregor Kischel, Leiter Vertrieb und Textilveredelung bei WKS.

„Die Unternehmen wollen mit KI Wertschöpfungspotenziale heben“ 

Dirk Tschöpe, textil+mode nordwest

Solche Beispiele zeigen: KI ist im textilen Mittelstand angekommen – dabei geht es nicht zwangsläufig um eine unternehmensweite KI-Strategie: „Die Betriebe wollen mit KI Wertschöpfungspotenziale erschließen und vorhandene Prozesse optimieren“, erklärt Dirk Tschöpe, beim Verband der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie in Münster zuständig für das Thema. Entsprechend setzen Unternehmen etwa für sie passende KI in der Verwaltung, in der Kundenansprache, in der Logistik, im Vertrieb oder im Recruiting ein: Typische Anwendungen reichen von der automatisierten Datenübertragung in IT-Systeme durch Bots über die effizientere Gestaltung von Kommissionierungsprozessen bis hin zur Unterstützung bei der Erstellung attraktiver Social-Media-Inhalte.

Automatisierung hilft gegen Fachkräftemangel in der Textilbranche

Hinzu kommt der Einsatz in der Warenschau oder bei der vorausschauenden Wartung von Maschinen. „Die Betriebe reagieren damit auf den Fachkräftemangel. Gleichzeitig werden Mitarbeitende von monotonen Routinetätigkeiten entlastet und können sich stärker auf wertschöpfende Aufgaben konzentrieren.“ Damit die Potenziale ausgeschöpft werden können, sollten Vorurteile frühzeitig ausgeräumt werden. Tschöpe macht Mut: „Arbeit wird auch künftig bestehen – sie verändert nur ihre Form und Verteilung, sodass neue Chancen für alle entstehen.“

KI kann Wachstum stützen

Deutschland steht vor einer anhaltenden Wachstumsschwäche: Bis 2030 wird nur noch ein jährliches Plus von rund 0,6 Prozent erwartet. Gleichzeitig zeigen aktuelle Studien, dass künstliche Intelligenz hier gegensteuern kann – mit einem zusätzlichen Beitrag von bis zu 1,7 Prozentpunkten beim Produktivitätswachstum pro Jahr. Entscheidend sind zwei Hebel: Erstens steigert KI die Produktivität, indem sie Prozesse automatisiert und effizienter macht. Zweitens kann sie den Fachkräftemangel abfedern, indem sie Beschäftigte unterstützt und ihre Leistung erhöht. So wird KI zu einem wichtigen Instrument, um die strukturelle Wachstumsschwäche der deutschen Wirtschaft abzumildern.

Anja van Marwick-Ebner
aktiv-Redakteurin

Anja van Marwick-Ebner ist die aktiv-Expertin für die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie. Sie berichtet vor allem aus deren Betrieben sowie über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach der Ausbildung zur Steuerfachgehilfin studierte sie VWL und volontierte unter anderem bei der „Deutschen Handwerks Zeitung“. Den Weg von ihrem Wohnort Leverkusen zur aktiv-Redaktion in Köln reitet sie am liebsten auf ihrem Steckenpferd: einem E-Bike.

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