Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Der Experte für KI im Mittelstand berichtet aus seiner Erfahrung: Den größten KI-Effekt gibt es derzeit nicht in der Produktion, sondern im Büro. Routineaufgaben verschwinden – und plötzlich bleibt mehr Zeit für wirklich wertschöpfende Arbeit.
  • KI-Systeme beantworten zum Beispiel Kundenanfragen und helfen Technikern live bei Problemen. Wer so etwas nutzt, arbeitet schneller, macht weniger Fehler – und will bald nicht mehr ohne KI-Hilfe sein.
  • KI ist Chefsache: Das Thema muss aktiv von der Führung vorangetrieben werden. Dabei gilt es, die richtigen Fragen zu stellen: Es geht nicht darum, welches Tool genutzt werden soll, sondern darum, welches Problem eigentlich gelöst werden soll.

Julian Yogeshwar ist Unternehmer und Experte für Künstliche Intelligenz im Mittelstand. Nach seinem Studium der Unternehmensführung mit Schwerpunkt Technologie-Management an der Universität St. Gallen (HSG) war er für verschiedene Beratungsfirmen und Tech-Unternehmen tätig. Dann gründete er die KI-Beratung Just Forward. Im aktiv-Interview nimmt er Stellung zu praktischen Fragen, die aktuell sehr viele Betriebe umtreiben.

Was an der KI ist eigentlich eher Hype – und was sicher nicht?

Der Hype liegt im Kurzfristdenken: Viele Unternehmen erwarten, dass KI in sechs Monaten alles transformiert. Das ist unrealistisch. Was kein Hype ist: die fundamentale Wirkung, die KI mittel- und langfristig auf Unternehmen haben wird. Die Chance liegt darin, dass KI zum ersten Mal Dinge erledigen kann, die bislang menschlichem Urteilsvermögen vorbehalten waren – Texte verfassen, Informationen zusammenführen, Entscheidungsvorlagen erstellen. Wir können mit kleinen Teams Dinge leisten, für die wir früher deutlich mehr Personal gebraucht hätten.

„KI verändert grundlegend, wie wir arbeiten“

Julian Yogeshwar

Welche Vorteile bringt KI speziell im produzierenden Mittelstand?

Der größte Hebel liegt nicht in der Produktion selbst, sondern drumherum. Rund 50 Prozent der typischen Büroaufgaben sind repetitiv. All das kann KI heute schon massiv beschleunigen. Mitarbeiter, die bisher Stunden mit Verwaltungsaufgaben verbracht haben, können sich auf das konzentrieren, was wirklich Wert schafft. Auf der strategischen Ebene hilft KI dabei, schneller zu Informationen zu kommen – etwa wenn ein Geschäftsführer wissen will, wie ein Kunde sich entwickelt hat, oder welche Produkte im letzten Quartal die schwächste Marge hatten.

Können Sie weitere Beispiele nennen?

Wir haben bei einem mittelständischen Unternehmen eine KI-Lösung eingeführt, die eingehende Kundenanfragen analysiert, die relevanten Informationen aus dem System zusammensucht und einen Antwortvorschlag erstellt. Ein zweites Beispiel aus der Industrie: Servicetechniker haben eine KI-Lösung bekommen, die sie direkt bei der Montage unterstützt – Anleitungen, Fehlerdiagnosen, technische Informationen auf Abruf. Und bei uns selbst: Wir nutzen einen KI-Agenten, der uns administrative Aufgaben abnimmt – Terminkoordination, E-Mails vorbereiten, Dokumente auswerten. Wer das einmal erlebt hat, will nicht mehr zurück.

Warum sagen Sie, KI sei keine Technikfrage?

Weil die meisten Projekte nicht an der Technologie scheitern, sondern an der Haltung davor. Was fehlt, ist die Bereitschaft, Prozesse wirklich zu hinterfragen – und die Offenheit, Dinge anders zu machen. Die richtige Haltung ist Neugier kombiniert mit Pragmatismus. Vor allem die Frage stellen: „Wo verlieren wir gerade Zeit oder Geld, und könnte KI da helfen?“

Warum scheitern viele KI-Projekte schon im ersten Meeting, wie Sie behaupten?

Weil genau dann die falsche Frage gestellt wird: „Welche KI-Lösung setzen wir ein?“ – statt: „Welches Problem wollen wir eigentlich lösen?“ Dann kauft man ein Tool, das niemanden wirklich begeistert – und nach drei Monaten nutzt es kaum jemand. Dazu kommt: Man hat sich häufig so an die eigenen Abläufe gewöhnt, dass man gar nicht mehr sieht, wo die echten Probleme liegen. Gute KI-Projekte starten immer mit einem Schmerz: „Unser Angebotsprozess dauert zu lang.“ „Unsere Servicetechniker verschwenden zu viel Zeit mit Dokumentation.“ Von da aus arbeitet man rückwärts zur Lösung.

Welche Anforderungen stellt das Thema an die Geschäftsführung?

KI ist Chefsache. Wenn der Geschäftsführer das Thema nicht versteht und nicht aktiv vorantreibt, passiert im Unternehmen nichts oder das Falsche. Man muss in der Lage sein, die richtigen Fragen zu stellen, Ressourcen bereitzustellen und den Wandel vorzuleben.

Wie kann es gelingen, KI nicht nur im Betrieb einzuführen, sondern echte Wirkung zu entfalten?

Der entscheidende Faktor sind die Menschen. KI verändert grundlegend, wie wir arbeiten. Das löst bei vielen Unsicherheit aus, was ich verstehe. Was hilft: früh und offen kommunizieren. Die besten KI-Ideen kommen zudem oft von den Leuten, die täglich mit den Prozessen arbeiten. Man sollte mit kleinen, sichtbaren Erfolgen beginnen. Wenn zum Beispiel die Buchhalterin merkt, dass sie durch KI zwei Stunden pro Woche spart und diese für anspruchsvollere Aufgaben nutzen kann, ist sie die beste Botschafterin. Langfristig geht es um eine neue Arbeitskultur, und die muss die Führung vorleben.

Macht Ihnen an der KI auch etwas Angst?

Ja, und ich finde es wichtig, das auch offen zu sagen. Die Entwicklung geht gerade so schnell, dass es irgendwann knallen muss – ob gesellschaftlich, regulatorisch oder wirtschaftlich. Und wir verlieren gerade die besten Köpfe an die USA, weil die Rahmenbedingungen hier nicht stimmen. Das jüngste Beispiel ist Peter Steinberger, der OpenClaw erfunden hat. Wenn wir in Europa nicht aufpassen, werden wir zum reinen Konsumenten einer Technologie, die andere bauen und kontrollieren. Was mich gleichzeitig optimistisch macht: Ich erlebe täglich, wie engagiert Menschen sind, wenn man sie mitnimmt. Mein Antrieb ist letztlich persönlich. Ich möchte, dass die Welt, in der meine Kinder aufwachsen, durch Technologie besser wird, nicht schlechter. Aber dafür braucht es Verantwortungsbewusstsein auf allen Ebenen.