Das Wichtigste auf einen Blick:
- Das Projekt „Kreislaufwirtschaftsregion Münsterland“ ist Anfang 2025 gestartet. Derzeit arbeiten darin über 130 Unternehmen zusammen – hinzu kommen Hochschulen und Verbände.
- Die beteiligten Textilbetriebe bringen dabei ihr Wissen ein, um Wiederverwertungslösungen für Dämmstoffe und Geotextilien zu erarbeiten.
- Ziel des Projekts ist es, neue Produkte, Märkte und zirkuläre Geschäftsmodelle zu schaffen, die auf Kooperation und Ressourcenschonung setzen.
Im Projekt „Kreislaufwirtschaftsregion Münsterland“ arbeiten unterschiedliche Akteure zusammen, um sich den Herausforderungen der Kreislaufwirtschaft zu stellen. aktiv hat mit Projektleiter Sebastian Schürmann vom Münsterland e. V. darüber gesprochen, wie Unternehmen ihre Geschäftsmodelle daran anpassen – und wie speziell Textilbetriebe ihre Expertise einbringen können.
Herr Schürmann, was ist das Ziel des Vorhabens?
Wir wollen die Kreislaufwirtschaft in der Region voranbringen, indem wir ein Kompetenznetzwerk aufbauen. Das soll auch Textilbetrieben helfen, neue Produkte zu entwickeln, neue Märkte zu erschließen und in zirkulären Geschäftsmodellen zu denken. Wir wollen das Verständnis dafür schärfen, dass es keine Abfälle mehr gibt, sondern nur noch Wertstoff. Das fängt schon beim Produktdesign an.
Wie weit sind Sie schon gekommen?
Seit Anfang 2025 arbeiten fünf Fokusgruppen, die sich an Stoffströmen orientieren. Dazu gehören Kunststoffe, mineralische Baustoffe, Batterien, der Maschinen- und Fahrzeugbau sowie biogene Reststoffe. In den Gruppen treffen sich Verantwortliche aus Unternehmen, Hochschulen, Verbänden wie textil+mode Nordwest sowie aus Instituten und Kommunen. Es geht um konkrete Fragen: Wie können recycelte Materialien besser eingesetzt werden? Was muss sich bei öffentlichen Ausschreibungen ändern? Wie können Unternehmen ihre Wertschöpfungsketten zirkulär machen?
„Zusammen lässt sich wertvolles verborgenes Wissen heben“
Sebastian Schürmann, Projektleiter
Und wie passen Textilunternehmen da rein?
Sie sind ein wichtiger Teil des Netzwerks, weil sie Produkte in die beteiligten Branchen liefern und ihre Erfahrung einbringen, zum Beispiel bei der Entwicklung von Dämmplatten aus Alttextilien oder bei Geotextilien für den Infrastrukturbau. Die Firma Huesker arbeitet daran, Vliese für den Bodenschutz bei temporären Baustellen mehrfach zu verwenden. Und der Textilrecycler Altexbeschäftigt sich mit der Wiederverwendung von Fasern in neuen hochwertigen Produkten.
Wissen austauschen
- In dem Projekt engagieren sich 130 Betriebe zusammen mit der IHK Nord Westfalen, der Handwerkskammer Münster sowie der FH Münster.
- Es wird aus Mitteln der Europäischen Union und des NRW-Ministeriums für Wirtschaft gefördert.
- Mehr Infos zum Projekt gibt auf dem Portal des Münsterland e.V
Was bringt den Unternehmen die Teilnahme an dem Projekt ?
Der Grundgedanke ist das Kompetenznetzwerk. Teilnehmende Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen liefern sich gegenseitig Informationen, bekommen Zugang zu Wissen und Kontakten, erhalten Informationen über Fördermöglichkeiten. So lässt sich wertvolles verborgenes Wissen heben. Durch das Netzwerk entstehen Ideen für neue Produkte und erweiterte Anwendungsmöglichkeiten oder eine veränderte Wertschöpfungskette, und das über Branchengrenzen hinweg.
Haben Sie da mal ein Beispiel?
Unternehmen aus dem Netzwerk haben die Idee entwickelt, Folien regional wiederzuverwerten, die in anderen Betrieben der Region etwa als Transportschutz dienen. Das ist ein Kooperationsprojekt von Unternehmen aus verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette. So stellen die Textilveredler van Clewe in Hamminkeln und SETEX aus Bocholt Folie für den ersten Testlauf zur Verfügung. Das ist praktische Kreislaufwirtschaft.
Wie könnte dann das Geschäftsmodell etwa eines Textil-Recyclers bald aussehen?
Womöglich ist er eine Kooperation mit einem Bauunternehmen eingegangen, das ihm Dämmstoffe aus recyceltem Material abnimmt. Andererseits könnte er von den Erfahrungen eines Entsorgungsbetriebs bei Sortierung und Logistik profitieren. Vielleicht verkauft er die Dämmstoffe auch nicht mehr, sondern verleiht sie, damit sie am Ende der Nutzungsphase zurückkehren und wieder zu neuen Produkten verarbeitet werden können. Das sind Ideen aus dem Netzwerk, die den Kern des Projekts widerspiegeln: eine regionale Kreislaufwirtschaft im Münsterland aufzubauen.
Chancen durch die EU-Textilstrategie 2030
Mit Projekten wie der „Kreislaufwirtschaftsregion Münsterland“ haben Textilunternehmen die Chance, sich auf die EU-Textilstrategie 2030 vorzubereiten. Sie schreibt unter anderem vor, dass bis zu diesem Zeitpunkt textile Produkte langlebig, reparierbar und recyclingfähig sein müssen. Zudem sollen digitale Produktpässe Transparenz schaffen und der Anteil recycelter soll Fasern steigen. Die Unternehmen müssen deshalb ihre bisherigen Geschäftsmodelle auf zirkuläre Modelle umstellen. Sie halten damit die EU-Regelungen ein und erarbeiten sich zusätzlich Wettbewerbsvorteile durch neue, nachhaltige Produkte und regionale Wertschöpfung. Dadurch wird der nötige Wandel in der Textil-Industrie vorangetrieben. Bisher ist die Branche für rund 10 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich und allein in der EU landen jährlich 5 Millionen Tonnen Kleidung im Müll. Bisher werden weniger als 1 Prozent davon recycelt.

Anja van Marwick-Ebner ist die aktiv-Expertin für die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie. Sie berichtet vor allem aus deren Betrieben sowie über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach der Ausbildung zur Steuerfachgehilfin studierte sie VWL und volontierte unter anderem bei der „Deutschen Handwerks Zeitung“. Den Weg von ihrem Wohnort Leverkusen zur aktiv-Redaktion in Köln reitet sie am liebsten auf ihrem Steckenpferd: einem E-Bike.
Alle Beiträge der Autorin





