Das Wichtigste auf einen Blick:
- Die Kommunen stehen finanziell massiv unter Druck: Steigende Aufgaben und Kosten, etwa durch Bundesgesetze und höhere Kreisumlagen, treffen auf sinkende Einnahmen.
- Neuried musste 2025 sogar eine Immobilie verkaufen und Leistungen kürzen, um den Haushalt auszugleichen.
- Sparen trifft direkt die Bürger: Freiwillige Leistungen wie Musikschule, Bibliothek oder Vereinsförderungen werden reduziert, Gebühren und Steuern steigen und Investitionen wie Schulsanierungen werden verschoben.
Irgendwas scheint im Argen zu liegen, das fällt jedem auf, der sich in seinem Heimatort umschaut. Der Sportverein bekommt weniger Zuschüsse, das Schuldach wird nicht saniert. Ja, funktioniert denn gar nichts mehr in Deutschland? Doch. Aber die Gemeinden stecken seit Jahren in der Klemme. Auf der einen Seite wachsen ihre Aufgaben, dafür brauchen sie mehr Geld. Gleichzeitig sinken ihre Einnahmen etwa durch Steuern, weil die Wirtschaft einfach nicht aus der Krise kommt. Auch die Gemeinde Neuried kämpft – wie andere – mit klammen Kassen. Im Interview mit aktiv erklärt Kämmerer Robert Beckerbauer, wie er den Alltag in dem Vorort von München am Laufen hält.
Herr Beckerbauer, Ihre Haushaltsplanung für 2026 steht?
Ja, aber auch in diesem Jahr wurde jeder Euro doppelt umgedreht. Dennoch entstand am Ende eine Finanzierungslücke von 400.000 Euro, 2025 waren es 4 Millionen. Solch eine angespannte Situation habe ich in meiner Laufbahn als Kämmerer noch nicht erlebt.
Kann Neuried das stemmen?
Wir müssen! Letztes Jahr blieb uns nur der Verkauf einer Immobilie. Das ist kein schöner, aber ein notwendiger Schritt.
„Uns überrollt eine Kostenlawine“
Robert Beckerbauer, Stadtkämmerer von Neuried
Damit war es aber vermutlich nicht getan …
Nein, wir mussten sparen, wo wir sparen konnten. Das sind leider die freiwilligen Leistungen, die wir kürzen oder einstellen müssen – denn an den Pflichtaufgaben, wie der Umsetzung der Bundesgesetze, ist nicht zu rütteln.
Und an dieser Stelle trifft es die Bürger.
Korrekt. Wenn die Kommune etwa die Musikschule oder Bibliothek weniger fördert, wird das Angebot kleiner oder die Mitgliedsbeiträge steigen. 2025 waren wir auch gezwungen, die Hundesteuer von 40 auf 100 Euro im Jahr anzuheben, bei den Kita-Gebüren waren es rund 10 Prozent.
Man spart also da, wo es geht – aber wo man eigentlich nicht sollte?
So darf es eigentlich nicht laufen, Sie sagen es! Aber die Kommunen haben keine andere Möglichkeit zu sparen. Investitionen werden daher geschoben, Schulen nicht saniert. Nur um irgendwie den ganzen Bundesanforderungen gerecht zu werden, die uns als Kostenlawine überrollen.

Sie meinen etwa ab 2026 den Anspruch auf Ganztagsbetreuung auch in Grundschulen?
Zum Beispiel, ja. Insbesondere im Sozialbereich stehen wir vor Herausforderungen. Wir tragen zwar die Sozialausgaben nicht unmittelbar, aber eben mittelbar über die Kreisumlagen – und die werden munter erhöht. 2025 bedeutete das für Neuried rund 500.000 Euro mehr! Fakt ist: Wir stehen hinter den meisten Gesetzen, die vom Bund kommen – aber oft nicht hinter deren Umsetzung.
Es braucht also finanzielle Unterstützung für die Umsetzung von Bundesauflagen?
Und mehr Mitspracherecht. Die Kommunen werden nicht gefragt. Auch wenn die Länder über den Bundesrat ein gewisses Mitspracherecht haben – da wird aus meiner Sicht nicht oft genug Nein gesagt. Was die Finanzierung angeht, finde ich: „Wer bestellt, muss auch bezahlen.“ Und das nach Möglichkeit auch rückwirkend.
Gibt es neben Ausgabeproblemen auch Sorge um die Einnnahmen in Neuried?
Es herrscht große Unsicherheit. Keiner weiß, wie es die nächsten Jahre weitergeht, wie sich die Einnahmen etwa durch Gewerbesteuern entwickeln, wenn Betriebe schwächeln. Mit dieser Steuer planen wir – aber die Summen ändern sich täglich.
Bleibt da noch Platz für Optimismus?
Den muss es immer geben! Wir als Kommune haben doch auch den Auftrag, die Menschen von einem funktionierenden Staat zu überzeugen –und das direkt vor ihrer Haustür. Wer die Kommunen schwächt, der schadet auch dem Vertrauen in unsere Demokratie. Alleine dafür lohnt es sich, optimistisch zu bleiben.
Neuried
- Die Gemeinde Neuried liegt in Oberbayern und hat rund 9.000 Einwohner.
- Im Jahr 1155 wurde sie erstmals geschichtlich genannt.
- Sie liegt am nördlichen Rand des Forstenrieder Parks südlich von München und ist eine beliebte Wohnadresse für Pendler.

Nadine Keuthen stürzt sich bei aktiv gerne auf Themen aus der Welt der Wissenschaft und Forschung. Die Begeisterung dafür haben ihr Masterstudium Technik- und Innovationskommunikation und ihre Zeit beim Kinderradio geweckt. Zuvor wurde sie an der Hochschule Macromedia als Journalistin ausgebildet und arbeitete im Lokalfunk und in der Sportberichterstattung. Sobald die Sonne scheint, ist Nadine mit dem Camper unterwegs und schnürt die Wanderschuhe.
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