Osterode am Harz. Seit Wochen ist Deutschland stillgelegt. Jetzt werden die Beschränkungen Schritt für Schritt gelockert. Wie sich die Coronakrise auf die Tarifrunde in der Kautschuk-Industrie auswirkte und was für Folgen sie für die Branche hat, erklärt Kautschukpräsident Sven Vogt im aktiv-Interview.

Herr Vogt, haben wir die Corona- Pandemie anfangs unterschätzt?

Ich denke schon. Da ging es mir wie wohl den meisten anderen auch. Ich dachte: Das wird schon nicht so schlimm. Das ist wie die Grippe, das geht vorüber. Als sich dann ein Freund, ein Arzt, ansteckte und im Krankenhaus behandelt werden musste, kam Corona schnell näher. Da ist mein Respekt vor der Krankheit plötzlich mächtig gewachsen.

Was bedeutet Corona für Sie privat?

In der Familie suchen wir nach Kompromissen. Ohne Einbußen an lieb gewordenen Gewohnheiten geht es nicht. Es ist schon eine große Herausforderung für uns alle, meine zwei schulpflichtigen Töchter, meine Frau und mich, den Alltag zu gestalten.

Wie haben Ihre Mitarbeiter auf Corona reagiert?

Die erste Zeit war völlig außergewöhnlich. Viele hatten anfangs Angst. Als die Autofabriken die Produktion stoppten, sorgten sich unsere Mitarbeiter um ihre Jobs. Deshalb habe ich mir zu Beginn sehr viel Zeit genommen, um mit den Beschäftigten die neue Lage zu besprechen: Welche Auswirkungen hat das für den Einzelnen? In welchen Bereichen müssen wir Kurzarbeit einführen? Wenn ja, wie umfangreich? Kommunikation ist heute besonders wichtig.

Gibt es bei Ihnen Kurzarbeit?

Ja, bisher in relativ geringem Ausmaß. Denn nur ein Drittel des Umsatzes der Firmengruppe hängt von der Auto-Industrie ab. Wir haben alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um flexibel zu reagieren – Überstundenabbau, Urlaub, Schulungen. Die üblichen Maßnahmen halt. Flexibilität hilft in so einer Situation enorm.

Wie ändert Corona die Produktion?

Wir haben alle hygienischen Vorkehrungen getroffen. Atemschutzmasken, Händedesinfektion oder häufige Desinfektion von Sozialräumen gehören bei uns zum Alltag. Pausenzeiten und Schichtübergaben sind neu organisiert. Wir tun alles, um Abstandhalten zu ermöglichen.

Wie wirkt sich die Krankheit auf das soziale Miteinander aus?

Es entsteht ein neues Gemeinschaftsdenken. Wir alle lernen neue Umgangsformen, nehmen mehr Rücksicht aufeinander und bringen mehr Verständnis füreinander auf, sowohl im privaten wie im betrieblichen Alltag.

Können Sie bitte Beispiele nennen?

Wenn wir mit Mitarbeitern in Telefonkonferenzen sprechen, bekommen wir teilweise mit, unter welch schwierigen Bedingungen junge Familien derzeit leben und arbeiten. Da muss man akzeptieren, dass das Kind eines Kollegen mal im Hintergrund weint. Mehr Rücksichtnahme wird zur beruflichen Normalität.

Betrifft das auch die Sozialpartnerschaft in der Kautschuk-Industrie?

Die Tarifrunde ist ein gutes Beispiel. Da zeigte sich die Gewerkschaft IG BCE jetzt sehr verantwortungsbewusst. Seit vielen Monaten beschäftigen uns in der Kautschuk-Industrie die drastischen strukturellen Umwälzungen in der Automobilbranche. Corona verschärft die Situation für unsere Unternehmen noch einmal dramatisch. Die Tarifgespräche waren daher überlagert von der sehr schwierigen Situation der Branche.

Worin sehen Sie die Vorteile des neuen Tarifvertrags?

Er bringt Verlässlichkeit in die Planung unserer Betriebe. Wir haben unter zeitlichem Hochdruck an einer effizienten Lösung gearbeitet, die gleichzeitig aber auch Ausdruck der sozialen Verantwortung ist. Ich bin sicher: Die Tarifparteien haben damit einen wichtigen Beitrag für die Zukunft der Betriebe geleistet.

Was wird Corona im betrieblichen Alltag verändern?

Die Digitalisierung wird schneller voranschreiten, sowohl in der Produktion wie auch in der Verwaltung. Dennoch glaube ich: Videokonferenzen funktionieren zwar gut, können aber die menschliche Begegnung nur zum Teil ersetzen. Dienstreisen und Hotelaufenthalte werden auch in Zukunft weiter nötig sein – für Geschäftsabschlüsse, für Fort- und Weiterbildung und für Projektaufgaben. Außerdem werden wir in unserer Industrie noch stärker über Nachhaltigkeit in allen betrieblichen Prozessen nachdenken und das von unseren Lieferanten erwarten. In unserem Betrieb war das schon vor Corona ein wichtiger Punkt. Das zahlt sich heute aus.

Der Unternehmer Sven Vogt

  • Er ist geschäftsführender Gesellschafter der KKT-Firmengruppe, mit Sitz in Osterode am Harz und Werken in Nohra (Thüringen) und Pressig (Bayern).
  • Die Gruppe beschäftigt mehr als 400 Mitarbeiter.
  • Seit 2007 ist Vogt Vorsitzender des Arbeitgeberverbands der Deutschen Kautschukindustrie ADK.

 

Der Tarifabschluss

  • Der Tarifvertrag. Der Tarifvertrag von Mai 2018 wurde wieder in Kraft gesetzt und gilt weiter. Er kann frühestens Ende März 2021 gekündigt werden.
  • Die Prämie. Als Ausgleich für soziale Härten enthält der Tarifvertrag ergänzende tarifliche Elemente. So bekommen die Beschäftigten eine einmalige, fixe Prämie von 200 Euro, Teilzeitbeschäftigte den anteiligen Betrag.
  • Das Urlaubsgeld. Im Jahr 2022 wird sich – abhängig von der wirtschaftlichen Lage – das Urlaubsgeld erhöhen.

 

Die Kautschukbranche

  • 11 Milliarden Euro setzten die Firmen 2019 um.
  • 3,9 Milliarden Euro erlösten sie im Ausland.
  • 73.300 Beschäftigten geben die Gummibetriebe Arbeit.