Kiel. Im ersten Halbjahr haben deutsche Unternehmen 1,7 Milliarden Euro in Russland investiert. Das war fast so viel wie im ganzen letzten Jahr, berichtet die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer in Moskau unter Berufung auf Zahlen der Bundesbank. Nicht nur deutsche Firmen entdecken das Riesenreich wieder. Unternehmen aus aller Welt legten dort laut einer Studie der Firmenberatung Ernst & Young letztes Jahr insgesamt 201 Projekte auf – der höchste Wert seit 2010.

EU-Sanktionen infolge des Ukraine-Konflikts und anhaltender politischer Verunsicherung zum Trotz: Russland ist wieder attraktiv. Die Regierung lockt Anleger mit sogenannten Sonderinvestitionsverträgen. Zu den Vorteilen zählen Steuervergünstigungen, Hilfen bei Krediten und die Aussicht, Staatsaufträge zu ergattern.

Ein weiterer Grund für die Investitionen ist die einsetzende Erholung der Wirtschaft. „Zudem machen der schwache Rubel und niedrige Löhne das Land als Produktionsstandort attraktiv“, erklärt Klaus-Jürgen Gern, Experte für Russland beim Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

Die Rezession geht zu Ende: Nächstes Jahr wird die russische Wirtschaft um 1,5 Prozent wachsen

Und der Rubel rollt. Landmaschinen-Hersteller Claas hat 120 Millionen Euro in eine weitere Produktionslinie für Mähdrescher und Traktoren investiert. Der Dortmunder Pumpenhersteller Wilo baute für 35 Millionen Euro eine Fabrik bei Moskau, Waschmittel-Produzent Henkel erweiterte sein Werk in Perm für 30 Millionen. Wer vor Ort produziert, muss sich um Sanktionen nicht kümmern und hat einen Riesenmarkt mit rund 144 Millionen Konsumenten.



Nach der schweren Krise im vergangenen Jahr rappelt sich die Wirtschaft langsam wieder auf. Im zweiten Quartal gab es ein Miniwachstum im Vergleich zum ersten Vierteljahr. „Der Schrumpfungsprozess, die Rezession, geht zu Ende“, sagt Ökonom Gern. „Im nächsten Jahr wird die russische Wirtschaft um 1,5 Prozent wachsen.“

Einen starken Aufschwung jedoch erwartet Gern nicht. Die Industrie ist vielfach veraltet und nicht wettbewerbsfähig. Deshalb trägt vor allem das Ölgeschäft zur Erholung bei. Täglich 11,1 Millionen Fass Öl holten die Pumpen zuletzt hoch; die größte Menge seit Sowjetzeiten. Der Ölpreis ist zwar immer noch niedrig, kletterte zuletzt aber immerhin wieder auf 50 Dollar. Eine Wohltat für die klammen Staatskassen.

Hoffnung sieht Ökonom Gern für die Verbraucher. Die Inflation ist von 16 Prozent auf 6 Prozent gesunken. „Dadurch stabilisieren sich die Realeinkommen. Auf Dauer springt der Konsum wieder an.“