Das Wichtigste auf einen Blick:
- Azubi mit Schwerbehinderung: Julius Klein hat eine angeborene Gelenkversteifung – und startet eine Ausbildung zum technischen Produktdesigner bei der SMS Group in Mönchengladbach.
- Inklusion im Betrieb: Wie Schwerbehindertenvertretung und Betriebsrat dafür sorgen, dass aus einer Zusage ein funktionierender Ausbildungsplatz wird.
- Anlaufstellen für Arbeitgeber: Inklusionsamt, Agentur für Arbeit und EAA unterstützen Unternehmen dabei, Inklusion rechtlich und finanziell umzusetzen.
Ein Zahnrad als Firmensitz – ein hochmoderner Bau, überspannt von einem 330 Tonnen schweren Membrandach. Wer davorsteht, denkt eher an einen Tech-Konzern im Silicon Valley als an den Niederrhein. Aber tatsächlich sind wir in Mönchengladbach, nur 15 Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt. Von hier aus steuert die SMS Group GmbH ihre Geschäfte als einer der weltweit führenden Anlagen- und Maschinenbauer für die Metall-Industrie.
Rund 2.500 Menschen arbeiten alleine hier, am SMS-Campus. Schon bald wird auch Julius Klein zu ihnen gehören, als Azubi.
Bei der SMS Group heißt es: Technik entwerfen, nicht nur über sie reden
Klein kommt selbst aus Mönchengladbach. Er beginnt bei SMS eine Ausbildung zum technischen Produktdesigner, Fachrichtung Maschinen- und Anlagenkonstruktion. Die Aufgaben: 3D-Modelle konstruieren, Anlagen planen, Zeichnungen für die Fertigung erstellen. Es geht um Maschinen für die Stahl-Industrie, um große Technik, um Präzision. Für Klein ist genau das der Reiz: Technik entwerfen, nicht nur über sie reden. Sein Maschinenbaustudium war ihm zu theoretisch. Also brach er es ab und bewarb sich bei SMS.
„Man sollte einfach das machen, worauf man Lust hat“
Julius Klein
Der 22-Jährige ist jedoch kein gewöhnlicher Azubi. Klein hat Arthrogryposis multiplex congenita, kurz AMC. „Diese Behinderung führt dazu, dass meine Gelenke seit der Geburt versteift sind und Muskeln fehlen oder kaum vorhanden sind“, erklärt Klein im Gespräch mit aktiv.
Betroffen sind Hände, Arme und Schultern, er kann sie kaum heben oder beugen. An den Beinen trägt er sogenante Orthesen, mit denen er auf ebenen Flächen laufen kann. Sonst ist er auf den Rollstuhl angewiesen.
Damit wird Kleins Start in der Industrie auch zu einer Geschichte über Inklusion. Über viele Rädchen und Menschen, die ineinandergreifen müssen, damit aus einer Zusage ein Ausbildungsplatz wird, der funktioniert.
Inklusion – ein kniffliges Thema
Zwei dieser Menschen sind Franz-Uwe Hermanns und Katja Krieg. Hermanns war früher Techniker bei SMS, heute ist er als betrieblicher Sozialarbeiter freigestellt. Krieg arbeitet im Rechnungswesen und ist Hermanns erste Stellvertreterin in der Schwerbehindertenvertretung. Beide sind im Betriebsrat aktiv, beide kümmern sich um betriebliches Eingliederungsmanagement, um Suchtprävention und um psychische Ersthilfe.
6.132 Ausbildungsverträge für Menschen mit Behinderungen wurden im Jahr 2025 neu abgeschlossenQuelle: Aktion Mensch/Inklusionsbarometer Arbeit
„Viele Betriebe zögern beim Thema Inklusion“, meint Hermanns. Nicht aus bösem Willen, sondern weil schnell Fragen auftauchen. Wer unterstützt? Wer berät? Welche Förderung gibt es? Was muss erledigt sein, bevor ein Ausbildungsvertrag unterschrieben werden kann?
Für Betriebe gibt es viele Anlaufstellen
„Oft müssen Anträge bereits vor der Unterzeichnung gestellt werden, sonst werden die Gelder nicht bewilligt“, sagt Krieg. Genau davor schreckten manche Unternehmen zurück: vor dem Aufwand, den möglichen Kosten und einem System, das erst verstanden werden muss. Wobei Betriebe damit nicht allein klarkommen müssen.
Hermanns und Krieg verweisen auf die Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber, kurz EAA, auf die Agentur für Arbeit und das Inklusionsamt. Auch bei REHADAT findet man einen Überblick.
Das klingt nach Behördenlauf – und ist es manchmal auch. Hermanns schreckt das nicht ab: „Wenn nicht wir als Großunternehmen – wer dann?“ Inklusion koste Aufwand, lohne sich aber immer – menschlich wie gesellschaftlich (und dank Förderung auch finanziell). Am Ende sei nicht der Papierkram entscheidend, sondern das, was er ermöglichen soll: Teilhabe am Berufsleben.
Das Unternehmen
- Die SMS Group baut Anlagen und Maschinen für die Stahl-, die Aluminium- und die Kupfer-Industrie. Dazu zählen unter anderem Walzwerke, Stranggießanlagen und Pressen. Die Wurzeln des Maschinenbauers reichen bis ins Jahr 1871 zurück.
- Weltweit beschäftigt SMS an etwa 100 Standorten in mehr als 30 Ländern rund 13.500 Menschen.
- Hauptsitz ist Mönchengladbach. Am SMS-Campus arbeiten dort rund 2.500 Beschäftigte.
Klein selbst klingt da viel unkomplizierter. „Man sollte einfach das machen, worauf man Lust hat, was einem Spaß macht, und sich nicht von der Behinderung einschränken lassen“, sagt er. Nach dem Sommer beginnt für ihn bei SMS der praktische Teil dieses Satzes: eine Ausbildung, die zu seinen Interessen passt – und die zeigen kann, dass eine Behinderung den Berufswunsch nicht bestimmen muss.
Inklusion Julius Klein will seine Ausbildung dort machen, wo große Maschinen entstehen. Trotz schwerer körperlicher Behinderung. Die SMS Group öffnet ihm die Tür – und die Menschen dahinter halten sie auf.
Das Angebot von REHADAT
REHADAT informiert über berufliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Interessierte Betriebe finden dort umfassende Antworten auf Fragen wie: Wer hilft? Welche Förderung gibt es? Und wie lösen andere Unternehmen ähnliche Fälle?
Das Portal ist kostenlos und barrierefrei zugänglich. Neben dem Hauptportal gibt es Spezialseiten, etwa zu Hilfsmitteln oder zu Rechtsfragen.
Weitere Informationen: rehadat.de

Für Sprache hat er eine Schwäche: Roman Winnicki studierte Polnisch und Italienisch. Doch auch mit Zahlen fühlt er sich wohl, weshalb ein VWL-Studium folgte. Beruflich war er unter anderem in Wirtschafts- und Fachverlagen tätig, heute leitet er die Produktion des KAUTSCHUK-Magazins – und schreibt für aktiv vor allem über die Metall- und Elektro-Industrie in Nordrhein-Westfalen. Privat frönt er der „Fußlümmelei“: Wann immer es geht, schießt er das Runde ins Eckige.
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