Wiesbadener Gespräche zur Zukunft der Industrie

Industriestandort Hessen: Hohe Kosten und Bürokratie bremsen Investitionen

Auf dem Industriekongress in Wiesbaden schildern Experten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft ungeschönt die Lage: Dem Industriestandort Hessen geht es schlecht – aber es gibt auch Grund zur Zuversicht.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Beim ersten Industriekongress in Wiesbaden schildern Unternehmer die schwierige Lage des Industriestandorts Hessen.
  • Hohe Energie- und Arbeitskosten, Bürokratie und langsame Genehmigungen bremsen Investitionen und gefährden Arbeitsplätze.
  • Trotz der Krise setzen die Unternehmen auf Innovation und die Stärken des Standorts.

Die Story, die der Geschäftsführer eines Mittelständlers dem hessischen Wirtschaftsminister auf offener Bühne berichtet, klingt unglaublich: 18 Monate warte er nun schon auf die Baugenehmigung für eine neue Lagerhalle, die nach dem Bundes-Immisionsschutzgesetz geprüft werden muss. Anderthalb Jahre, in denen er langsam die Lust auf die Investition verliere. „Wie kann es sein, dass Verfahren in Deutschland immer noch so lange dauern?“, fragt er Kaweh Mansoori (SPD).

Dass ein Wirtschaftsminister Unternehmern Rede und Antwort steht, ist eine der Stärken der „Wiesbadener Gespräche zur Zukunft der Industrie“. Der Industriekongress der in Hessen starken Industriezweige Chemie, Pharma sowie Metall und Elektro fand Mitte September erstmals statt. Rund 200 Teilnehmer aus Industrie, Politik und Wissenschaft folgten der Einladung der Verbände HESSENMETALL, HessenChemie und VCI Hessen ins Wiesbadener Kurhaus.

Hessens Industrie verliert an Boden – und das bedroht Arbeitsplätze

In Vorträgen und Diskussionen ging es dort um die Frage: Wie geht es eigentlich unserer Industrie? Die kurze Antwort: nicht gut. Zwar ist sie immer noch für rund 72,4 Milliarden Euro Wertschöpfung in Hessen verantwortlich. Auch mehr als 720.000 Arbeitsplätze hängen direkt und indirekt von ihr ab. Doch wie der Ökonom Hanno Kempermann vom Forschungsinstitut IW Consult anhand von Studiendaten zeigte, verliert Hessen seit Jahren an Industrie – und zwar stärker als der Bundesschnitt.

Seit 2016 sank die Industriequote im Land um 4,2 Prozentpunkte, bis heute gingen 28.000 Industriearbeitsplätze verloren. Und wenn die Autohersteller ihre Ankündigungen wahr machen, könnten bis 2030 viele weitere folgen. Gerade in ländlichen Räumen werde das zum Problem, so Kempermann: „Ohne Industrie fehlt es an Wachstum und Wohlstand.“

Fakten & Hintergründe

Bürokratie, Arbeitskosten, Energie bremsen den Standort

Warum Unternehmen immer weniger in Hessen investieren, hat viele Gründe. Ein zentraler: die überbordende Bürokratie. Das zeigt nicht nur die Frage des Unternehmers, der seine Lagerhalle nach 18 Monaten noch nicht bauen darf. Auch in einer Umfrage unter allen Kongress-Teilnehmern landete die Regulierung auf Platz eins der Investitionshemmnisse. Hinzu kommen hohe Energie- und Arbeitskosten und ein verschärfter internationaler Wettbewerb.

„Ohne Industrie fehlt es an Wachstum und Wohlstand“ 

Hanno Kempermann, IW Consult

Dieser ungute Mix veranlasse viele Unternehmen, Produktion lieber in anderen Ländern aufzubauen, erklärte Dr. Stefan Ruppert, stellvertretender Vorsitzender von HessenChemie und Vorstandsmitglied beim Medizintechnik-Unternehmen B.Braun aus Melsungen. So seien die Arbeitskosten in Italien und Spanien nur halb so hoch wie in Deutschland und sogar in der Schweiz oft niedriger, was vor allem an den hohen Sozialabgaben liege. 

Hinzu kommen langsame Verfahren, sagte Birgit Seeger, CEO des Verbindungselemente-Herstellers Norma Group aus Maintal: Wenn der Laden brummt, dauere es in Deutschland manchmal Wochen, bis die Firma die Genehmigung für Wochenendschichten habe. „An anderen Standorten geht das sofort“, so Seeger.

Innovationen entstehen nur in einem Klima der Zuversicht

„Die Probleme sind bekannt“, sagte Baldassare La Gaetana, CEO der Aqseptence Group aus Aarbergen, einem weltweit führenden Anbieter von Systemlösungen im Bereich Filtration. Es bringe aber wenig, nur darüber zu klagen. „Wir müssen Zuversicht haben und unsere Mitarbeiter ermutigen, neue Wege zu gehen und dabei auch Fehler machen zu dürfen.“ Nur durch Innovation könne Hessen aus der Krise kommen – und die finde nur, wer Zuversicht hat.

Zahlen zur Lage in Hessen: Das Industrie-Dashboard

Wie geht es der hessischen Industrie? Ein neues Online-Angebot der Arbeitgeberverbände HESSENMETALL und HessenChemie zeigt die aktuellsten Kennzahlen dazu übersichtlich an einem Ort. In dem Dashboard präsentiert das Forschungsinstitut IW Consult viele Daten etwa zu Entgelten oder zur Produktivität: industrie-hessen.de

Michael Aust

aktiv-Redakteur

Michael Aust berichtet bei aktiv als Reporter aus Betrieben und schreibt über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach seinem Germanistikstudium absolvierte er die Deutsche Journalistenschule, bevor er als Redakteur für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Mitarbeiter-Magazine diverser Unternehmen arbeitete. Privat spielt er Klavier in einer Band. 

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