Stuttgart. Deutschlands Schlüsselbranche, die Metall- und Elektro-Industrie (M+E), steht unter dem Zeichen der Corona-Krise. Die Wirtschaftsleistung, das Bruttoinlandsprodukt, ist durch die Pandemie hierzulande im zweiten Quartal so stark eingebrochen wie nicht einmal bei der Finanzkrise 2008/2009. Doch beim Blick auf aktuelle Fakten und Zahlen zeigt sich auch: Die Unternehmen haben und nutzen neue Chancen. Sie passen Produkte und Prozesse an und tun alles, um Arbeitsplätze zu retten – denn es ist auch die Zeit der Zuversicht.

Nachdem die Aufträge der Südwest-Industrie im Lockdown-Monat April um gigantische 43 Prozent unter dem Niveau des Vorjahreszeitraums lagen, zeigen sich zwar Zeichen der Erholung. Doch das Auftragsminus fürs komplette erste Halbjahr beträgt im Vorjahresvergleich im Schnitt immer noch 15 Prozent.

Die Wirtschaft investiert in die Zukunft

Zur Jahresmitte haben bei einer Umfrage des Arbeitgeberverbands Südwestmetall 80,5 Prozent der Unternehmen angegeben, Kurzarbeit bereits eingeführt zu haben oder dies zu planen. Die Zahl zeigt die Dramatik der Situation – belegt aber zugleich, wie intensiv die Branche die Auftragsverluste mit diesem Instrument abzufedern versucht.

Und in Baden-Württemberg wird trotz Corona investiert: Bei der Staatsbank („L-Bank“) des Bundeslandes wurden – unabhängig von den speziellen Corona-Hilfen – im ersten Halbjahr sogar mehr Förderkredite nachgefragt als sonst, wie aktiv auf Nachfrage erfuhr. Ihr Gesamtvolumen lag um fast 7 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. „Das hat uns positiv überrascht“, so Pressesprecherin Cordula Bräuninger, „wir werten es als positives Signal dafür, dass die Unternehmen trotz der Corona-Krise in die Zukunft investieren.“

In manchen Betrieben geht es jetzt schon wieder aufwärts - hier ein paar Beispiele.

Batteriespezialist Varta schafft 1.000 neue Jobs

In Ellwangen stehen die Zeichen auf Zukunft. Rund 1.000 neue Arbeitsplätze will der Batteriehersteller Varta bis Ende 2021 in der Region schaffen. Denn das Unternehmen arbeitet mit Hochdruck an der neuesten Generation von kleinen Lithium-Ionen-Batterien, die eine noch höhere Energiedichte haben als bisher. Hier wird auch erforscht, wie sich die Varta-Technologie auf größere Batterieformate übertragen lässt – etwa für Energiespeicher oder Roboter. Auf einer Pilotlinie sollen diese neuen Batterieformate optimiert und in eine Massenproduktion überführt werden.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier überbrachte im Juni einen Förderbescheid – bis zu 300 Millionen Euro machen Bund und Länder bis Ende 2024 locker, um das Unternehmen zu unterstützen! Denn die Politik will, dass Deutschland über eine wettbewerbsfähige Batterieproduktion verfügt. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert zwei Großprojekte zur Batteriezellinnovation, die auf EU-Ebene realisiert werden. Varta ist Teil des ersten Projekts ebenso wie 16 weitere Unternehmen aus sieben verschiedenen EU-Ländern.

Die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut freut sich: „Gerade in der aktuell wirtschaftlich schwierigen Zeit entstehen weit über die Region hinaus wertvolle Arbeitsplätze für die Zukunft. Das ist das richtige Signal zum richtigen Zeitpunkt.“

Maschinenbauer Zahoransky liefert Anlagen für den Corona-Impfstoff

Während in aller Welt nach einem Corona-Impfstoff geforscht wird, liefert ein Maschinenbau-Unternehmen aus dem Schwarzwald bereits Anlagen, mit denen die Ampullen dafür produziert werden: Zahoransky aus Todtnau. Das Familienunternehmen hat aus den USA einen Großauftrag im Wert von 25 Millionen Euro bekommen: Geordert wurden insgesamt 17 Hightech-Anlagen, die pro Tag in der Summe 600.000 Impfstoff-Ampullen vollautomatisch verarbeiten können.

„Der Großauftrag hat uns dabei geholfen, die durch die Corona-Krise bedingten Rückgänge in anderen Geschäftsfeldern weitestgehend zu kompensieren“, erklärt Robert Dous, Mitglied der Geschäftsleitung, gegenüber aktiv.

Zahoransky hat vor mehr als 100 Jahren die Bürstenherstellung revolutioniert und ist zum Beispiel ein Spezialist für Maschinen zur Herstellung von Zahnbürsten. Heute hat das Unternehmen insgesamt rund 900 Mitarbeiter.

Die Impfstoff-Ampullen werden in einem patentierten Verfahren produziert: Nicht aus Glas wie sonst oft üblich, sondern aus Kunststoff mit einer speziellen Nanobeschichtung. Das macht sie sicherer transportierbar und länger haltbar – bei einem weltweit benötigten Impfstoff seien das „unschätzbare Vorteile“, so Dous.

Wohnmobilhersteller Hymer investiert in Bad Waldsee

Aufbruchstimmung herrscht auch im oberschwäbischen Bad Waldsee: Dort hat der bekannte Reisemobil-Hersteller Hymer seine Produktionsabläufe verbessert und baut zudem ein neue Fertigung für Fahrgestelle (Chassis), die der Region zusätzliche Arbeitsplätze bringt. Bisher entstanden bei Hymer nur die Aufbauten der Wohnmobile. Im neuen Werk laufen dann verschiedene Varianten des innovativen „Super-Light-Chassis“ vom Band, das Hymer entwickelt hat.

Der Wohnmobil-Markt ist kräftig in Bewegung: Im ersten Halbjahr wurden hierzulande laut Kraftfahrt-Bundesamt rund 10 Prozent mehr Wohnmobile neu zugelassen als im Vorjahreszeitraum. Im Sommermonat Juni lag die Zahl sogar um 62 Prozent höher als noch ein Jahr zuvor!

Dass Spezialist Hymer in die Chassis-Fertigung einsteigt, hat für das Unternehmen mehrere Vorteile: Fahrgestell und Aufbau können so beispielsweise besser aufeinander abgestimmt werden. Und: Hymer kann sich noch flexibler der Marktsituation anpassen.

„Die letzten Monate haben nochmals gezeigt, wie wichtig es ist, flexibel auf neue Situationen reagieren zu können“, sagt Christian Bauer, Vorsitzender der Hymer-Geschäftsführung. „Wie so viele Unternehmen weltweit aus unterschiedlichsten Branchen hat Corona auch uns Anfang des Jahres vor unerwartete Herausforderungen gestellt. Dennoch rechnen wir mit dem Start der neuen Produktion im Frühjahr 2021.“

Waagenspezialist Bizerba profitiert von Trends der Supermärkte

Beim Waagen-Spezialisten Bizerba aus Balingen ist derzeit alles im Gleichgewicht: Auf dem Firmengelände entsteht gerade ein neues Logistikzentrum, die Zahl der Mitarbeiter in Deutschland ist stabil. Der Vorstandsvorsitzende Andreas Kraut sagt: „Bizerba ist in der glücklichen Lage, dass wir unser Hauptgeschäft in der Lebensmittelbranche machen.“ Die Nachfrage nach digitalen Lösungen für Supermärkte habe in der Corona-Krise sogar zugelegt.

Das Familienunternehmen liefert zum Beispiel Supermarktwaagen mit Möglichkeit zur Ferndiagnose und -wartung. Das spart den Kunden Kosten und Zeit – und ist in der Pandemie besonders gefragt. Gestiegen sei zuletzt auch die Nachfrage nach Innovationen für Supermärkte.

Gemeinsam mit einem israelischen Start-up hat Bizerba eine Lösung entwickelt, die den Bezahlvorgang im Supermarkt revolutioniert. Das sieht so aus: Der Kunde scannt per Smartphone-App den Barcode der Produkte, bevor er sie in seinen Einkaufswagen legt. Am Ende prüft eine „Validierungseinheit“ vollautomatisch, ob der Wageninhalt korrekt erfasst ist (etwa anhand von Gewichtssensoren), und berechnet die Summe.

Der ganze Bezahlvorgang dauert dann nur wenige Sekunden, langes Anstehen an der Kasse ist passé. Erste solche Systeme sind schon im Einsatz, etwa in der Türkei und in Tschechien.

Firmenchef Kraut betont, mit Blick auf die gesamte Wirtschaft: „Als Produktions- und Entwicklungsstandort können wir nur bestehen, wenn wir international den Anschluss nicht verlieren.“ Insbesondere der Mittelstand müsse der Digitalisierung jetzt einen echten Schub geben. „Wir sind an den richtigen Themen dran.“