Nach knapp 40 Berufsjahren ist Werner Gutsmidl 2021 zum Lehrer geworden. Sein einziger Schüler: eine Maschine. Der Unterrichtsstoff: Leder! Denn die Maschine musste mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) lernen zu unterscheiden, ob eine Lederhaut gut genug ist, um sie für edle Ledersitze oder Instrumententafeln in der gehobenen Ausstattung von BMW-Modellen zu verwenden.
Gutsmidl ist ein Urgestein in der Individualmanufaktur des bayerischen Autoherstellers BMW. Seit inzwischen 42 Jahren arbeitet er in dieser besonderen Manufaktur in Dingolfing. Hier fertigen die Mitarbeitenden zum Beispiel Ledersitze und Instrumententafeln unter anderem auch nach speziellem Kundenwunsch. Andreas Masur, Produkt- und Prozessplaner in der Individualmanufaktur, ist stolz auf die unendlichen Möglichkeiten: „Wir haben bislang keinen Kunden heimgeschickt, ohne seinen Wunsch zu erfüllen.“
Leder zu verarbeiten ist eine Herausforderung
Der Kunde wählt die Farbe des Leders und der Ziernähte, fordert Prägungen oder Sonderstickereien an. Geht der Auftrag bei der Individualmanufaktur ein, muss eine entsprechende Lederhaut ausgewählt, zugeschnitten und schließlich zusammengenäht werden.
Viel Handarbeit ist im Spiel. Doch keine Lederhaut ist wie die andere. „Sie ist ein Naturprodukt“, sagt Lederexperte Gutsmidl. Dieses gilt es, ganz besonders zu prüfen.
Bis vor wenigen Jahren haben die Kolleginnen und Kollegen jede Haut mit dem Auge inspiziert: Hat sie Narben, Schadstellen, Falten? Das markierten sie mit Kreide: Diese Bereiche dürfen nicht für die exklusive Lederausstattung verwendet werden. Die Arbeit ist ermüdend, erfordert acht Stunden höchste Konzentration. „Da ist immer der Faktor Mensch im Spiel“, sagt Prozess- und Produktplaner Masur.
Immer mehr Daten flossen in die KI ein, um sie schlauer zu machen
Wenn die Aufmerksamkeit im Laufe des Arbeitstages nachlässt, kann eine Schadstelle leichter übersehen oder falsch bewertet werden. „Wir haben eine technische Lösung gesucht, um die Lederoberfläche schnell, fehlerfrei zu beurteilen und effizient zu nutzen“, sagt Masur. Da kam die Maschine ins Spiel, deren Lehrer Gutsmidl geworden ist. Die Firma, die sie entwickelte, hatte sie schon erfolgreich auf die Inspektion von Glas getrimmt. Jetzt musste sie „Leder“ lernen.
Gutsmidl und seine Mitstreiter starteten einen mehrstufigen Lernprozess. Die Kameras der Inspektionsmaschine erfassten zwar die Lederhaut, „aber die Maschine war dumm, sie wusste nicht, was sie sieht und wie sie damit umgehen soll“, sagt Gutsmidl. Sie lernte also, alle Arten von Schadstellen zu unterscheiden: Diese Narbe entspricht den Kriterien innerhalb unseres Naturmerkmalkatalogs, eine andere nicht. „Wir haben einfach immer mehr Daten gesammelt und so die KI immer schlauer gemacht.“
Dank künstlicher Intelligenz geht alles in einem Arbeitsgang
Digitale Inspektion und Klassifizierung der Lederfläche, Nesting und Cutting, kombiniert in einer Anlage: Die Maschine scannt das Leder, erkennt automatisch die Schwachstellen, markiert sie digital und platziert die geforderten Schnittbilder so, dass es möglichst wenig Verschnitt gibt. Anschließend schneidet die Anlage mit vier oszillierenden Messern die optimal verteilten Zuschnitte aus, in einem Arbeitsgang.
Projektleiter Masur ist hochzufrieden: „Unsere Beurteilungsqualität ist immer gleich und wir nutzen die Lederhäute in Hinsicht auf Materialkosten und Nachhaltigkeit viel besser aus.“ Das spart Geld, denn Leder ist ein teurer Rohstoff. „Die Kollegen sind zudem froh, dass eine Maschine die anstrengende Arbeit erledigt.“ Auch Gutsmidl ist stolz: „Wir haben den Skeptikern gezeigt, dass es geht. Die Technik unterstützt uns, macht unsere Produkte noch besser.“ Und die Reise ist nicht zu Ende: „Wer weiß, was die Maschine in einem Jahr kann“, freut er sich auf noch mehr Möglichkeiten.
Sonderauftrag für RB Leipzig
- Fußballprofis von RB Leipzig sitzen jetzt in der Red-Bull-Arena Leipzig auf Spielerbänken, die auf Basis der BMW-M-Sitze gefertigt wurden.
- Die Anfertigung übernahm die Individualmanufaktur Dingolfing zusammen mit der Sitzefertigung im BMW-Group-Werk München.
- Ausnahmsweise entstanden die Sitze aus Kunstleder: So sind sie wetterfest, schweißresistent und erfüllen die Brandschutzbestimmungen. Zudem sind sie elektrisch verstellbar und haben eine Sitzheizung.
- Das aufwendige Logo des Fußball-Bundesligisten stickten die Näherinnen der Individualmanufaktur in den passenden Vereinsfarben.

Alix Sauer hat als Leiterin der aktiv-Redaktion München ihr Ohr an den Herausforderungen der bayerischen Wirtschaft, insbesondere der Metall- und Elektro-Industrie. Die Politologin und Kommunikationsmanagerin volontierte bei der Zeitungsgruppe Münsterland. Auf Agenturseite unterstützte sie Unternehmenskunden bei Publikationen für Energie-, Technologie- und Mitarbeiterthemen, bevor sie zu aktiv wechselte. Beim Kochen und Gärtnern schöpft sie privat Energie.
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